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Alles neu in Grönland: Vor Linksruck und Autonomie

Von Andreas Stangl

Europaarchiv

Polarinsel wählt am Dienstag. | Nuuk. (apa) Die zu Dänemark gehörende Polarinsel Grönland wählt kommenden Dienstag - knapp drei Wochen vor dem feierlichen Inkrafttreten des neuen Autonomiestatuts - noch einmal ein neues Inselparlament. Jüngste Umfragen deuten dabei auf einen Sieg der linksorientierte Inuit Ataqatigiit (IA/ "Gemeinschaft der Menschen") hin. Sie könnte mit 44 Prozent der Stimmen zur neuen dominierenden Kraft im Parlament (Landsting) werden.


Die IA sitzt derzeit in der grönländischen Hauptstadt Nuuk in der Opposition. In den vergangenen Jahrzehnten seit der Autonomie von Dänemark im Jahr 1979 wurde die größte Insel der Welt praktisch ununterbrochen von den Sozialdemokraten (Siumut - "Vorwärts") regiert - zuletzt unter Ministerpräsident Hans Enoksen in einer Koalition mit der rechtsliberalen Agrarier-Partei Atassut ("Gemeinschaftsgefühl"). Die IA war 2007 wegen eines Streits um ihrer Meinung nach zu hohe Fangquoten für arktische Shrimps aus der Regierung ausgetreten.

Verschiedene Skandale, bisher unbewältigte Missstände im Justiz- und Gesundheitswesen sowie eine "Grapschaffäre" um Siumut-Gründer Jonathan Motzfeld unterhöhlten zuletzt die Wählerbasis der verbliebenen Regierungsparteien.

Systemwechsel

Siumut dürfte gemäß einer am Donnerstag in der Kopenhagener Zeitung "Politiken" veröffentlichten Umfrage rund neun Prozent seiner Wähler verlieren. Koalitionspartner Atassut könnte der Erhebung zufolge sogar die Hälfte seiner Stimmen einbüßen.

Die dänische Grönland-Expertin Pia Vedel Ankersen sieht in dem prognostizierten Wahlergebnis einen regelrechten Systemwechsel nach 30 Jahren sozialdemokratischer Dominanz.

Die IA erfreut sich vor allem bei den jüngeren Wählern wachsenden Zuspruchs. Sie vertritt einerseits eine nationalistische, die Identität der Inuit (früherer Begriff: Eskimos) stärkende Linie und ebenso sozialistische wie grüne Standpunkte.

Gleichzeitig betonte die IA in ihrem Wahlkampf aber auch die wirtschaftlichen Chancen des Klimawandels für Grönland. So schlug die Partei die Errichtung eines großen internationalen Freihafens auf der Insel vor. Dieser läge am Ausgang der künftig als kommerzielle Seeroute bedeutsam werdenden Nordwestpassage.

Neuer Autonomiestatus

Die Parlamentswahlen waren Mitte April wegen der bevorstehenden feierlichen Einführung des neuen, ausgeweiteten Autonomiestatuts von November auf Juni vorgezogen worden. Die über 56.000 Grönländer hatten sich vergangenes Jahr in einer Volksabstimmung für eine stärkere Unabhängigkeit von Dänemark ausgesprochen.

Grönland erhält künftig die weitgehende Kontrolle über seine Bodenschätze. Unter anderem hofft Grönland auf umfangreiche Ölfunde in seinen Gewässern. Unter dem schmelzenden Inlandeis Grönlands werden weitere Bodenschätze wie Gold und andere Edelmetalle vermutet. Außerdem wird Grönland administrativ stärker unabhängig. Die Insel ist seit 1979 ein autonomes Überseegebiet Dänemarks. 1985 trat das Land nach einem drei Jahre vorher abgehaltenen Referendum aus der Europäischen Union aus.

Wirtschaftlich ist Grönland von Subventionen aus Kopenhagen abhängig - jährlich zuletzt rund 3 Milliarden Kronen (403 Millionen Euro).