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Als der Logos den Mythos besiegte

Von Heiner Boberski

Wissen

Sehr vorsichtig tasteten sich die Referenten beim Österreichischen Wissenschaftstag auf dem Semmering an das Thema "Weltbilder in den Wissenschaften" heran. Fazit: Letztlich tragen alle Disziplinen nur mehr oder weniger große Mosaiksteinchen bei, um die Realität annähernd erfassen zu können.


Alljährlich versammelt Ende Oktober der Österreichische Wissenschaftstag der Österreichischen Forschungsgemeinschaft (ÖFG) Vertreter der unterschiedlichsten Disziplinen zum Dialog auf dem Semmering. Für ÖFG-Präsident Heinrich Neisser ist die Veranstaltung, die heuer dem Thema "Weltbilder in den Wissenschaften" gewidmet war, eine seit 1989 an Bedeutung gewinnende "Erfolgsgeschichte". Viele Teilnehmer und viele Gesprächselemente - etwa Platons Höhlengleichnis oder Schrödingers Katze - kehren jedes Jahr wieder.

Den Auftakt machte heuer der Philosoph Peter Strasser aus Graz. Er wies auf den Zusammenhang von Bewusstsein und Gehirn hin und stellte fest: "Wir bewegen uns in einer ontologischen Schleife. Jede Erfahrung bezieht sich auf etwas, was außerhalb von uns existiert." Unsere Vorstellungen beziehen sich auf etwas, was zumindest existieren könnte. Unser Blick bleibe notwendig an unsere Subjektivität gebunden. Auch Werte seien letztlich subjektiv. "Realität", so Strasser, "repräsentiert das Ziel, dem wir erkennend zustreben, ohne es je ganz erreichen zu können."

"Gott würfelt nicht"

Anton Zeilinger vom Institut für Experimentalphysik der Universität Wien stellte sich der Frage, ob es "noch" ein naturwissenschaftliches Weltbild gebe. Die Naturwissenschaften könnten, so Zeilinger, nur sagen, welche Weltbilder nicht möglich sind, zum Beispiel das alte Ptolemäische Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt. Aber, so Zeilinger, wie weit spielen die Naturwissenschaften überhaupt eine Rolle im Weltbild der Menschen, wenn 45 Prozent der US-Amerikaner annehmen, der Mensch sei in den letzten 10.000 Jahren von Gott erschaffen worden? Wie wenig im allgemeinen Sprachgebrauch Erkenntnisse der Naturwissenschaften begriffen werden, erläuterte Zeilinger am oft gedankenlos verwendeten Wort "Quantensprung": Ein solcher ist gar nichts Besonderes, sondern klein und zufällig.

Die Frage, ob alles Gesetzen unterworfen sein müsse oder auch Zufälle Platz haben, beschäftigte schon Albert Einstein und Niels Bohr. Einsteins Wort: "Gott würfelt nicht" hielt Bohr, so Zeilinger, entgegen: "Hören Sie auf, Gott Vorschriften zu machen." Zeilingers Resümee: "Wir können nur noch Vorhersagen über Ensembles machen, das Einzelereignis entzieht sich grundsätzlich der Vorhersagbarkeit. Ferner ist die Annahme, dass alle Beobachtungsergebnisse, die wir erzielen, durch Eigenschaften der Welt determiniert sind, die vor und unabhängig von der Beobachtung existieren, nicht mehr haltbar."

Etliche Referate auf dem Semmering bedeuteten zwar interessante Beiträge zum Selbstverständnis einzelner Wissenschaften, kapitulierten aber vor der Frage nach schlüssigen Weltbildern. Marcel Weber, Molekularbiologe aus Basel, verabschiedete den Begriff Information aus der Biologie mit einer Metapher. Er verglich ihn mit einer Leiter, mit deren Hilfe die Molekularbiologie auf den Baum der Erkenntnis gestiegen sei, den sie aber nun nicht mehr brauche. Bernd-Christian Funk, Staats- und Verwaltungsrechtler an der Universität Wien betonte, dass das Modell einer Rechtswissenschaft, die in der Lage wäre, Recht als objektive Wirklichkeit zu beschreiben, aufzugeben sei.

Ökonomie und Werte

Für Manfred Deistler vom Institut für Ökonometrie und Systemtheorie an der Technischen Universität Wien liegt das Problem der Wirtschaftswissenschaften darin, dass ihr Untersuchungsgegenstand extrem komplex und ständigem Wandel unterworfen ist. Die "Wirklichkeit" könne nur über "Konstruktionen", etwa das Bruttonationalprodukt, wahrgenommen werden. Arbeitslosigkeit werde mit unterschiedlichen Verfahren erhoben. Mit "kreativer Buchhaltung" würden Daten verschleiert, etwa in den letzten Jahren das Ausmaß des griechischen Budgetdefizits. Die Globalisierung stelle die Ökonomie vor ganz neue Aufgaben, es gebe dazu völlig unterschiedliche theoretische Ansätze, die mit einer grundsätzlichen Wertediskussion verbunden seien.

Von Hasen und Füchsen

Einen erfrischenden und letztlich viel über die Welt aussagenden Vortrag steuerte der Wiener Mathematiker Rudolf Taschner bei. Die Welt der Zahlen ist unendlich. Ich zähle, also bin ich, könnte man formulieren. Taschner entführte kurz in die Fauna am Semmering, bot Formeln über die dort lebenden Population von Hasen und Füchsen an, doch der Todesschrei eines Hasen entziehe sich mathematischen Kriterien.

