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Als die Berge laufen lernten

Von Stefan Spath

Reflexionen
Idyll in Vent
© Spath

Das kleine Vent im hintersten Ötztal verkörpert den Imperativ Tirols: "Du musst wandern!" - Vor 150 Jahren lag in Vent eine Wiege des Alpintourismus.


Alexander Scheiber hat etwas Zeit zum Verschnaufen. Am Samstag hatte der junge Wirt der Breslauer Hütte am Fuß der Wildspitze 130 Gäste zu versorgen. Heute stecken nur einige wenige Bergsteiger ihre Köpfe zusammen, um am gemütlichen Kachelofen die nächsten Gipfeltouren vorzubereiten. Quartier, Verpflegung und Schutz vor Wetterkapriolen bietet die Breslauer Hütte bereits seit 1882. Die Familie Scheiber bewirtschaftet das steinerne Monument des alpinen Tourismus in dritter Generation. Lohnend und anstrengend zugleich sei sein Job, erzählt der bärtige Pächter bei einem Pfefferminztee. Manchmal sei es mit 12 Stunden Arbeit am Tag nicht getan. Wenn er Ende Juni mit Frau und Kindern von Vent heraufzieht, muss er noch Schnee von der Terrasse schaufeln. Und wenn er Ende September dicht macht, bläst der Wind schon Schneeflocken gegen die stattliche Alpenvereinshütte.

"Es ist eine eigene Art zu leben", resümiert Alexander Scheiber. Von bescheidenen Anfängen hat sich die Breslauer Hütte zu einem vier Gebäude umfassenden Komplex gemausert. Auch der jetzige Pächter passt sie laufend den Erfordernissen neuer Bergsteiger-Generationen an. Eben baute er das hütteneigene Mini-Wasserkraftwerk aus, um die Stromversorgung zu verbessern. E-Mail habe man als eine der ersten Hütten genutzt, erklärt der umtriebige Wirt. Aber dies habe auch eine Kehrseite: Denn nun trudeln die ersten Anfragen bereits im Februar ein, wenn er noch als Ski- und Snowboardlehrer unten in Vent arbeite.

Vent und das hinterste Ötztal, das ist erstklassiges Bergsteiger-Gebiet. Kein Ort Österreichs hat mehr Gletscher; nirgends locken mehr eisumkränzte Gipfel an der 3500-Meter-Marke. Ihre Königin ist die Wildspitze, mit 3774 Meter Höhe der zweithöchste Berg Österreichs. Um hierher zu gelangen, muss man lange Anfahrten in Kauf nehmen. Sechs Stunden von Wien mit dem Auto, länger mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Vent ist das Ende Österreichs, und in dieser entlegenen Ecke des Landes ein Auskommen zu finden, keineswegs selbstverständlich.

Großen Anteil daran hat Franz Senn (1831-1884), der vor 150 Jahren als Kurat (Hilfspfarrer) in das 1900 Meter hoch gelegene 45 Seelen-Nest Vent kam. Im Jahr 1860 war das Hochgebirge eine Tabu-Zone. Bergsteiger galten bestenfalls als spleenige Exzentriker. Für Senn entpuppte sich sein Amt als Berufung - in mehrfacher Hinsicht. Die Urgesteinsgipfel, die noch keine Menschenseele erklommen hatte, und die damals noch bedrohlichen Gletscher, wo die "Saligen Frauen" und andere Sagengestalten umgingen, übten eine magische Anziehungskraft auf den Spross einer Ötztaler Bauernfamilie aus. Bald reifte in ihm der Plan, die Ötztaler Naturwunder weithin bekannt zu machen und damit auch der Bevölkerung neue Einkünfte zu erschließen.

