Zum Hauptinhalt springen

Als die Wiener Zeitung-Community rebellierte

Von Gerhard Männl

Leserforum

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Der durchschnittliche Leser der Wiener Zeitung äußert seine Emotionen mit der distinguierten Noblesse eines englischen Lords, mit gelegentlichem Rascheln beim Umblättern oder verhaltenem Räuspern.


Aumayrs Gastkommentar vom 11. Mai 2017 um 14.05 Uhr löste einen - meiner Meinung bisher nicht gewürdigten - Begeisterungstaumel aus. "Kern ist jetzt nur noch Passagier" regte zu 54 Kommentaren an und wurde mit 1053 Lesenwerts gewürdigt. 1053 Lesenswert in der Wiener Zeitung! Eintausenddreiundfünfzig!


Dagegen erscheint die Rückseite des Mondes oder das Leben im Marianengraben als fader Alltag.


Was genau die Faszination des Gastkommentars ausmacht, wage ich nicht zu erklären. Für mich ist es die Offenheit, die Klarheit, die Geradlinigkeit, die Wahrheit. Ohne Polemik. Unter dem Motto, "so ist des hoilt." Wobei die Brillanz nicht Selbstzweck, sondern Bestandteil ist.


Der Gastkommentar steht meiner Meinung im Widerspruch zur österreichischen Auffassung, Innenpolitik kommentieren zu müssen, weshalb ich seit 5/11 - dem Tag Aumayrs Anschlags auf die Könnte-würde-sollte-Berichterstattung - überlege, ob die Politik nicht auch selbst gut beraten wäre, die Wählerschaft ernster zu nehmen, als ihr (der Politik) bisher lieb war.


Es mag Wählerinnen und Wähler geben, die nicht ernst genommen werden können. Der Großteil aber hat ein Gspür fürs Wählen.


Das starre Lager-Wahlverhalten ist Geschichte. Wahlzuckerl, die nach der Wahl teuer bezahlt werden müssen, haben keinen Reiz mehr. Geblieben sind sicher Vorurteile. Neu hinzugekommen ist eine religiöse Komponente. Und neu dürfte auch eine gewisse Experimentierbereitschaft sein.


Was - und vor allem wem - der 15.10. etwas bringen wird, kann heute nicht einmal vermutet werden. Einige werden leer ausgehen. Österreich hat sich gegen die Atomkraft entschieden. Vielleicht wird sich Österreich auch gegen eine ausufernde Show-Politik, in der Abgeordnete die Welt retten, indem sie als Lehrling den Ölstand messen, entscheiden.


Respekt, Frau Aumayr.