Die Mathematik schafft keine Wirklichkeit, sie vermag nur sehr viel zur Entschlüsselung der Struktur der Wirklichkeit beizutragen. Taschner verblüffte das Auditorium mit der Aussage, am 25. Mai 585 vor Christus habe der Logos den Mythos bezwungen. Damals fand in Kleinasien zwischen Medern und Lydern eine Schlacht statt. Die dabei hereinbrechende und bis dahin üblicherweise als Ausdruck göttlichen Zornes gedeutete Sonnenfinsternis war vom Mathematiker Thales von Milet vorausberechnet worden.

Vitaly Gorokhov Moskauer Experte für Nachhaltige Entwicklung, widmete sich dem "Weltbild des Ingenieurs" und mahnte mehr wissenschaftliche Ethik im Umgang mit dem kulturellen und natürlichen Makrokosmos ein.

Jürgen Trabant, Sprachwissenschafter von der Freien Universität Berlin, zog das Wort Weltansichten dem Wort Weltbilder vor. Bis zur Renaissance habe die Verschiedenheit der Sprachen entweder als Katastrophe, die man mit dem Turmbau zu Babel in Verbindung brachte, gegolten oder nur als oberflächliches Problem vor der Annahme, es gebe in allen Kulturen ein ähnliches Denken. Heute wisse man: Mit der Vielfalt der Sprachen - es gibt etwa fünf- bis sechstausend auf unserem Planeten - gehen unterschiedliche Kulturen und "Weltansichten" einher. Während aber die einen nach universellen Gemeinsamkeiten in den Sprachen forschen oder sich die Einheitssprache wünschen, wollen andere die Vielfalt als kostbaren Schatz der Menschheit hüten.

Materie und Sinn

Mit ihrer Analyse von Georg Lichtenbergs Parabel "Ein Traum" von 1794 führte die Salzburger Literaturwissenschafterin Konstanze Fliedl anschaulich vor, dass die rein materialistische Sicht der Welt nicht nur die Welt nicht ganz erklären, sondern auch zu ihrem Untergang führen könne. In Lichtenbergs Text geht es um einen Gelehrten, dem ein kleines mineralisches Kügelchen zur Untersuchung übergeben wird.

"Er prüft es nach allen gängigen physikalischen und chemischen Verfahren: beriecht und befühlt es, reibt und erwärmt es, probiert es gegen Stahl, Glas und Magnet und vieles mehr. Nichts ist sonderlich auffällig oder wertvoll. Aber was er da geprüft hat, war die "ganze Erde", und mit seinen Methoden hat er "die ganze Schweiz und Savoyen, und den schönsten Teil von Sizilien herunter gehauen", ganze Landstriche von Afrika ruiniert, am Ende die Erde chemisch zerstört."

Der Konstanzer Soziologe Thomas Luckmann ging Marcel Webers Vortrag ein und erklärte, für die Naturwissenschafter möge der Begriff Information obsolet sein, nicht aber in der Welt der Menschen. In den Sozialwissenschaften beschäftige man sich mit kommunikativen Vorgängen und nicht nur mit Produkten. Wichtig, so Luckmann mit Bezug auf Fliedl, sei der Sinn eines Buches, nicht seine chemische Zusammensetzung. Es gebe zwar keine spezifisch französische, deutsche oder amerikanische Chemie, wohl aber national andersartige Schulen der Soziologie. Luckmann konstatiert eine Spaltung in den modernen Wissenschaften, das Wissen vom Menschen werde vom Wissen über den übrigen Kosmos getrennt. Nun befinde man sich im Stadium der metaphysischen Orientierungslosigkeit. Auch Luckmann wollte lieber nicht von Weltbildern sprechen, sondern wie Trabant von Weltansichten.

Weltbild und Menschenbild

Zum Abschluss mühte sich der Gießener Anglist Ansgar Nünning um eine Zusammenfassung der Tagung. Er verteidigte die Sprache in Bildern und Metaphern, diese hätten sich auch am Semmering als wichtige Schlüssel für einen fruchtbaren Dialog zwischen den verschiedenen Disziplinen erwiesen. Dabei sei disziplinäre Kompetenz die Voraussetzung für interdisziplinäre Kooperation. Erzählungen bestimmten das Leben, Metaphern seien Mini-Erzählungen. Man sollte die Welt auch als inszeniertes Medienereignis sehen.

Nünning war bei der Tagung zu viel von Weltbildern und zu wenig vom Menschenbild die Rede: "Eine Welt, in der wir nicht mehr zählen könnten, wäre arm, aber eine Welt, in der nur noch Zahlen Bedeutung haben, wäre noch erheblich ärmer." Mit Bezug auf den 11. September 2001 und dessen Folgen betonte Nünning die Rolle der Wissenschaften als Lebens- und Überlebenswissenschaften. Wolle man den Clash of Civilizations verhindern, bräuchten Politiker nicht nur Militär- und Wirtschaftsexperten, sondern auch Kulturberater.

Für ein Nachdenken über wissenschaftliche Weltbilder war diese Tagung sicher ein brauchbarer Ansatz, vielleicht sogar - im Sinne Zeilingers - ein Quantensprung.