Zum Hauptinhalt springen

Als die Zukunft noch besser war

Von Heiner Boberski

Reflexionen

Vor 75 Jahren starb der grandiose bayerische Komödiant, dessen Sprachwitz bis heute so skurril wie geistreich funkelt.


"Da hab’ ich ein Leben lang Angst vor dem Sterben gehabt, und jetzt das!" Wenn es nicht nur gut erfunden ist, so hat vor fast genau 75 Jahren, am 9. Februar 1948, Karl Valentin knapp vor seinem Tod in Planegg bei München noch diesen Satz ausgesprochen. Solche "letzte Worte" wären zweifellos typisch für diesen Meister des hintergründigen Humors gewesen, der sein ganzes Leben lang und dank vieler Bild- und Tonaufzeichnungen weit darüber hinaus unzählige Menschen unterhalten hat. Seine Texte wirken oft skurril und absurd, aber gerade dadurch ermöglichen sie immer wieder ungemein erhellende Blicke auf die Wirklichkeit.

Karl Valentin wird am 4. Juni 1882 als Valentin Ludwig Fey in der Unteren Isargasse 45 - heute Zeppelinstraße 41 - in München geboren, worüber er später berichtet: "Als ich das Licht der Welt und sodann die Hebamme erblickte, war ich sprachlos. Ich hatte diese Frau ja noch nie in meinem Leben gesehen." Da seine Schwester und seine beiden älteren Brüder kurz nach seiner Geburt sterben - eine Tragödie für seine Eltern -, wächst Valentin als wohlbehütetes Einzelkind in der Münchner Vorstadt Au auf. Wie er es mit dem Lernen gehalten hat, verrät vielleicht sein Ausspruch: "Ich habe Bildung nie mit dem Löffel gegessen, nur mit der Messerspitze." Von der Schule spricht er später als "Zuchthaus".

Couplets & Körperwitz

Als er 1896 im Varieté Colosseum den Komiker Karl Maxstadt sieht, ist sein Entschluss gefasst: Er will Komiker werden. Schon 1898 verfasst er seine ersten Couplets. Seinen Lebensunterhalt verdient er sich bis 1902 als Schreinergeselle. Nach dem Tod des Vaters muss er mit seiner Mutter die väterliche Speditionsfirma übernehmen, die 1906 Konkurs macht. Es verschlägt ihn für einige Zeit mit seiner Mutter in deren Heimatstadt Zittau in Sachsen, was sich auf sein Sprachgefühl auswirkt.

Unter dem Pseudonym Charles Fey geht er 1907 mit einem 3.000 Kilogramm schweren selbstgebauten Musikapparat, einem sogenannten Orchestrion, auf Tournee und erleidet ein finanzielles Desaster, nicht das letzte in seinem Leben. Er schlägt sich als Zitherspieler durch und trägt eigene Couplets vor. 1908 ist er wieder in München. Aus dieser Zeit stammen seine "Klapphornverse" mit dem Refrain: "Mariechen saß auf einem Stein, warum denn nicht auf zwei’n?"

Der Durchbruch als Komiker gelingt ihm unter seinem neuen Künstlernamen "Skelettgigerl" mit dem Vortrag "Das Aquarium", der damit endet, dass er einen aus dem Aquarium gefallenen Goldfisch, um diesem ein langes Leiden zu ersparen, in der Isar ertränkt. Er wird zum Tagesgespräch in München und an das damals wichtigste Kabarett-Theater, den Frankfurter Hof, engagiert.

Karl Valentin, wie er sich nun nennt, entwickelt eine seinem Habitus angepasste groteske Körpersprache und zeichnet sich durch einen eigenwilligen, auch selbstironischen Sprachwitz aus. Er betont, dass man seinen Namen unbedingt "Falentin" aussprechen muss, weil man ja seinen Vater auch nicht "Water" nennt.

Karl Valentin und die Frauen ist ein eigenes Thema. Vielsagend ist sein Satz: "Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennessel unter den Liebesblumen." 1911 heiratet er Gisela Royes, eine ehemalige Angestellte im Haushalt seiner Eltern, mit der er bereits zwei uneheliche Töchter hat. Im gleichen Jahr lernt er Elisabeth Wellano kennen, die bald nicht nur auf der Bühne, dort unter dem Künstlernamen Liesl Karlstadt, seine Partnerin, aber nicht seine letzte Geliebte wird.

