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Alzheimers Enttäuschung

Von Froben Homburger

Wissen

Kollegen zeigten damals in Tübingen wenig Interesse. | Heute leiden 20 Millionen Menschen an dieser Demenz. | Frankfurt/Main. (ap) Mit einer medizinischen Sensation im Gepäck war Alois Alzheimer zur 37. Versammlung Südwestdeutscher Irrenärzte nach Tübingen aufgebrochen. Tief enttäuscht kehrte der Neurologe an die Königlich Psychiatrische Klinik nach München zurück: Sein Vortrag über eine neue "eigenartige Erkrankung der Hirnrinde" war bei den 88 Konferenzteilnehmern überwiegend auf Desinteresse gestoßen.


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Kein einziger Kollege stellte eine Frage, schnell wurde zum nächsten Thema gewechselt, und auch die Zeitung "Tübinger Chronik" widmete dem Forscher in ihrem ausführlichen Kongressbericht nur einen kurzen Satz. Exakt 100 Jahre später weiß die Fachwelt die historische Bedeutung dieses Moments zu würdigen: Denn auf der Tagung am 3. November 1906 hatte Alzheimer erstmals öffentlich über jene "Krankheit des Vergessens" berichtet, an der heute weltweit 20 Millionen Menschen leiden.

Der damals 42-jährige Psychiater schilderte in Tübingen den Fall seiner Patientin Auguste Deter, die kurz zuvor im Alter von nur 55 Jahren "total verblödet" gestorben war, wie es Alzheimer formulierte. Dies allein war noch keine Überraschung - wohl aber das Ergebnis der Obduktion: Denn im Gehirn der Verstorbenen fand der Mediziner eine Vielzahl von Eiweißablagerungen und abgestorbenen Nervenzellen.

Der "Irrenarzt mit dem Mikroskop", wie Alzheimer genannt wurde, hatte damit den grundlegenden Mechanismus der schwersten und häufigsten Form der Altersdemenz entdeckt: Die Ablagerungen des Eiweißes Beta-Amyloid in der Hirnrinde führen zum Tod der Nervenzellen und lassen die gesamte Hirnsubstanz schrumpfen. Warum sich das Eiweiß so massiv ansiedelt, weiß man bis heute nicht. Und auch sonst scheint sich seit dem Tübinger Vortrag die Wissenschaft mit dieser Krankheit schwer zu tun: Schließlich ist Alzheimer noch immer unheilbar.

Die Forschung hat Fortschritte gemacht

Doch der kritische Blick trügt, wie der Direktor des Tübinger Universitätsinstituts für klinische Hirnforschung, Mathias Jucker, betont: "Die Forschung hat unglaubliche Fortschritte gemacht. Wir wissen über Alzheimer viel mehr als über andere neurodegenerative Leiden wie Parkinson oder Huntington." Erst vor kurzem hatte Juckers Team ernsthafte Hinweise gefunden, dass nicht nur genetische Faktoren, sondern auch Umwelteinflüsse bei Alzheimer eine Rolle spielen könnten. Noch wichtiger aber sind die absehbaren Entwicklungen in der Vorbeugung und Therapie, die tatsächlich eine weitere Sensation versprechen - nämlich eine Impfung gegen Alzheimer.

Eine erste klinische Studie dazu an Patienten war noch abgebrochen werden, da die Nebenwirkungen nicht mehr vertretbar erschienen. Inzwischen wird der Impfstoff in verbesserter Form neu getestet - mit viel versprechenden Zwischenergebnissen: "Die Impfung sieht wirklich gut aus", sagt Jucker, der zu den weltweit führenden Hirnforschern zählt. Er glaube zwar nicht unbedingt an einen hundertprozentigen Heilungserfolg alleine per Impfung, wohl aber, dass in Zukunft der Impfstoff in Kombination mit weiteren Medikamenten Alzheimer im frühen Stadium besiegen könne.

Für die erste Alzheimer-Patientin Auguste Deter gab es keine Hilfe. Die aus Kassel stammende Frau war von ihrem Ehemann 1901 nach Frankfurt in die Städtische Irrenanstalt eingeliefert worden, in der Alzheimer zu dieser Zeit arbeitete. Der Neurologe interessierte sich von Anfang an in besonderem Maße für die Patientin, die in relativ jungen Jahren bereits alle Symptome des Altersschwachsinns zeigte. In einem kurzen klaren Moment formulierte Auguste einen Satz, der bis heute die ganze Dramatik dieses Leidens präzise beschreibt: "Ich habe mich sozusagen verloren."

Späte Ehren für den Psychiatrie-Pionier

Die wissenschaftliche Anerkennung für seine Entdeckung blieb Alzheimer, der schon 1915 im Alter von nur 51 Jahren an einem Herzleiden starb, zu Lebzeiten weitgehend versagt. Ohnehin wurde er als Vorreiter einer modernen Psychiatrie, der sich vehement gegen drastische Zwangsmaßnahmen in den Nervenheilanstalten einsetzte, besonders kritisch beäugt. Das Desinteresse an seinem Vortrag bei der Tübinger Versammlung hatte allerdings auch andere Gründe: Überlagert wurde sie von hitzigen Debatten über die Verteidigungsreden des Psychoanalytikers C.G. Jung für Sigmund Freud.

Erst posthum kommt Alzheimer nun zu Ehren: 100 Jahre nach der für ihn so enttäuschenden Versammlung werden von Freitag bis Sonntag international führenden Hirnforscher auf einem Kongress an der Uni Tübingen die Verdienste des eigenwilligen Wissenschafters würdigen.