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Alltag in Osttimor

Von Jack Taylor

Politik

Darwin · Caranega Dos Santos hörte die Schreie ihres gefolterten Freundes im Nebenraum. Erst wurde er von indonesischen Soldaten mit Elektroschocks gequält, dann mit Messerstichen. Bevor der 32-

Jährige starb, konnte er seiner Freundin noch zurufen, sie solle fliehen. Dass die 19-Jährige aus dem osttimoresischen Ort Los Palos tatsächlich mit dem Leben davonkam, verdankt sie einem Priester,

der die Soldaten nach einigem Hin und Her dazu bewegen konnte, sie laufen zu lassen. Ihr Freund hatte dagegen kein Glück: Er wurde nach seiner Misshandlung pro-indonesischen Terror-Milizen übergeben,

die ihn umbrachten und in ein Massengrab warfen.

Ein indonesischer Armee-Offizier leitete die "Befragung" des jungen Mannes. Die Soldaten wollten ihn zwingen, die Namen von Befürwortern der Unabhängigkeit zu verraten.

Caranega kann ihre Geschichte erzählen, weil sie inzwischen in Sicherheit ist. Sie gehört zu jenen Hunderten von Flüchtlingen, die in die australische Stadt Darwin evakuiert wurden und dort nun in

einem Lager leben. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass die junge Frau unter der brutalen Gewalt der indonesischen Besatzungsmacht leidet. Die erste Bluttat, die ihr Leben prägte, wurde

verübt, als sie vier Wochen alt war. Damals wurden ihre Eltern umgebracht.

Von ihren Pflegeeltern hat sie nun seit über zwei Wochen nichts mehr gehört. Pro-indonesische Milizionäre hatten dem Paar gedroht, weil Caranega eine Stelle bei den Vereinten Nationen hatte. Sie ist

überzeugt, dass viele Milizionäre von der indonesischen Armee zu den Greueltaten gezwungen werden. Viele würden auch mit Geld gelockt oder mit Drogen gefügig gemacht werden: "Weil ich weiß, dass sie

diese Dinge nicht aus freien Stücken tun", sagt die 19-Jährige.

Die 17-jährige Enia Rompi, die ebenfalls aus Los Palos stammt, wartet inzwischen seit über einer Woche auf ein Lebenszeichen ihrer Eltern und Geschwister. Bis vor zwei Wochen hat sie als Übersetzerin

für die UNO gearbeitet. Auch sie ist sich sicher, dass sich viele der Milizionäre nicht freiwillig an der Gewalt beteiligen. Sie kenne einige, "die selbst Angst haben" und eigentlich ganz "nette

Burschen" seien.

Voller Verbitterung ist der 32-jährige Marciano da Silva. "Das Volk von Osttimor wurde vom Rest der Welt verraten, vor allem von Pionieren der Demokratie wie Amerika", klagt er. Zuerst habe der

Westen Osttimor auf den Weg zu Eigenständigkeit und Demokratie gebracht und dann schändlich im Stich gelassen.

Wie viele Osttimoresen schon getötet worden sind, kann niemand sagen. Aber die Berichte eines australischen Helfers lassen Schreckliches ahnen. Seine Frau habe in Dili ein von der Polizei angelegtes

gigantisches Massengrab gesehen, "vollgestopft mit Leichen". Tausende Leichen, sagt Isa Bradbridge.