Lisl Karlstadt (1935).
© Willy Pragher / CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0) / via Wikimedia Commons

Es kommt zu einer jahrzehntelangen erfolgreichen Zusammenarbeit mit Karlstadt, von der viele Ton-, Bild- und Filmdokumente vorliegen. Valentin, der sich in München sein eigenes Filmstudio einrichtet, wirkt ab 1912 in etwa 40 Kurzfilmen mit, 1929 wird sein letzter Stummfilm "Der Sonderling" gedreht.

Sein Asthmaleiden befreit Karl Valentin vom Militärdienst im Ersten Weltkrieg, er schreibt in dieser Zeit verharmlosende Kriegslieder und Sketche. Aus einem seiner späteren Sprüche könnte man Sehnsucht nach der Vorkriegszeit beziehungsweise nach der Monarchie herauslesen: "Das war noch ein goldenes Zeitalter bis 1914, dann ist der Saustall losgegangen."

Zu Valentins Freunden zählt der junge Dramatiker Bertolt Brecht, mit dem er gemeinsam 1922 eine Parodie auf dessen Stück "Trommeln in der Nacht" schreibt. Im surrealistischen Film "Mysterien eines Frisiersalons" von Brecht und Erich Engel übernimmt Valentin die Hauptrolle.

Bayerischer Nestroy

Brecht nimmt von der Kooperation mit Valentin einiges für sein späteres Werk mit. Auch im Schaffen Samuel Becketts oder Herbert Achternbuschs ist der Einfluss Karl Valentins zu spüren, dem natürlich auch Kabarettisten und Comedians, zum Beispiel Loriot, Willy Astor, Gerhard Polt und Helge Schneider, nacheifern. Der Schriftsteller Kurt Tucholsky nennt den Sprachakrobaten aus Bayern anerkennend einen "Linksdenker" und schätzt ihn ebenso wie der Autor und Theaterkritiker Alfred Kerr.

Was den begnadeten Komiker Karl Valentin auszeichnet, sind sein hintergründiger Sprachwitz und sein Auftreten in unzähligen Masken und Kostümen, mit denen er die Eigenheiten seiner spindeldürren Gestalt besonders herausstreicht. Man hat ihn mit Charlie Chaplin und Buster Keaton verglichen. Auch sein Ruf als "bayerischer Nestroy" ist berechtigt: Sein Ausspruch "Der Mensch ist gut, die Leute sind schlecht" erinnert sehr an einen Couplet-Refrain Johann Nestroys aus dessen Spätwerk "Frühere Verhältnisse": "So gibt’s viel’ gute Menschen, aber grundschlechte Leut’."

In Valentins Texten finden sich unzählige Goldkörner, die längst in Zitate-Sammlungen Eingang gefunden haben, weil sie so geistreich, zumindest aber sehr unterhaltsam sind. Bekannte Beispiele lauten: "Fremd ist der Fremde nur in der Fremde", "Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen", "Jedes Ding hat drei Seiten. Eine positive, eine negative und eine komische", "Es ist schon alles gesagt, nur nicht von allen", "Wo alle dasselbe denken, wird nicht viel gedacht".

Vor allem in den 1920er Jahren gibt Valentin im ganzen deutschen Sprachraum erfolgreiche Gastspiele. 1931 eröffnet er im Münchner Goethesaal ein Theater, das er aber schon nach wenigen Wochen wieder schließen muss, weil er gegenüber der Feuerpolizei auf einem brennenden Zigarettenstummel beharrt.

1935 erleidet er mit seinem Kuriositätenkabinett "Panoptikum" für Nonsens, in das er und Liesl Karlstadt ihre Ersparnisse investiert haben, ein finanzielles Fiasko. Karlstadt unternimmt in ihrer Verzweiflung einen Suizidversuch, indem sie in die Isar springt. Nach ihrer Rettung geht die Kooperation noch bis 1939 weiter, dann gibt es aber nur noch einzelne gemeinsame Auftritte.

Karl Valentin vor seinem Auftritt im "Kabarett der Komiker" (1936).
© Willy Pragher / CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0) / via Wikimedia Commons

Karl Valentin eröffnet 1939 im Färbergraben seine "Ritterspelunke" und tritt dort noch im selben Jahr mit seiner jungen Geliebten Anne-Marie Fischer auf. Das Lied "Ja, so war’ns, die alten Rittersleut’" ist bis heute populär geblieben.