In seinem Pfarrhof bot Senn den ersten Alpinisten Obdach. 1862 kam eine Unterkunft mit 30 Schlafplätzen samt einer Bergbibliothek dazu. Auf eigene Kosten ließ er Wege errichten, er initiierte den Bau von Schutzhütten und erstellte erste Richtlinien für das Bergführerwesen. Münchner Studienfreunde und Bekannte trugen die Kunde von der Schönheit der Ötztaler Alpen nach außen. 1869 zählte der "Gletscherpfarrer" zu den Gründungsmitgliedern des Deutschen Alpenvereins in München (der Österreichische Alpenverein zeigte wenig Interesse an einer praktischen Erschließung der Berge). Als Senn, gesundheitlich angeschlagen, Vent 1872 den Rücken kehrte, war die Basis gelegt für eine Entwicklung, die die Täler am Alpenhauptkamm für immer verändern sollte. Mit der Entdeckung der Berge als Erholungsraum und Abenteuerspielplatz wuchs der Alpenverein lawinenartig. Sogar im schlesischen Breslau bildete sich eine Sektion und kratzte Mittel für die Erbauung einer Schutzhütte zusammen. Die Venter nagten nicht am Hungertuch, aber erstaunliche Chancen taten sich auf. Ein guter Bergführer konnte um 1910 in einer Saison das Geld für bis zu vier Kühe verdienen. Die Erschließung der Alpinregionen verlangte zudem Träger, Wegemacher, Hüttenwirte, Quartiere. Ein Narr, wer nicht ins Geschäft kommen wollte! Längst bildet die Zimmervermietung das ökonomische Rückgrat Vents. Von der einfachen Pension bis zum eleganten Vier-Sterne-Hotel mit Zirbenholz-Möbeln reicht das Spektrum. Darunter hat das Ortsbild zwar gelitten, aber himmelschreiende Bausünden wie andernorts im Ötztal gibt es nicht. Was wohl damit zusammenhängt, dass Vent nur einen alten Sessellift und drei "Schlepper" hat. 1980 war die Chance da, als Wintersport-Rummelplatz ähnlich wie Sölden ganz groß rauszukommen. Das passte den Ventern nicht - sie lehnten ab.

Stattdessen stellt der 140-Einwohner-Ort seine Qualitäten als "Bergsteigerdorf" in die Auslage. Ein dichtes Netz von Spazierwegen, Panoramawegen und alpinen Steigen erschließt die umliegenden Täler, Gletscher und Berge. Acht Schutzhütten bis in eine Höhe von 3272 Meter sind im Tagesmarsch-Radius zu finden. Abgerundet wird das Bergerlebnis durch das "Venter Know-how". In der Tradition Senns vermitteln die Bergführerstellen alles, was es zu einem sicheren Abenteuer im Hochgebirge braucht: Alpines Grundwissen ebenso wie Techniken, aus Gletscherspalten zu entkommen. Gipfeltouren mit professioneller Begleitung lassen sich ebenso buchen wie ein privater Bergführer.

Bereits der 30-minütige Spaziergang zu den Rofenhöfen macht Lust auf mehr. Haflinger-Pferde äsen am Talboden; Tiroler Grauvieh und mit Farbklecksen gekennzeichnete Schafe bevölkern die mit Blumenteppichen überzogenen Wiesen eine Etage darüber. Wie ein letzter Außenposten der Menschheit schmiegt sich die Rofen-Siedlung in 2011 Meter Höhe an die Bergflanke, beschützt von Lawinenzäunen, einem Bannwald und einer schneeweißen Kapelle. Ein kleiner alpiner Nervenkitzel ist auch dabei: der Weg über die Hängebrücke, die sich in 30 Meter Höhe über die tosende Rofener Ache schwingt. In der höchstgelegene Dauersiedlung der Ostalpen dann die Qual der Wahl: Hauswurst, Schweinsbraten auf Rofener Art oder einfach weiter marschieren, bis Südtirol grüßt?

Anderntags um 9.30 Uhr. Hubert Scheiber, mit 82 Jahren der Doyen der Venter Bergführer, begrüßt vier Familien zu einer naturkundlichen Exkursion auf den Mutsbichl. Bald verschluckt ein uralter Zirbenwald die Wanderer. Aromatisch steigt der Duft des Nadelholzes in die Nase; es geht sich federnd auf dem mit Zirbennadeln gepolsterten Serpentinenweg. Mancherorts drängen sich die Baumriesen so eng aneinander, dass Flechten und Moose die unteren Äste mit einem Rauschebart überziehen. Der Wald wird zum Märchenwald.

