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Alternativen zum Krankenhaus

Von Heike Hausensteiner, St. Wolfgang

Politik

Medizinisch vertretbare Alternativen zur stationären Behandlung in den Krankenhäusern wurden bei der alljährlichen Tagung des Verbandes der Versicherungsunternehmen Österreichs diskutiert, die Sonntag und Montag in St. Wolfgang stattfand. Die Standpunkte von Ärzte-, Patienten- und Versicherungsvertretern sowie Gesundheitspolitikern sind jeweils so unterschiedlich, dass eine Konsensfindung in Zeiten des Sparens schwierig scheint.


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Die Stärkung des "extramuralen" Bereichs, also der in den Ordinationen niedergelassenen Ärzte, müsse voran getrieben werden, um den "stationären" Bereich der Krankenhäuser zu entlasten, betonte FPÖ-Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck. Das sei bereits seit Jahrzehnten in den Programmen der diversen Regierungen festgeschrieben, aber "immer nur ein Lippenbekenntnis" geblieben. "Jetzt muss etwas passieren", so Waneck.

Den ambulanten Bereich außerhalb der Spitäler stärken sollen etwa die so genannten Gruppenpraxen, zu denen sich mehrere Ärzte vernetzen und die ab Herbst in Österreich gesetzlich ermöglicht werden sollen. Die Akut- und Notfallversorgung in den Krankenhäusern ist für den Gesundheitsstaatssekretär aber unumstritten und müsste mit einem entsprechenden Niveau auch erhalten bleiben. "Wir brauchen Gruppenpraxen", um die Krankenhäuser zu entlasten, lautet auch die einhellige Meinung der Gesundheitssprecher der Regierungsparteien, Günther Leiner (ÖVP) und Alois Pumberger (FPÖ). Dem stimmen die Gebietskrankenkassen nur bedingt zu. Sollte sich eine "Tagesklinik" zu sehr auswachsen, "besteht ja kein Unterschied mehr zu einem Krankenhaus", betonte der Direktor der Salzburger Gebietskrankenkasse, Harald Seiss, gegenüber der "Wiener Zeitung".

Während Ärztekammer-Präsident Otto Pjeta das "Ökonomiegebot", das Ärzte einzuhalten hätten, ins Treffen führte, lehnt Patientenanwalt Viktor Pickl den alternativen Krankenversorgungsbereich gänzlich ab. Diese Aufgabe könne im niedergelassenen Bereich noch nicht geleistet werden. Das derzeitige System sei ohnehin sinnvoll, es müsse nur zweckmäßig in Anspruch genommen werden.

Für Rationalisierungen anstatt zu rationieren ist auch der Grüne Gesundheitssprecher, Kurt Grünewald. Zu möglichen Selbstbehalten meinte er: "Die Leute gehen auch um 80 Schilling ins Kino." Aber: Den Großteil der Sanierungskosten im Gesundheitswesen dürfe man nicht von den Kranken bezahlen lassen.

Die Wahlmöglichkeit der Krankenversicherung und damit die Umwandlung der Pflichtversicherung in eine Versicherungspflicht müsse diskutiert und überprüft werden, erinnerte Waneck erneut an das Vorhaben der ÖVP-FPÖ-Regierung. Über die freie Versicherungswahl wären die Versicherungsvertreter jedoch nur zum Teil erfreut. "Wir müssten ja von Frauen höhere Prämien fordern als von Männern und auch für Kinder Versicherungsbeiträge verlangen", hieß es.

Das ist insbesondere SPÖ-Gesundheitssprecherin Elisabeth Pittermann ein Dorn im Auge. Weshalb Frauen auf Grund der Gebärfähigkeit und im Vergleich zu Männern höheren Lebenserwartung höhere Beiträge zahlen sollten, sieht sie überhaupt nicht ein. Bei der Sozialversicherung sei das auch nicht der Fall.

Laut Waneck gebe es auch Überlegungen von Fachleuten - auch Ärzten -, ob man das System danach durchforsten und prüfen sollte, ob jede Leistung voll bezahlt werden müsse. Ab einem gewissen Einkommen könnten "Eigenleistungen durchaus tragbar" sein, meinte der Staatssekretär. Wichtig sei jedenfalls die Absicherung für Arme. Das sei allerdings nicht derzeit ein Thema, sondern "das, was wir unter Zukunftspolitik vorausdenken".

Scharfe Kritik kam am Montag auch von SPÖ-Sozialsprecherin Heidrun Silhavy. Der Vorstoß Wanecks, "dass Reiche sich Operationen selber zahlen sollten, ist der durchsichtige Versuch, kranke Menschen in verschiedene Klassen einteilen zu wollen."

Auch vom Vorsitzenden der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), Hans Sallmutter, regnete es Kritik. Auch er sieht in dem "nur auf den ersten Blick sozial wirkenden Vorschlag" nach einer Erhöhung neuer Eigenleistungen einen ersten "heimlichen, aber dramatischen Schritt in Richtung Spaltung des Krankenversicherungssystems".

"Denn wenn einmal die Besserverdienenden den Eindruck gewonnen haben, ihre hohen Beiträge stünden in keinem nachvollziehbaren Verhältnis mehr zu den Leistungen, die sie zu erwarten haben, werden sie sich vehement für die Möglichkeit einsetzen, aus der gesetzlichen in die private Krankenversicherung zu wechseln", erklärte der GPA-Vorsitzende. Erfahrungen aus Deutschland würden zeigen, dass dies zur Folge habe, dass nur mehr die versicherungsmathematisch schlechten Risiken in der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben. Dies würde die Kostensituation der gesetzlichen Krankenversicherung verschlechtern, so Sallmutter.

Deutliche Zunahme der Ärzte in Österreich

Die Zahl der berufsberechtigten Mediziner hat in Österreich in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen. Nach den aktuellen Daten 1999/2000 des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen gibt es 34.238 Ärzte. 1995 lag die Gesamtzahl in Österreich bei 31.386. Den größten Zuwachs gab es bei den Wahlärzten: Ihre Zahl wuchs von 3.843 im Jahr 1995 auf nun 5.442.