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Am Balkan floriert der Menschenhandel

Von Rainer Mayerhofer

Politik

Wien - 700.000 bis 2 Millionen Menschen sind weltweit jährlich vom Menschenhandel betroffen. Die Dunkelziffer dürfte aber weit höher liegen. Allein 300.000 bis 500.000 davon, vor allem Frauen, entfallen auf die Balkanregion. Diese alarmierenden Zahlen nannte die ehemalige Frauenministerin Helga Konrad, die Vorsitzende der "Anti Trafficking Task Force" der OSZE und Koordinatorin für Maßnahmen gegen den Menschenhandel im Rahmen des Stabilitätspaktes für Südosteuropa ist, in einer Podiumsdiskussion des Bruno Kreisky Forums für internationalen Dialog.


Etwa 90 Prozent der am Balkan vom Menschenhandel betroffenen Personen sind Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, sagte Konrad. Meist werden sie in kleinen Räumen zusammengepfercht und man nimmt ihnen die Pässe ab. "Agenturen" und "Rekruteure" locken die von Armut in ihrer Heimat bedrohten Frauen mit sehr viel Geld und Versprechungen, sie in den Westen zu bringen. Um Summen bis zu 200.000 DM werden die Frauen dann weiterverkauft. Besonders schlimm sei die Lage in jenen Regionen, in denen die internationalen Streitkräfte stationiert sind. 30 Prozent der zur Prostitution gezwungenen Frauen entfallen auf den internationalen Bereich, in dem aber 80 Prozent der "Umsätze" gemacht werden.

Eine vor kurzem veröffentlichte UNICEF-Studie habe aufgezeigt, dass die Länder Südosteuropas sowohl Ursprungs- als auch Transit- und Destinationsland des internationalen Menschenhandels sind. Verknüpft sei der Menschenhandel oft mit anderen Formen der Organisierten Kriminalität, wie Erpressung und Drogenhandel. Unter den Kriminellen gebe es auch keine ethnischen Schranken, sondern vielmehr eine rege Zusammenarbeit. Unter anderem blühe der Menschenhandel auch durch die lokale Korruption. Die Exekutive, die ihn eigentlich bekämpfen müsste, sei manchmal sogar Mittäter, oft aber sehe man passiv einfach weg. Allenfalls würden die Frauen, die Opfer des Menschenhandels sind, noch einmal Opfer der Verfolgung, da sie sich meist illegal in den betreffenden Ländern aufhalten und dort Prostitution ebenfalls illegal ist. Konrad urgierte eine Zusammenarbeit der zuständigen Behörden über Grenzen hinweg und Kommunikation zwischen den Regierungen. Der politische Wille, den Menschenhandel zu bekämpfen sei in letzter Zeit zwar da, aber die konkreten Antworten seien noch unbefriedigend.

Aus der Sicht eines betroffenen Landes stellte die stellvertretende Ministerin für Europäische Integration und Koordinatorin für Aktivitäten gegen Menschenhandel in Bosnien-Herzegowina, Lidija Topic, die vor wenigen Tagen zur ersten bosnischen Botschafterin in Belgrad ernannt wurde, die Lage dar. Menschenhandel sei in ihrem Land nicht nur ein moralisches Problem, sondern werde als entsetzliche Verletzung der Menschenrechte und als moderne Form der Sklaverei betrachtet, von der ganze Familien, aber vor allem Frauen betroffen sind. Durch den Krieg seien viele soziale Strukturen zusammengebrochen und der Rechtsstaat zerstört worden. Es sei für Bewohner ihres Landes immer schwieriger, Jobs im Ausland zu bekommen und aus wirtschaftlicher Not gingen Frauen dann oft Risiken ein. Eine wesentliche Aufgabe sei es, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. In Bosnien-Herzegowina sei Prostitution illegal. Die Opfer des Menschenhandels würden bei Aufdeckung von Tatbeständen also noch einmal bestraft und dann in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Topic wies darauf hin, dass der internationale Bosnien-Beauftragte Wolfgang Petritsch ein striktes Vorgehen gegen den Menschenhandel durchgesetzt hat. Jüngst erst seien bei Razzien 39 Bordelle ausgehoben und dabei 177 Frauen befreit worden. 4 von ihnen stammten aus Rumänien, 41 aus Moldawien, 21 aus der Ukraine, 14 aus Russland, 3 aus Jugoslawien, 2 aus Kroatien und 2 aus Bosnien selbst. Viele der Frauen seien minderjährig gewesen.

Topic meinte, es setze sich langsam der Gedanke durch, dass nicht die Prostitution in erster Linie, sondern jene, die Frauen zur Prostitution zwingen zu verfolgen seien. Sie sehe ein Licht am Ende des Tunnels, besonders für die Opfer.