Zum Hauptinhalt springen

Aly, Götz: Die Belasteten

Von Gerhard Lechner

Wissen
0
Als Last wurden Behinderte in der NS-Zeit empfunden - und als Unproduktive umgebracht.
© Dokumentationsstelle Hartheim des OÖLA

Götz Alys beklemmendes Buch über die NS-Euthanasie.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 11 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

"Was kann ich dafür, dass ich so bin und dass man mir das tut?" Die Pfleglinge wussten über das ihnen bevorstehende Schicksal, wenn wieder einmal die grauen Busse vor ihren Anstalten vorfuhren, um erneut Insassen zu "verlegen", also: zu ermorden. "Die Regierung will nicht mehr so viele Anstalten, und uns wollen sie auf die Seite schaffen", schrieb eine Betroffene in einem Brief.

Die "Aktion T4", die Ermordung behinderter Menschen im nationalsozialistischen Deutschland, ist bekannt. Dennoch hat sich mit Götz Aly nun ein betont streitbarer Historiker, der mit seinen Büchern immer wieder für Aufsehen sorgt, des Themas angenommen. Nicht erst jetzt übrigens: Aly gehörte zu den ersten, die vor zirka 30 Jahren Aufsätze zum Mord an den Behinderten veröffentlichten. In dem sehr einfühlsamen Buch "Die Belasteten" geht es vor allem um die Rolle der Angehörigen, der Verwandten der Opfer. Aly, selbst Vater einer behinderten Tochter, verweist darauf, dass die Überlebenschancen von Pfleglingen, die regelmäßig besucht wurden, weit höher waren als die von Menschen, um die sich niemand gekümmert hat.

Zu einer Anklageschrift gegen die damals Lebenden ist "Die Belasteten" dennoch nicht geworden - eher zu einer Mahnung an die Gegenwart. Das liegt auch daran, dass Aly - wie meist in seinen Büchern - Belegstellen dafür findet, dass die Trennlinien zwischen "bösen NS-Verbrechern" und "guten, fortschrittlichen Kräften" porös waren: Bereits 1920, lange vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, sprachen angesehene Nervenärzte von der "Vernichtung lebensunwerten Lebens" und von Behinderten als "leeren Menschenhülsen".

Gegen diese Tendenz zur Kosten-Nutzen-Rechnung im Bereich des Menschen hat sich laut und vernehmlich nur eine Kraft zur Wehr gesetzt: die katholische Kirche in der Person des Bischofs von Münster, Graf Galen, der mit seinen Predigten die NS-Führung in die Enge trieb. Die Predigten des glaubensfesten und sittenstrengen Bischofs stoppten die Aktion T4 kurzzeitig - und damit auch das Wegschauen vieler Angehöriger, die gerne glauben wollten, ihre mit Giftgas getöteten Verwandten seien eines natürlichen Todes gestorben.

Götz Aly: Die Belasteten. S. Fischer Verlag, 23,70 Euro.