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Als die Stadt zu Asche wurde

Von Sonja Blaschke

Reflexionen

Vor 70 Jahren erlebte die damals elfjährige Sachiko Matsuo den Atombombenangriff auf Nagasaki mit. Sie leidet seither nicht nur an den körperlichen Folgen, sondern musste auch Diskriminierung erfahren.


Ein gleißendes Licht breitete sich in Sekundenbruchteilen über Nagasaki aus. So einen Blitz hatte sie noch nie gesehen. "Als ich mich fragte, was das war, doooooon, gab es ein lautes Donnern", sagt Sachiko Matsuo. "Dann flog das Dach unserer Hütte davon." Was passiert war und wie viel Zeit danach verging, weiß sie nicht mehr. Nur dass sie gerade noch auf Reisstrohmatten gesessen war, und nun auf einmal barfuß auf der blanken Erde stand. Um sie herum war plötzlich tiefe Nacht. Wie lange sie dort gestanden haben mag, weiß sie nicht.

Sachiko Matsuo ist eine von noch rund 183.000 lebenden "Hibakusha". Das ist der japanische Begriff für Menschen, die verstrahlt wurden. Die damals Elfjährige befand sich in Nagasaki, als um 11.02 Uhr aus dem Bomber "Bockscar" der amerikanischen Luftwaffe die Atombombe "Fat Man" abgeworfen wurde, drei Tage nach der ersten Atombombe "Little Boy" in Hiroshima. Es waren die ersten und letzten Angriffe in der Menschheitsgeschichte mit Atomwaffen auf bewohnte Ziele. Über 200.000 Menschen starben in den ersten Monaten nach dem Angriff in beiden Städten. Noch heute leiden viele an den Folgen. Sie tragen ein höheres Risiko, an Krebs zu erkranken. "Die Bombe hat meine Welt auf einen Schlag verändert", sagt Matsuo, eine selbstbewusste Frau mit weinrot gefärbtem Haar, die gerne Kleidung mit Spitzenmuster trägt. Lange wollte sie am liebsten nicht über die Katastrophe sprechen. Die heute 81-Jährige sorgte sich lange, ob ihre Söhne und deren Kinder wohl durch sie gesundheitliche Schäden davon getragen hätten. Doch vor einigen Jahren schloss sie sich "Hisaikyo", einer Organisation von erzählenden Zeitzeugen, an. Diese berichten von ihren Erfahrungen, meist im Rahmen des Friedensunterrichts an japanischen Schulen.

Warnung per Flugblatt

Für Matsuo ist eine solche Erziehung heute wichtiger denn je. Ihre Erfahrung hat sie den Krieg fürchten gelehrt. An jenem schicksalshaften 9. August vor 70 Jahren war die Fünftklässlerin mit ihrer Oma, ihrer Mutter, zwei Brüdern und drei Kindern einer befreundeten Familie in einer kleinen Hütte an einem Berghang über Nagasaki. Dort passten gerade zwei Reisstrohmatten hinein. Ihr Vater und ihre älteren Geschwister waren bei der Arbeit in den Waffenfabriken, wie viele in den letzten Monaten vor Kriegsende. Ihr Vater hatte darauf bestanden, dass die Familie am 7. August die Innenstadt von Nagasaki verlasse. Er traute den Luftschutzkellern nicht. "Außerdem glaubte er, was auf den amerikanischen Flugblättern stand", erklärt Matsuo. Immer wieder warfen amerikanische Flieger Flugblätter mit Botschaften an die Bevölkerung ab, die sie zur Aufgabe bewegen sollten. In dem Flugblatt, das ihr Vater gesehen habe, stand auf Japanisch, dass Nagasaki am 8. August in eine "Stadt der Asche" verwandelt werden würde. Doch der 8. August kam und ging, ohne dass etwas passierte. Hatte sich ihr Vater täuschen lassen? Dieser blieb skeptisch. Der 8. August in den USA, argumentierte er, würde dem 9. August in Nagasaki entsprechen. Trotzdem ging er am nächsten Tag zur Arbeit.

