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Alptraum Aleppo

Von WZ-Korrespondentin Petra Ramsauer

Politik

Infektionskrankheiten, Panik vor Luftangriffen und Kriminalität.


Aleppo. Die Haut des Mannes schuppt, legt wunde Flecken in seinem Gesicht offen. "Die Nerven", sagt er. "Ich kratze mich ständig." Wie viele hier will er nur seinen Vornamen nennen: "Marwan." Er steht an einem Checkpoint in dem von den Rebellen gehaltenen Teil Aleppos neben seinem Wagen. Bewaffnete Kämpfer durchwühlen seine Habseligkeiten. In sein von Rost zerfressenes Auto hat er an diesem Morgen alles gepackt, was der Krieg von seinem Leben übrig gelassen hat. Der vollgestopfte Kofferraum lässt sich nicht mehr ganz schließen. Matratzen, Decken und Kleidung quellen heraus. Am Rücksitz stapelt sich Kochgeschirr. Seine Frau und die beiden Kinder quetschen sich am Beifahrersitz zusammen. Blass und erschöpft.

Wohin er fährt? "In ein Dorf, einen ruhigeren Bezirk. Es gibt keinen Plan, außer zu überleben. Wir sind heute Früh aufgewacht und sagten uns: Es reicht. Aus." Vor allem die Nächte seien nicht mehr zu ertragen, so Marwan, der wie sechzig aussieht, aber wahrscheinlich nicht einmal vierzig ist. "Wir haben keinen Strom. Das heißt: kein Licht, keine Nachrichten. Es ist stockdunkel und alles, was wir hören, sind Explosionen. Das Grollen der Granaten, ohrenbetäubendes Knallen, wenn Raketen einschlagen, Maschinengewehre. Die Kinder halten das nicht aus. Und mein Job lag auf der anderen Seite der Stadt, der, die von Assads Armee gehalten wird. Wir stehen vor dem Nichts, ohne Geld, ohne Perspektive."

Erbitterte Kämpfe

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Doch es ist eine Reise ins Nichts. Allein während der vergangenen zwei Monate hat sich die Zahl jener, die innerhalb Syriens auf der Flucht sind, auf 4,25 Millionen Menschen verdoppelt. Fast sieben Millionen der 23 Millionen Syrer bräuchten dringend humanitäre Hilfe. Zugang hat die internationale Gemeinschaft keinen. Mehr als 100.000 Menschen starben in dem Konflikt; pro Tag werden 100 bis 200 Menschen getötet: Aufständische, Soldaten, Zivilisten auf beiden Seiten.

Seit dem Juli des Vorjahres, nach einer Offensive der Freien Syrischen Armee FSA, tobt um Aleppo, die größte Stadt Syriens, ein erbitterter Stellungskrieg zwischen Aufständischen und den Truppen von Präsident Bashar al-Assad. Ganze Straßenzüge wurden zu Kraterlandschaften, die Front durchtrennt die drei Millionen Einwohner-Stadt in zwei Hälften. Wer von einer Seite zur anderen will, muss damit rechnen, erschossen zu werden. "Jeder gestrige Tag entpuppt sich als besser als das Heute. Und heute ist mit Sicherheit besser, als es morgen sein wird." Dieser Satz wird hier oft wiederholt.

Marwan lebte bislang in Scheich Maksud, einem überwiegend von Kurden bewohnten Stadtteil Aleppos, direkt an dieser Front. Ende März gelang es den Rebellen-Milizen, das Viertel einzunehmen. Die Kämpfe gehen aber weiter. Schutz bietet hier wenig. Ein ausgebrannter roter Linienbus zum Beispiel, der in eine offen einsehbare Straßenkreuzung geschoben wurde, soll den Passanten Deckung bieten. Denn Scharfschützen der syrischen Armee halten noch immer einzelne Wohnblöcke, nehmen jeden ins Visier, der sich bewegt.

Allgegenwärtige Todesangst

Oder sie könnten es wenigstens. Im Krieg um Aleppo, um Syrien, wird gezielt eine der brutalsten Waffen eingesetzt, die es gibt: Angst. Die Ahnung vor dem, was passieren könnte, traumatisiert Millionen. "Ich habe schlimme Alpträume", sagt Rania, eine 40-jährige Hausfrau, Mutter von drei Kindern. Ihre Augen sind rot unterlaufen, die Wangen eingefallen. "Ich verstehe, dass sich der Rest der Welt damit schwer tut zu begreifen, was wir aushalten müssen. Oder was aus Syrien werden soll. Wir haben viele Kriminelle, auch hier, in den befreiten Gebieten. Menschen werden gekidnappt, um Geld zu erpressen. Viele hat der Krieg verändert. Es wird gestohlen, geraubt. Die Rebellen-Gruppen stellen so etwas wie eine Polizei. Aber wem kann ich trauen? Und selbst wenn: Wie soll ich ohne Strom für das Telefon oder Handy-Netz jemanden erreichen, wenn Gefahr droht?" Doch es gehe weiter, das Leben, man würde hier ein neues, freies Syrien aufbauen können, mit der Zeit eben. "Theoretisch", ergänzt sie, denn: "wir bräuchten Hilfe. Niemand bietet uns Schutz vor den Luftangriffen, den Bomben, den Kampfhelikoptern und auch vor den fürchterlichen Waffen, die sie gegen uns richten."

