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Alles ist machbar - nur wie?

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Der Vorteil der USA in Afghanistan heißt David Petraeus. Aber selbst wenn man sich dem Optimismus des Oberbefehlshabers anschließt, bleiben viele schwierige Fragen offen.


Wenn Briefings Kriege gewinnen könnten, wäre US-General David Petraeus mit Afghanistan schon fertig. Kürzlich war ich bei seiner jüngsten meisterhaften Präsentation in Kabul - allerdings hätte ich da noch ein paar nicht so leicht zu beantwortende Fragen.

Zuerst brachten Petraeus Mitarbeiter sechs Staffeleien herein, dann die Karten, mehr als einen Meter hoch, eine Informationsphalanx, so unentrinnbar wie ein Spinnennetz. Und dann betrat Petraeus den Raum und grüßte uns mit einer Mischung aus Freundlichkeit und Kampfeslust. Im Lauf der Jahre habe ich eine Menge Petraeus-Briefings erlebt. Es ist wie beim Auftritt eines Magiers: Auch wenn man den Trick schon kennt, ist man wie gebannt. Petraeus hat die Gabe, uns das Unmögliche als machbar zu verkaufen. Das hat er im Irak durchgezogen, und es könnte ihm auch in Afghanistan gelingen.

Der Afghanistan-Plan in klassischer Petraeus-Manier nähert sich dem Problem aus allen Richtungen: von oben nach unten, wenn es um das Aufstellen der afghanischen Armee geht, und von unten nach oben, wenn es um die Ausbildung von Stammesmilizen geht. Aber es geht auch um militärische Stärke, besonders die tödlichen Überfälle der US-Special Operations Forces bei Nacht. Und es geht um eine funktionierende Verwaltung in dem korrupten und instabilen Land.

Die interessanteste Karte in Petraeus Briefing ist jene der "Dorfstabilisierungsmaßnahmen", die zeigt, wie US-Sondertruppen abgelegene Bergtäler nördlich der Provinz Helmand schützen. Im Lauf des Jahres machten sie lokale Nester ausfindig, in denen die Dorfältesten nicht zu den Taliban halten, und helfen nun, den Widerstand zu organisieren.

Petraeus Plan ist so weitläufig, dass man leicht übersehen kann, was tatsächlich vor sich geht. So gibt es keine große Schlacht um Kandahar. US-Soldaten befreien nur die Gürtel rund um die Stadt, in denen sich die Taliban verschanzt halten, und richten viele kleine Kampfaußenposten mit afghanischen Streitkräften ein. Das soll fortgesetzt werden, bis die Taliban aus den Bevölkerungszentren vertrieben sind.

Wie in jedem Krieg geht es auch hier letztlich um Willenskraft. Der Vorteil der USA heißt Petraeus: Er ist einer der willensstärksten Menschen, die man sich nur vorstellen kann. Doch selbst seine Gewinnermentalität reicht hier nicht aus. Wie die Geschichte zeigt, sind drei Variablen nötig, um mit einem Aufstand fertig zu werden: ein echter Aussöhnungsprozess, keine Unterschlupfmöglichkeiten für den Feind und eine kompetente Landesregierung. Nichts davon existiert in Afghanistan.

Hier also ein paar Fragen, die ich bei Strategie-Experten innerhalb und außerhalb der Regierung aufgelesen habe, die auf Erfolg hoffen, aber fürchten, dass die Zeit nicht reicht: Wie können die USA größere Anreize für Afghanistans Regierung schaffen, die Verantwortung zu übernehmen? Wie können sie Aussöhnung und Wiedereingliederung beschleunigen? Können die Pakistaner direkter in die Aussöhnungsversuche einbezogen werden? Soll mit ihren Freunden im Haqqani-Netzwerk verhandelt werden? Können die USA etwas von den jährlich 100 Milliarden Dollar für Afghanistan abzweigen, um Frieden in den Stammesgebieten zu erkaufen? Wie kann man die CIA besser nützen? (Der Afghanistan-Krieg begann als paramilitärische Aktion der CIA, vielleicht sollte er auch so enden.) Wie sollen die USA (hinter den Kulissen) mit Afghanistans Präsident Hamid Karzai umgehen? Mehr Druck ausüben? Ihn ignorieren? Ihn fallen lassen?

Übersetzung: Redaktion

Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".