Als die Bombe mit dem Spitznamen "Fat Man" in einer Höhe von 1500 Metern über Nagasaki explodierte, war Matsuos Vater 800 Meter vom Hypozentrum entfernt in einer Waffenfabrik. Gebäudetrümmer begruben ihn unter sich. Zwar zogen ihn Kollegen heraus, und er schaffte es noch zu seiner Familie auf den Berg, doch erlag er seinen Verletzungen. Wer, wie er, näher als einen Kilometer vom Ground Zero entfernt war, starb in weit über 90 Prozent der Fälle - von Trümmern erschlagen, verbrannt, verstrahlt.

Sachiko Matsuo, das achte von zwölf Kindern der Familie, war damals 1,3 Kilometer entfernt vom Ground Zero. Verwirrt stand sie nach dem Blitz und dem Donner in der Dunkelheit. Alleine, wie sie dachte. Irgendwann hörte sie die Stimme ihrer Mutter. "Seid ihr in Ordnung, geht es Euch gut?" Keiner antwortete, auch Matsuo nicht. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass ihr zweitjüngster Bruder mit dem Rücken zu ihr stand. An seinem Hals klaffte eine riesige Wunde. "Bis zum Weißen konnte man sehen", erinnert sich Matsuo, "aber es floss kein Blut". Er weinte nicht, sondern blickte nur die Mutter an. Etwas hatte diese an der Stirn getroffen. Sie hatte eine Beule, die beim Zusehen wuchs, und nie mehr verschwinden sollte.

Die Amerikaner hatten in den Wochen vor den Abwürfen der Bomben die Liste der möglichen Ziele von 17 auf vier reduziert. Kyoto war gestrichen worden, weil ein beteiligter Amerikaner die Stadt kannte und die Kulturschätze nicht zerstört sehen wollte. Sie wählten vor allem Orte mit viel Industrie. In Nagasaki betrieb der Mitsubishi-Konzern mehrere Waffenfabriken und Schiffswerften. Am 9. August peilte der US-Bomber "Bockscar" mit seiner tödlichen Fracht zuerst die Industriestadt Kokura im Norden der Insel Kyushu an. Doch eine dichte Wolkendecke und Smog führten nach drei Fehlversuchen zu einer Kursänderung - gen Nagasaki.

Für gläubige Katholiken wie Sachiko Matsuo und ihre Familie war das kein Zufall. "Es war eine Strafe für unsere Sünden", sagt Matsuo, die von ihrer frommen Großmutter geprägt wurde. "Aber zugleich war es auch eine Chance, die Gott uns gab." So wie sie dachten damals nicht wenige Menschen in Nagasaki. Nirgends leben mehr Katholiken in Japan als dort. Missionare aus Europa hatten im 16. Jahrhundert in Südjapan viele Kirchengemeinden gegründet. Der Glaube verbreitete sich schnell - zu schnell für den Geschmack des Tokugawa-Clans, der Japan von 1603 bis 1868 beherrschte. Auf ein Verbot der Religion folgten öffentliche Hinrichtungen von Christen, die zu ihrem Glauben standen. Matsuos Familie hingegen gehörte zu den "versteckten Christen", die ihrer Religion im Geheimen treu blieben. Als die Bombe fiel, war es in Nagasaki längst wieder erlaubt, sich öffentlich zum christlichen Glauben zu bekennen.

Doch mussten alle Schulkinder dem Tenno, dem Kaiser und Oberhaupt der japanischen Shinto-Religion, Ehre erweisen. "Jeden Tag, wenn wir zur Schule kamen oder sie verließen, mussten wir uns erst ganz tief in die Richtung verbeugen, wo ein Bild des Kaisers hing", erinnert sich Matsuo.