So sind am 13. April um drei Uhr morgens zwei Kanister aus einem Helikopter auf ein Wohnhaus in Scheich Maskud gefallen. Viele Hinweise legen nahe, dass dabei Nervengas freigesetzt wurde. Eine Frau, zwei kleine Kinder starben. Fünf Helfer, die den überlebenden Familienvater in einem Spital verarztet haben, wurden verletzt. Seither ist jeder ungewohnte Geruch, auch das entfernte Geräusch einer Explosion, mit Todesangst verbunden. Mitunter ist die Panik so groß, dass Menschen aus Angst schwer krank werden, wie viele Ärzte bestätigen.

Panik grassiert deshalb auch in jenen mitunter weiten Regionen des "befreiten" Aleppos, wo die Straßenkämpfe abgeflaut sind, Obst und Gemüse an den Straßen verkauft werden, Tischfußball unter freiem Himmel gespielt wird, Ziegen und Schafe grasen, eine Ahnung von Gelassenheit, sogar Lebenslust aufkeimt. Diad Abdullah etwa, ein 30-jähriger Lehrer, verlässt im Viertel Hanano ein Geschäft mit einem orangen Kanarienvogel in einem Käfig. Aber nicht für die Kinder, zur Ablenkung: "Den haben wir gekauft, damit wir Bescheid wissen, ob sie uns mit chemischen Waffen angreifen. Der Vogel stirbt zuerst, das habe ich einmal in einem Roman gelesen."

In Wahrheit ist es eine hilflose Geste. So wie auch die Zelte, die nun vor den Spitälern stehen. "Wir können hier zwei Menschen auf einmal dekontaminieren, wenn Chemiewaffen eingesetzt würden", so der Kinderarzt und Onkologe Rahim Yahir. Der 59-Jährige verbrachte den Großteil seines Lebens in den USA, in Miami. Vor zwölf Tagen kehrte er in seine Heimat Syrien zurück, um zu helfen. "Was ich sehe, ist eine einzige Katastrophe. Niemals haben wir eine Chance, einem Giftgasangriff etwas entgegenzusetzen. Hier im Großraum Aleppo leben mittlerweile sechs Millionen. Wir haben Medizin, um vielleicht ein paar Hundert behandeln zu können."

Tödliche Infektionen

Doch viel mehr Sorgen bereiten ihm die indirekten Folgen des Krieges: "Heute Morgen habe ich im Labor den ersten Polio-Fall bestätigt bekommen. Ein vierjähriges Mädchen ist erkrankt. Doch das ist erst der Anfang. Ich befürchte bis zu 3000, vielleicht 4000 weitere Fälle." In seinem Spezialgebiet, der Behandlung Krebskranker, sei die Lage verheerend. Bis zu 90 Prozent aller Medikamente wurden in Aleppo hergestellt. Nun steht die Produktion still. "Doch, ehrlich gesagt, bei den erkrankten Kindern würden Chemotherapien keinen Unterschied machen. Die meisten sterben an Flüssigkeitsverlust, weil die schlechten hygienischen Bedingungen dazu führen, dass sich Darminfektionen massiv ausbreiten. Vor allem jetzt, da es immer wärmer wird."

Die akute Stromnot führt dazu, dass keine Kühlschränke laufen. Treibstoff, wie Diesel für die Generatoren, kostet das Hundertfache im Vergleich zur Vorkriegszeit. Dies oder die hohen Preise für Nahrungsmittel kann kaum jemand bezahlen, da die Arbeitslosigkeit bei nahezu 90 Prozent liegt. Paradeiser kosten das Vierfache, Brot das Doppelte wie früher. Verschärfend kommt hinzu, dass die Infrastruktur der Millionenstadt kollabiert. Müllberge türmen sich um die Wohnviertel, der Abfall rottet nun bei Temperaturen von über dreißig Grad vor sich hin. "Wir hatten vor zwei Jahren einen Lebensstandard fast wie in Europa. Und jetzt: Jetzt sind wir in der Steinzeit angelangt", meint der Anwalt Abu Jamen, der zuletzt vor einem halben Jahr ein Honorar bezahlt bekommen hat: "Wir wollten nur in Freiheit leben. Dafür haben wir alles riskiert. Wirklich alles."