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Am Anfang war das Delta

Von WZ-Korrepondent Tobias Müller

Wissen

Hochrisikogebiet wurde Vorbild im Wassermanagement. | Ziel: Anpassung an den Klimawandel. | Amsterdam. Der Ton klang dramatisch: "Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass der Klimawandel nicht verhindert werden kann, auch nicht mit aller guten Absicht." Von letzterer konnte sich die Welt jüngst in Kopenhagen überzeugen - ebenso wie von ihrer schwierigen Umsetzung. Bereits 2007 indes wurde in den Niederlanden ein Projekt beschlossen, das einen anderen Schwerpunkt setzt: die Nationale Adaptionsstrategie, ein landesweiter Plan zur Anpassung an veränderte Klimabedingungen. Er begann mit obiger nüchterner Feststellung. Und folgerte trocken: "Darum werden wir lernen müssen, mit den Konsequenzen zu leben."


Der Hintergrund dieser Nüchternheit liegt auf der Hand. Die Hälfte der Niederlande liegt höchstens einen Meter über dem Meeresspiegel, ein Viertel gar darunter. Dazu kommt im Südwesten des Landes die Deltaregion der drei großen Flüsse Rhein, Maas und Schelde mit zahlreichen Nebenarmen. Durch die zunehmenden Niederschläge werden diese mehr Wasser in Richtung Nordsee abführen, die Wahrscheinlichkeit von Überschwemmungen steigt. Dieses Delta ist eine der am dichtesten bevölkerten Regionen in Europa.

Kein Wunder also, dass die Niederlande einer der weltweiten Pioniere auf dem Gebiet der Adaption sind. Bereits 2000 veröffentlichte die "Kommission Wasserverwaltung 21. Jahrhundert" ihren Abschluss- Report. Auf diesen stützt sich heute der Ansatz, Überschwemmungen nicht nur mit höheren Flussdeichen vorzubeugen, sondern auch, indem Flussbetten verbreitert und Deiche verlegt werden. Zudem sollen im Krisenfall so genannte Notüberlaufgebiete kontrolliert geflutet werden.

Trauma von 1953

Ausdrücklich im Zeichen des Klimawandels steht die von der Regierung beauftragte "Deltakommission". Auf ihrer 2008 veröffentlichten Studie basiert das neue "Deltaprogramm" zum Hochwasser- und Küstenschutz bis zum Jahr 2100. Das Budget für Präventionsmaßnahmen, bisher zwei Milliarden Euro im Jahr, soll ab 2020 auf drei Milliarden erhöht werden. Der "Deltakommissar" genannte Leiter Wim Kuiken beschreibt den Grundgedanken so: "Typisch ist, dass wir voraus schauen. Früher handelten wir erst, als es schief gegangen war."

Deutlich klingt aus diesen Worten das Trauma heraus, das der heutigen Vorreiterstellung der Niederlande beim Wassermanagement zugrunde liegt: die verheerende Flutkatastrophe von 1953, die fast 2000 Todesopfer forderte, und seine wasserbauliche Aufarbeitung in Form der monumentalen Deltawerke.

Mit dem wachsenden Verständnis der globalen Erwärmung lässt sich diese Expertise auch international vermarkten. Jüngstes Beispiel ist ein in Kopenhagen lanciertes Netzwerk namens Delta Alliance: Länder mit ähnlichen geographischen Bedingungen wie die Niederlande sollen dort Wissen austauschen und Lösungsansätze diskutieren. Treibende Kraft dahinter ist das niederländische Forschungsinstitut Deltares, das auf Deltatechnologie spezialisiert ist. Cees van de Guchte, der Leiter der Abteilung "Klima- Adaption und Risiken", bestätigt, dass die heutige Vorbildfunktion der Niederlande auf deren jahrhunderte langen Kampf gegen das Wasser zurückgeht. Der geographische Risikofaktor Delta hat sich inhaltlich zu einem Gütesiegel entwickelt - und wirtschaftlich zu einer Marke.

Genau dies wird in der offiziellen Adaptionsstrategie als erwünschter Nebeneffekt genannt. Gestützt werden diese Anstrengungen von renommierten Forschungseinrichtungen wie der Technischen Universität Delft, der auf Umweltaspekte spezialisierten Universität Wageningen, dem Amsterdamer Institut für Umweltfragen (IVM) oder dem meteorologischen Institut KNMI. In einem Jahrzehnt entstand eine Vielzahl von Initiativen und Forschungsprojekten.

Weniger beeindruckend fällt jedoch auch für die Niederlande die Zwischenbilanz bei den eigenen Klimazielen aus. Das machten Organisationen wie die "Stiftung Natur und Umwelt" schon zu Jahresbeginn klar. Bestenfalls die Hälfte des anvisierten 30 Prozent geringeren CO2- Ausstoßes werde erreicht. Vielleicht ein weiteres Argument, die Adaptionsstrategien zu verstärken.