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Als aus Nachbarn Feinde wurden

Von Christian Hoffmann

Wissen
Hassparolen in Wien 1938.
© corbis

Erinnerung an die Schrecken des November 1938 ist unverändert wichtig.


Wien. Können sich Ereignisse wie die Novemberpogrome des Jahres 1938 wiederholen? - Mit dieser Frage befassten sich die Teilnehmer einer Podiumsdiskussion im Theater Hamakom in Wien, die der Fernsehsender W24 am Mittwoch ausgestrahlt hat. Gekommen waren Hannah Lessing, die Leiterin des Nationalfonds der Republik Österreich, Herwig Hösele, Generalsekretär des Zukunftsfonds, Reinhard Göweil, Chefredakteur der "Wiener Zeitung", Frederic Lion, Leiter des Theaters, sowie der Historiker Georg Traska, der maßgeblich an dem Projekt "Strom der Erinnerung" mitgearbeitet hat, in dem zwanzig Überlebende der jüdischen Gemeinde Sechshaus ihre Erlebnisse schildern.

Georg Traska sah durchaus gefährliche Entwicklungen auch im modernen Europa wie zum Beispiel die Übergriffe auf die Roma und Sinti in Ungarn, die von den Behörden toleriert würden. Er wies darauf hin, dass in Österreich mit den Ereignissen im November 1938 der latente Antisemitismus früherer Perioden eine neue, nie gekannte Qualität erreicht habe. "Die Menschen sind in die Nachbarwohnungen gegangen und haben sich geholt, was ihnen gefallen hat", sagt er. "Und das in Friedenszeiten. Da war vom Krieg noch keine Rede."

Reinhard Göweil war überzeugt davon, dass es nach wie vor eine dringende Aufgabe der Medien sei, die Erinnerung an diese Vorgänge wachzuhalten. In den Redaktionen der Ersten Republik, in denen übrigens viele jüdische Journalisten beschäftigt waren, müssten viele Mitarbeiter gewusst haben, was sich da zusammenbraute. Doch sei schon im Ständestaat die Presse gleichgeschaltet gewesen. Und 1938 habe sich beispielsweise der damalige Chefredakteur der "Wiener Zeitung" als getarnter Nazi zu erkennen gegeben und einen "schändlichen Kommentar" zum Ausbruch der Gewalt in der Nacht von 9. auf 10. November geschrieben.

Für Hannah Lessing begann die ernsthafte Arbeit der Erinnerung an jene Tragödie in Österreich mit dem Jahr 1991, als man mit einer Erklärung von Bundeskanzler Franz Vranitzky auch offiziell von der Haltung abrückte, das erste Opfer Nazideutschlands gewesen zu sein. Sie sei auch beeindruckt davon, auf welches rege Interesse die Auftritte von Zeitzeugen in den Schulen stießen. Das Bild der Juden in Wien vor 1938 sei immer noch völlig verschwommen. Sie seien weder "die Reichen" noch die Bewohner der Leopoldstadt gewesen. Die meisten von ihnen gehörten zur Mittelschicht und lebten in allen Bezirken der Stadt.

Entmenschlichung

Herwig Hösele unterstrich, wie problematisch das politische Umfeld im Europa des Jahres 1938 war. Damals habe es abgesehen von der Tschechoslowakei keinen einzigen demokratischen Staat in der Umgebung Österreichs gegeben. Was aber noch lange nicht erkläre, so Hösele, dass sich Österreicher in hohem Maß an den Übergriffen der Nacht von 9. auf 10. November beteiligt hatten. Und es sei bis heute noch kaum abschätzbar, was Österreich nach dieser Entwicklung in Wissenschaft und Kunst verloren hat.

Für Frederic Lion setzt eine solche Katastrophe eine lange "Politik der Entmenschlichung" voraus, zu der es auch in der Gegenwart Parallelen gebe. Im Theater Hamakom am Nestroyplatz, in dem 1905 auch Karl Kraus auf der Bühne gestanden war, wurde übrigens im Jahr 1938 ein großer Teil des Ensembles verhaftet. In späteren Jahren war in den Räumen lange ein Supermarkt untergebracht gewesen, die Neuentdeckung des Theaters der "Jüdischen Künstlerspiele" begann erst im Jahr 1997. Seit 2009 wird das "Theater Nestroyhof/Hamakom" wieder bespielt.

"Strom der Erinnerung"
Der Fernsehsender W24 sendet in der Nacht von 9. auf 10. November alle Folgen der Serie "Strom der Erinnerung". Bei diesem Projekt erzählen zwanzig Wienerinnen und Wiener von ihren Erfahrungen rund um das Novemberpogrom. Die Serie ist auch als Doppel-DVD erhältlich, die W24 gemeinsam mit der "Wiener Zeitung" herausbringt. (Zu beziehen bei www.w24.at.) Abonnenten der "Wiener Zeitung" können die DVD gratis beim Abo-Service (Tel. 0810 0810 99, E-Mail abo-center@wienerzeitung.at, Fax 01/206 99-100 oder 0810 0810 89, Kennwort "Strom der Erinnerung") beziehen.