Verlust der Familie

Ende Juni 1945 wurde die Schule geschlossen. "Immer wieder war Fliegeralarm, wir hatten kaum etwas zu essen oder richtige Kleidung." Seither war sie in ihrem Elternhaus, 700 Meter vom Hypozentrum der Bombe entfernt im Stadtteil Ohashimachi, "eine ruhige Stadt, viel Grün, ein paar Felder." Neben einer Fabrik, in der Torpedoteile hergestellt wurden, habe es nur einige kleine Fabriken gegeben. Wer am Tag der Bombe dort war, hatte so gut wie keine Überlebenschancen. Von Matsuos ältester Schwester, die im Elternhaus war, fand man nur noch das Skelett. Außerdem starben zwei ältere Brüder, die Ehefrau von einem Bruder, sowie zwei Tanten. Von zwei weiteren älteren Brüdern und einer Tante fehlt bis heute jede Spur. In den Wochen nach der Katastrophe zog der Rest der Familie für ein halbes Jahr nach Togitsumachi. Dort konnten sie über Verwandte eine Hütte mieten. Bevor das nächste Schuljahr losging, kehrten sie nach Ohashimachi, das Land ihrer Vorfahren, zurück.

Japaner in anderen Präfekturen wusste lange nichts oder wenig über das Schicksal der Verstrahlten in Nagasaki und Hiroshima. In den betroffenen Städten war das anders. Dort wurden die Betroffenen diskriminiert, vor allem die, die nahe am Hypozentrum waren. "Heirate keine Hibakusha", habe es oft geheißen, erinnert sich die Seniorin. Man fürchtete die Geburt behinderter Kinder. Matsuo heiratete schließlich einen Mann aus der Nachbarpräfektur Saga. Sie bekam erst einen gesunden Sohn, nach drei Fehlgeburten einen weiteren. "Weil er nichts wusste, hat er mich geheiratet", sagt Matsuo. Sie glaubt, dass er es im Nachhinein mit der Angst zu tun bekommen hat. Noch heute könne sie sich nicht verzeihen, was sie ihren Kindern und Enkeln aufgebürdet habe.

Status "Hibakusha"

Erst 1957 wurden die Überlebenden vom Staat als "Hibakusha" anerkannt und bekamen einen speziellen Pass. Damit bekommen sie zweimal jährlich eine Gesundheitsuntersuchung und sämtliche Behandlungskosten für Krankheiten vom Staat bezahlt. Matsuo leidet an einer Augenkrankheit und nimmt Schilddrüsenmedikamente. "Es ist wichtig, dass ich selbst gut auf meine Gesundheit aufpasse, ich bin ja Erzählerin." Diese Aufgabe ist der 81-Jährigen, die fit wirkt, sehr wichtig. Sie wünscht sich, dass möglichst viele Menschen, auch Politiker, nach Nagasaki kommen, um von Zeitzeugen zu erfahren, was es bedeutet, in Kriegszeiten zu leben.

Mit Sorge verfolge sie derzeit die Parlamentsdiskussionen im Fernsehen. "Ich bekomme den Eindruck, dass diese Regierung Krieg führen will", sagt Matsuo. "Was mich am meisten erschreckt, ist, dass sie Artikel neun der Verfassung ändern will". Dieser Artikel in der seit 1947 gültigen Verfassung besagt, dass Japan auf die Möglichkeit, Krieg zu führen, verzichtet. Japan darf sich demnach selbst verteidigen, aber nicht Verbündeten beistehen, wenn diese angegriffen werden. Über 60 Prozent der Japaner sind gegen dieses Vorhaben der Regierung. Immer mehr Menschen gingen in den letzten Wochen in Protest auf die Straße. "Die Verfassung verhindert seit 70 Jahren den Krieg!", sagt Matsuo. Würde sie geändert, befürchtet die Seniorin, dass bald Krieg ausbrechen könnte. "Krieg bedeutet, Menschen umzubringen!", mahnt sie. "Wenn ein Mensch geboren wird, wird er mit so viel Liebe von allen Seiten mühevoll aufgezogen - und dann wird ein Menschenleben von einem Moment auf den anderen grausam ausgelöscht - das geht nicht!", sagt Matsuo mit Nachdruck. "Bevor ich Menschen umbringen würde, würde ich lieber selber sterben."

Sonja Blaschke, geboren im süddeutschen Augsburg, lebt als freie Journalistin in Japan und berichtet über japanische Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur.