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Am Beispiel Jacksonville

Von Lennart Laberenz

Politik

Wer erfahren möchte, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann nach Jacksonville, Florida reisen. Einsam ist es, durch die Straßen von Downtown am Nachmittag zu spazieren. Jacksonville hat über 700.000 Einwohner, nach Fläche es ist sie die größte Stadt der USA. Die Innenstadt ist verwaist, zwischen einigen glasverspiegelten Bürotürmen haben ein paar Cafés offen- bis drei Uhr nachmittags. In der Stadt gibt es 30 Golfanlagen, ein eindeutiger Hinweis auf Rentnerbrigaden, die hier ihren Lebensabend verbringen. In Jacksonville leben überwiegend Weiße, die Obdachlosen und Tagelöhner sind mehrheitlich schwarz oder Latinos.

Nach einem großen Brand 1906 und der Eröffnung des landesweit ersten riesigen Einkaufskomplexes in den 1960er Jahren, ist das Innenstadtleben verödet. Die Stadt verlor alles Urbane und ist nun eine weitverstreute, kaum verbundenen Siedlung. In einem Café hängen große Fotodrucke, die flanierende Menschen vor klassischen Gebäuden der 1920er Jahre zeigen. Die Hochhäuser wurden abgerissen, an ihrer Stelle stehen nun funktionale Bürokomplexe. Flanieren ist out: Ohne Auto geht so gut wie nichts, Busse fahren selten und der Skytrain, eine fahrerlose Hochbahn, die über ein System aus Waschbetonbrücken durch die Innenstadt fährt, hat acht Haltestellen.

Irgendwo um Cuba tobt ein gewaltiger Wirbelsturm und deshalb ist der Himmel mit schmutzigen Wolken bedeckt. Es regnet gelegentlich. Jacksonville, Florida ist ein trostloser Ort, mit einförmigen Häusern und blanken Gehwegen. So blank, dass man eine Zigarette auf der Straße austreten möchte und hofft, dass sich alle darüber entsetzen mögen. Alles ist nett und alle sagen guten Tag.

Jacksonville ist eine mehrheitlich republikanische Stadt in einem "Swing State", einem Bundesstaat, in dem weder die Republikaner noch die Demokraten von einem Sieg ausgehen können. Florida ist der Swing State, hier gewann George W. Bush die letzten Wahlen mit einem Vorsprung von 547 Stimmen. Später wurde bekannt, dass mehrheitlich demokratische Stimmen nicht gezählt, Menschen an der Wahl gehindert oder Wahlzettel so konstruiert wurden, dass überzeugte Demokraten versehentlich rechte Republikaner wählten. Bisher aber war keiner der Kandidaten in Jacksonville, Bush und Kerry haben dafür alleine in den letzten drei Wochen mindestens fünf Wahlveranstaltungen in Ohio absolviert.

Wer erfahren möchte, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann Daryl Moricone treffen. Moricone ist 51 Jahre alt, nicht besonders groß und mit Staub bedeckt. Er darf am zweiten November nicht wählen, er wurde zwei Mal ohne gültigen Führerschein erwischt und ist nun in einem Arbeitsprogramm - an Stelle seiner fünfmonatigen Haft. Moricone hat einen Job als Bauarbeiter gefunden, muss aber jeden Tag um fünf nach sechs in die städtische Haftanstalt zurück. Kommt er früher oder gibt er nicht genaue Auskunft, auf welcher Baustelle sein Boss ihn einsetzt, wird er aus dem Programm genommen und wandert in die geschlossene Abteilung.

"Mein Boss ist heute nicht gekommen und wir waren eine Stunde früher fertig. Nun muss ich die Zeit auf der Straße totschlagen." Er darf kein Gebäude betreten, nicht einmal einen Kaffee trinken. Im Gefängnis gibt es keinen Fernseher, er darf keine Zeitung lesen, nicht rauchen. "Du freust dich immer nur auf die nächste Mahlzeit, sonst gibt es nichts." Moricone arbeitet auf einer der zahlreichen Baustellen, die Jacksonville für das US-amerikanische Ereignis schlechthin vorbereitet: Im nächsten Jahr wird der Superbowl, das Endspiel der amerikanischen Football-Liga hier ausgetragen. Hunderte Millionen Menschen aus aller Welt werden auf Jacksonville schauen.

