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Alt, männlich, superreich, sucht Wähler

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Donald Trump machte es vor, Michael Bloomberg und Co. wollen es ihm gleichtun: Nie zuvor in der US-Geschichte zeigten mehr Milliardäre Ambitionen aufs Weiße Haus.


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Das Feld lichtet sich, und es wird mit jedem Monat weißer. Mit Kamala Harris’ Aufgabe hat der Pulk der Präsidentschaftskandidaten der Demokraten die einzige Afro-Amerikanerin verloren, die sich um die Nachfolge von Donald Trump bewerben wollte. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe ihrer Kandidatur im Jänner noch als eine der Favoriten auf die Nominierung gehandelt, folgte ein stetiger Absturz in den Umfragen. Akuter Geldmangel, gepaart mit dem in den vergangenen Wochen immer offener zutage getretenen Missmanagement ihrer von ihrer Schwester Maya geleiteten Kampagne, ließ die 55-Jährige das Handtuch zu werfen. Als Konsequenz daraus fand die sechste Fernsehdebatte der demokratischen Kandidaten, die für die Senatorin aus Kalifornien ein Heimspiel hätte werden sollen - Austragungsort war Los Angeles -, nunmehr ohne sie statt.

Um sicherzustellen, dass sich für die letzte Debatte des Jahres nur Kandidaten qualifizierten, die auch wirklich Chancen auf die Nominierung haben, zog das Democratic National Committee diesmal quasi die Daumenschrauben an. Um einen Platz auf der Bühne zu bekommen, musste jeder Bewerber nachweisen, dass er 200.000 verschiedene Spender mobilisieren kann und laut qualifizierten Umfragen in mindestens zwei der ersten vier Bundesstaaten, die Vorwahlen abhalten (Iowa, New Hampshire, Nevada und South Carolina), über der 6-Prozent-Marke liegt; oder, alternativ, ebendort und bundesweit die 4-Prozent-Hürde zu überspringen vermag.

Geschafft haben das bisher nur knapp mehr als eine Handvoll weiße, mit Ausnahme von Pete Buttigieg, dem 37-jährigen Bürgermeister von South Bend, Indiana, durchwegs ältere Männer und Frauen: Joe Biden, Ex-Vizepräsident (77); Bernie Sanders, Senator von Vermont (78); Elizabeth Warren, Senatorin von Massachusetts (70); und Amy Klobuchar, Gouverneurin von Minnesota (59). Zu ihnen gesellt sich ein mit 62 Jahren auch nicht mehr ganz taufrischer Kandidat, der noch nie zuvor ein politisches Amt ausgeübt hat: Tom Steyer, mit klassischem Banking, Investment Banking und Private Equity Management zu Milliarden gekommener New Yorker, der als Großspender der Partei aufgefallen war.

Michael Bloomberg setzt auf den ersten "Super Tuesday"

Derweil richtet sich die Hauptaufmerksamkeit der Medien auf einen weiteren alten weißen Mann. Einen, der über ein Reinvermögen verfügt, das alle anderen Kandidaten zusammengenommen nicht auf sich vereinigen können. Seit Michael Bloomberg (77), Gründer und Eigentümer des gleichnamigen Medienkonzerns und Ex-Bürgermeister von New York (2002 bis 2013), bekanntgegeben hat, als Demokrat gegen Trump antreten zu wollen, stehen zwei Fragen über allem: Kann man sich den Stuhl hinter dem Schreibtisch des Oval Office offen erkaufen, wenn man nur genug Geld hat? Und: Wo ist das sagenumwobene Buch, in dem geschrieben steht, dass im Jahr 2019 Milliardäre unter allen Umständen Präsidentschaftskandidaten werden müssen? Bei allem seit der Wahl Trumps nur scheinbar angebrachtem Zynismus - entgegen seiner Beteuerungen bezahlte der 71-jährige Ex-Reality-TV-Star nur einen Bruchteil seiner Wahlkampfausgaben selbst - beschäftigen die Antworten darauf die US-Öffentlichkeit heute mehr denn je zuvor.