Die Lichtungen nutzt Scheiber für Botanik-Lektionen: Er warnt vor dem giftigen Gelben Eisenhut, bittet den seltenen punktierten Enzian vor den Vorhang, aus dem vier Täler westlich im Paznaun der "echte" "Enzner" gebrannt wird, und erinnert sich, dass die Bauern früher aus dem Zwergwacholder einen alkoholfreien Durstlöscher brauten. Er erzählt von steinzeitlichen Jägerlagern und rätoromanischen Bergnamen wie Similaun oder Mutmal, die die Besiedelung Vents von Süden her belegen. Dass die Venter lange ihre Toten über die Jöcher schafften, um sie südlich des Alpenhauptkamms zu begraben, darf in diesem Bild genauso wenig fehlen wie der jährliche Schaftreck aus Südtirol und der berühmte "Ötzi". Vor 5300 Jahren starb der Jäger bei dem Versuch, das 3200 Meter hohe Tisenjoch hinüber ins Ötztal zu queren. 1991 aperte die Gletschermumie aus und bescherte Vent Schlagzeilen rund um den Globus.

Der Aufstieg zum Mutsbichl vergeht wie im Flug. Similaun, Weißkugel, Kesselwandspitze - eine nach dem anderen treten die Majestäten der Ötztaler Alpen aus den Talschlüssen hervor, umrahmt von weiß glitzernden Gletscherkragen. Unumstrittene Bergschönheit im Panorama ist der Similaun, dem nur ein Meter auf die 3600er Marke fehlt. An seiner Nordflanke strömt der geriffelte Marzellferner herab. In der Zwischenkriegszeit, erläutert Scheiber, reichte der Ferner noch beinahe an die Martin Busch-Hütte; die Wirtsleute pflegten zwischen Eisblöcken Rinderhälften zu kühlen. Und noch vor 30 Jahren konnte er an seinem "Lieblingsgletscher" eine grandiose Tour anbieten: Abseilen in die bis zu 15 Meter tiefe Spalten samt Foto-Shooting. "Heute wäre das nicht mehr möglich", bedauert der Bergführer. Die ausgeprägten Moränenwälle verraten, dass der Marzellferner wie alle Ötztaler Eisriesen rasch an Substanz verloren hat. Wie rasch, wird allerdings erst aus den Erzählungen der Einheimischen deutlich.

Der Feldstecher geht rundum. Am Hang gegenüber ist eine Prozession zum Wilden Mannle auszumachen, einen der "leichten" Dreitausender um Vent. Dann der Moment, auf den alle gewartet haben: Ein Windstoß lupft die Wolkenbank von der Wildspitze. Mit ihren gezacktem Profil und ihrer Schulterstola aus Schnee gebietet sie Respekt. Wie oft er oben gestanden ist? "700 Mal. Zum ersten Mal war ich mit 19 oben, zum letzten Mal mit 79", gibt Scheiber Auskunft. Noch während man die Höhenmeter nachrechnet - 1330 Höhenkilometer bei Aufstieg von Vent - kommt dem 82-jährigen der Satz aus: "Packen würde ich ihn heute wahrscheinlich schon noch."

Vent - praktische

Infos/Urlaubsguide.

Tourentipps:

Eine gute halbe Stunde dauert der Spaziergang von Vent zu den Rofenhöfen. Die Touren auf den Mutsbichl und auf die Breslauer Hütte (Abkürzung durch Sessellift auf die Stablein-Alm) erfordern etwas Kondition und sind auch für etwas größere Kinder geeignet. Die naturkundliche Exkursion "Arnika, Ötzi & Co" auf den Mutsbichl findet im Sommer jeden Montag statt (9.30 Uhr ab Tourismusinfo Vent, Anmeldung bis zum Vortag).

Tourismusinformation:

Ötztal Tourismus - Büro Vent

Venterstraße 28, 6458 Vent

T: 0 57 200 260

www.vent.at

Weitere Informationen im Internet finden sich auf den Seiten

www.oetztal.com und www.naturpark-oetztal.at. Wie 16 weitere Orte nimmt auch Vent an der Tourismusinitiative des Österreichischen Alpenvereins "Bergsteigerdörfer" teil. Informationen über diese "Pionierdörfer" des Alpinismus findet man auf der Webseite

www.bergsteigerdoerfer.at

Geführte Wanderungen auf die Wildspitze und andere Giganten der Ötztaler Alpen, Alpinkurse und vieles mehr bietet die

Bergführerstelle Vent

Hr. Kilian Scheiber

Marzellweg 7, 6458 Vent

T: 05254 8106

ww.bergfuehrer-vent.at

Unterkunft.

Eine gute Frühstückspension - der Hausherr ist auch Bergführer - ist das

Garni Stefani

Marzellweg 5, 6458 Vent

T: 05254/8108

www.garni-stefani.com

Ab 26 Euro p.P. im DZ mit Frühstück.