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Alt, wertvoll, antisemitisch

Von Edwin Baumgartner

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Das Relief zeigt ein weibliches Schwein, eine Sau also. Ein Mann hebt ein Bein der Sau an, andere Männer trinken an ihren Zitzen. Das Relief befindet sich in acht Meter Höhe an der Außenfassade des Südostflügels der Stadtpfarrkirche von Wittenberg. Die hat mit dem Relief gerade wieder ein Problem, denn es läuft eine Internet-Petition, man möge es entfernen. Das Relief nämlich ist eine antisemitische Darstellung, es zeigt eine "Judensau".

Das Problem dabei: Die Darstellung stammt aus dem Jahr 1305. Damit ist sie zwar immer noch ein antisemitisches Spottbild, aber auch historisch und künstlerisch bedeutend. Die Kunst bediente eben den christlichen Antisemitismus, dem ja selbst der prominenteste Prediger in der Geschichte der Wittenberger Kirche, Martin Luther, huldigte.

Was also tun mit der Wittenberger "Judensau"? Die Stadtkirche will sich das Relief nicht nehmen lassen. Man verweist darauf, dass ohnedies eine Bodenplatte unterhalb der Darstellung angebracht sei. Die freilich gedenkt der Opfer der Reichspogromnacht, nimmt aber keine geschichtliche und geistige Einordnung des fragwürdigen Kunstwerks vor. Andererseits: Wäre ein Abmontieren der Darstellung nicht eine Art Geschichtsfälschung nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn? Wäre eine Tafel mit einer Bezugnahme auf die Darstellung und ihrer korrekten Einordnung die salomonische Lösung?

Diskussionsbedarf ist gegeben. Klar ist nur: In Zeiten, in denen sich an allen Ecken und Enden ein neuer Antisemitismus regt, eine antisemitische Spottdarstellung unkommentiert stehen zu lassen - das geht gar nicht.