Gegenüber dem Polit-Novizen Steyer (Reinvermögen laut "Forbes" rund 1,6 Milliarden Dollar), der Politik bisher nur aus der Perspektive des Geldgebers kannte und seit sechs Monaten sagenhafte Summen in flächendeckende TV- und Online-Werbung steckt, ohne damit in den Umfragen bisher auch nur annähernd zweistellig zu werden, verfügt Bloomberg über Erfahrung im politischen Alltagsgeschäft. Inwieweit diese reicht, um den ihm von zahlreichen seiner neuen Parteifreunde vorgeworfenen Ego-Komplex auszugleichen - Bloomberg war viele Jahre registrierter Republikaner und Unabhängiger -, gilt indes alles andere als sicher.

Dazu kommt seine riskante Strategie: Die ersten vier Primary-Bundesstaaten lässt er links liegen und konzentriert sich stattdessen voll auf den ersten "Super Tuesday" am 3. März, wenn 15 Bundesstaaten und Territorien plus die im Ausland lebenden Parteimitglieder abstimmen. Und da Bloomberg weniger in Person als über Internet, Funk und Fernsehen wahlkämpfen wird, freuen sich die dort beheimateten Regionalmedien schon jetzt über den zu erwartenden Geldregen.

Den Anfang des Trends, dass sich Amerikas Milliardäre seit Trumps Wahl berufen fühlen, das Weiße Haus zu erobern, markierte Howard Schultz, Gründer und langjähriger Besitzer des Kaffeesieders Starbucks - und lieferte ein Paradestück, wie man es verhaut. Über Monate hinweg kritisierte der 66-jährige, bis zuletzt registrierter Demokrat, praktisch jeden politischen Vorschlag seiner ehemaligen Parteifreunde, ohne selbst auch nur einen einzigen konkreten aufzulegen. Das historisch und strukturell bedingte Rassismusproblem der USA tat Schultz ab, weil er "persönlich keinen Unterschied" zwischen Schwarz und Weiß sehe. Militärveteranen wie der Kongressabgeordneten Tulsi Gabbard (Army, Irak) und Präsidentschaftskandidat Buttigieg (Navy, Afghanistan) richtete er aus, dass er "mehr Zeit mit Soldaten verbracht habe als alle anderen Kandidaten zusammen". Nicht einmal seinen Rückzug bekam Schultz einigermaßen würdig hin: Neben der "extremen Polarisierung" im Land mache es ihm ein böser Rücken leider unmöglich, seine Kampagne fortzusetzen.

Perot begnügte sichmit Worthülsen

Eine Blaupause dafür, wie es für Superreiche mit politischen Ambitionen prinzipiell gehen könnte, hat in der jüngeren US-Geschichte nur ein einziger Kandidat geliefert: Ross Perot, der diesen Sommer im Alter von 89 Jahren verstarb. Im Frühjahr 1992 gab der aus Texakarna stammende Tech-Entrepreneur, der diese Bezeichnung bereits zu einem Zeitpunkt verdiente, als der Rest der Welt Silicon Valley noch für eine Busenvergrößerungsmaßnahme hielt, in der Talkshow "Larry King Live" auf CNN seine Kandidatur als unabhängiger Präsidentschaftskandidat bekannt. So kometenhaft sein Aufstieg war - in einer Gallup-Umfrage vom Juni 1992 lag er mit 39 Prozent vor dem damaligen Amtsinhaber George H.W. Bush wie vor dessen demokratischem Herausforderer Bill Clinton -, so schnell war es damit auch wieder vorbei.

Wie Schultz’ litt auch Perots Kampagne an dessen innenpolitischer Kompetenz, die kaum über das Dreschen bis heute populärer Worthülsen hinausging ("Budget ausgleichen!", "Arbeitsplätze für uns, nicht für Mexiko!", "Keine endlosen Kriege!"). Ein Verzicht aufs Antreten und ein kurz darauf folgender Verzicht auf den Verzicht taten das ihre, um den letzten Rest an Glaubwürdigkeit auszuräumen. Immerhin: Obwohl Perot am Ende keinen einzigen Bundesstaat gewinnen konnte, nahm er, wie sich im Nachhinein herausstellte, beiden Kandidaten in etwa gleich viele Stimmen weg (den Republikanern etwas mehr, aber nicht so viel, dass es Bushs Niederlage verhindert hätte).

Inwieweit sich Bloomberg, Steyer und Co. diese Lektion zu Herzen nehmen werden, steht in den Sternen. Anders als die Familien ihrer Mitbürgerinnen und Mitbürger werden sie zumindest materiell von jeglichen Konsequenzen der Präsidentschaftswahl 2020 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit verschont bleiben.