Einige Kuriositäten aus dem "Panoptikum" sind noch erhalten und heute an einer der wichtigsten Valentin-Gedenkstätten zu sehen. Das "Valentin-Musäum" im Münchner Isartor beherbergt unter anderem den Nagel, an den Karl Valentin den Schreinerberuf hängte, den liegenden Stehkragen und die grandiose Eisplastik, deren Reste leider nur aus Wasser in einer Schüssel bestehen.

Dem Nationalsozialismus begegnet Valentin vorsichtig, lässt sich aber auch nicht vereinnahmen. "Gut, dass der Führer nicht Kräuter heißt, sonst müsste man ihn mit ,Heil Kräuter‘ grüßen", soll er auf offener Bühne gesagt haben. Der 1936 vom Regisseur Jacob Geis mit Valentin und Karlstadt gedrehte Film "Die Erbschaft", in dem einem Ehepaar zuletzt nur ein Kerzenstummel als einziger Besitz bleibt, wird vom NS-Regime wegen "Elendstendenzen" verboten und erst 1976 uraufgeführt.

In Valentins Nachlass findet man später den 1941 geschriebenen Text "Die Laugenbrezel", eine satirische Polemik im Stile einer Hitlerrede. Es gibt aber auch Vorwürfe gegen Karl Valentin, er habe einzelne Personen - allerdings wirkungslos - denunziert.

War Karl Valentin auch ein politischer Kabarettist? Zweifellos spiegelt sich in etlichen seiner Texte durch viel Nonsens hindurch auch das Zeitgeschehen. Ein Beispiel ist der Text "Neue Verkehrsordnung" von 1937, in dem empfohlen wird, zu bestimmten Zeiten (erst Stunden, dann Tage, Monate, Jahre, Jahrhunderte ...) nur jeweils bestimmte Verkehrsteilnehmer (Fußgänger, Radfahrer, Automobile, Polizei, Feuerwehr) auf die Straße zu lassen, damit es zu keinen Unfällen kommt. Man kann das als nur absurd-unterhaltsam, aber auch als Kritik an Demagogen mit ihren extrem simplen, an der Komplexität der Welt völlig vorbeigehenden Konzepten verstehen, denen nur "jeder Irrsinnige" recht geben wird.

Spät wiederentdeckt

Valentins Sketch "Geht in die Wälder, holt euch Holz", in den die Frage "Warst du dabei?" eingebaut ist, spiegelt die Situation des Jahres 1945 wider, warnt aber auch schon vor dem späteren Raubbau an der Natur. Wenn er 1946 in der Szene "Im Hutsalon" die "neue Zeit" thematisiert und davon spricht, dass die Köpfe der Menschen nicht dieselben bleiben, spürt man das Deutschland der Nachkriegszeit.

In dieser Zeit stellt Karl Valentin hölzerne Küchengeräte her und tauscht dafür Lebensmittel ein. Mit neuerlichen Theaterversuchen mit Liesl Karlstadt kann er nicht mehr an seine einstigen Erfolge anschließen. Im Winter 1948 zieht er sich eine schwere Erkältung zu, da man ihn aus Versehen in einer unbeheizten Theatergarderobe eingesperrt hat.

Ausgerechnet am Rosenmontag, am 9. Februar 1948, endet das Leben dieses genialen Komödianten. Beim Begräbnis fällt auf, dass die Vertreter der Stadt München und der dortigen Theater durch Abwesenheit glänzen. In der Öffentlichkeit ist Karl Valentin weitgehend vergessen, erst ab den 1960er Jahren wird er wiederentdeckt.

Es gibt unzählige bekannte Zitate Valentins, die seine Skepsis gegenüber dem weiteren Lauf der Geschichte widerspiegeln, zum Beispiel: "Die Zukunft war früher auch besser", und: "Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist." Sein Pessimismus findet aber auch in einem weniger bekannten Zitat beredten Ausdruck: "Nach dem Atombombenkrieg brauchen wir nichts mehr aufbauen, weil dann alles hin ist - überhaupt alles. Da gibt’s keine Menschen mehr, keine Häuser und vielleicht nicht a mal mehr eine Weltkugel. Dann gibt’s auch keine Regierungen mehr - auch kein viertes Reich und kein fünftes Reich usw. - nur mehr ein Himmelreich. - Und dann is’ - Gott sei Dank - endlich a mal a Ruah - in aller Ewigkeit Amen!"

Heiner Boberski, geb. 1950, war Chefredakteur der "Furche", von 2004 bis 2015 Redakteur bei der "Wiener Zeitung" und ist Verfasser zahlreicher Sachbücher.