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Alte Zeiten in neuem Licht

Von Eva Krafczyk

Europaarchiv

Warschau - Unzufriedenheit, Proteste, Streiks - so machten die polnischen Arbeiter während der kommunistischen Herrschaft Schlagzeilen. Inzwischen hat das alte System längst abgedankt. Viele Polen sehnen sich nun, von den Segnungen des Kapitalismus enttäuscht - nach der "guten alten Zeit".


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In keinem der Länder im sowjetischen Machtbereich war der Widerstand gegen das ungeliebte Regime so massiv und lang anhaltend wie in Polen. Laut neuesten Umfragen des Meinungsforschungsinstituts OBOP haben nun erstmals wieder mehr Polen den Regierungen der kommunistischen Ära ein gutes Zeugnis ausgestellt (40 Prozent) als ein schlechtes (35 Prozent). Angesichts einer Arbeitslosenquote von 17,4 Prozent, Problemen bei der Privatisierung der Schwerindustrie oder der Krise der Werften sagten sogar 39 Prozent der Polen, sie würden lieber wieder im sozialistischen Polen leben. Fast ebenso viele, nämlich 42 Prozent, wollen die Zeit nicht zurückdrehen.

Ministerpräsident Leszek Miller und seine postkommunistischen Sozialdemokraten (SLD) können von der Sehnsucht nach alten Zeiten nicht profitieren, im Gegenteil. Die Wähler, die im vergangenen Herbst den konservativen Regierungschef Jerzy Buzek nicht nur abwählten, sondern gleichzeitig den Einzug der einstigen "Solidarnosc"- und Bürgerrechtsparteien ins Parlament verhinderten, sind zu 56 Prozent der Meinung, die Lage habe sich unter Millers Regierung verschlechtert.

Es sind vor allem die Älteren, die schlecht Gebildeten und die Landbevölkerung, die am liebsten zum alten System zurückkehren würden. Sie drohen im wirtschaftlichen Wandel auf der Strecke zu bleiben oder fürchten, nichts mehr von den besseren Zeiten zu haben, die einmal kommen sollen. Sie erinnern sich vor allem an die Sicherheit, die sie hatten, nicht an das damalige Gängelband des Staates.

"Sogar ich, ein erklärter Feind des Kommunismus, erinnere mich an diese Zeiten als sicherer, geselliger, und irgendwie weniger anstrengend", schrieb der Kolumnist Piotr Pacewicz in einem Kommentar in "Gazeta Wyborcza".