Moricone lebt seit dreißig Jahren in Jacksonville, er verlor seinen Führerschein zeitweilig wegen eines emblematischen Akronyms: DUI - driving under the influence. Er hatte getrunken. Politik interessiert ihn überhaupt nicht. "Mein Leben hier ist schwer genug, ich habe mit Politik nichts zu tun." Damit drückt er die Haltung vieler Menschen in Jacksonville, vielleicht sogar der meisten Amerikaner aus. Wut auf die Politik scheinen sie in sich hineinzufressen, sie wandelt sich zu Sarkasmus und Apathie. Man kann das auch andersherum sehen, Apathie wird bewusst erzeugt, die Menschen konzentrieren sich in ihrer Ohnmacht nur auf ihr eigenes Leben. Die Politik ist weit weg, viele Menschen steht ihr ohnmächtig gegenüber.

Wer erfahren möchte, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann Sabina Guberac treffen. Guberac wurde vor 39 Jahren in der Gegend von Banja Luca geboren. Aus Bosnien floh sie vor dem Krieg nach Hamburg, dort drohte die Abschiebung und sie machte sich mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach Jacksonville auf. Hier leben etliche Tausend Bosnier, unter ihnen auch eine Schwester von Sabina Guberac. Nach sechs Jahren arbeitet sie nun im Büro eines Transportunternehmens sowie an einen kleinen Obst- und Gemüsestand im Einkaufskomplex "Jacksonville Landing". "Ich habe Angst. Jeden Tag hoffe ich, dass ich nicht krank werde, nicht meinen Job verliere. Hier geht es nur um Geld, jeden Tag ausschließlich um Geld. Das heißt arbeiten, nichts als arbeiten." Guberac fühlt sich noch heute nicht zu Hause in Jacksonville, nicht in den USA. Dennoch hat sie die Papierarbeit für ihre Staatsbürgerschaft schon hinter sich, in diesen Tagen hat sie das entscheidende Interview. "Ich will Kerry wählen, wenn Bush wieder Präsident wird, wäre das eine Katastrophe." Ihr Sohn ist 15 Jahre alt und will reich werden, er träumt den Traum der Einwanderer. "Er findet Bush toll, er will kein Bosnisch sprechen, nicht einmal dorthin fahren."

Sabina Guberac beschwert sich über die zu hohen Steuern, den Druck, und den sie jeden Tag aushalten muss. Sie steht alleine im Obstladen, außer an Wochenenden und nach dem Mittagessen verirrt sich kaum jemand hier hin. Der Obstladen läuft nicht besonders, was Guberac weiter Angst macht. Über Themen wie den Irak-Krieg spricht sie nicht.

Auch Guberac liegt mit ihren Sorgen im Kanon eines Großteils der Bevölkerung: Überlebensangst, in Sarkasmus pendelnde Wut, eher innenpolitische Themen sind die Momente, welche die Bevölkerung der USA bewegen, wie Dale Maharidge herausgefunden hat. Maharidge hat für sein neues Buch "Homeland" drei Jahre den mittleren Westen und den Süden der USA bereist, hunderte Gespräche geführt und die Verwundungen an "der Seele" der USA nach den Anschlägen vom 11. September gesucht. Arbeit und Gesundheitsvorsorge sind die wichtigsten Themen, "es gibt etliche Millionen von amerikanischen Arbeitern, die in Armut und einer virtuellen Depression leben, in einer virtuellen Weimarer Republik. Ihre Wut ist so wirklich, wie ihre Angst." Deshalb fordert er von Demokraten, sich auf sozialpolitische Themen zu konzentrieren, konkrete Vorschläge für Reformen zu erarbeiten. "Bisher haben Demokraten versucht, den besseren Kriegspräsidenten zu stellen, diese Strategie ist falsch. Die amerikanische Seele wird von einer Fraktion in der gesellschaftlichen Mitte entschieden, dort wo viel Wut residiert. Dafür braucht es Leadership." Das Bedürfnis nach Führung und Anleitung, nach der starken Figur des Präsidenten, nach dem Pathos des Heldentums ist allgegenwärtig. Erst danach zählt für viele, wohin der Führer führt.

Wer erfahren will, wie sich Einsamkeit anfühlt, kann Tony Benton treffen. Tony Benton ist 35 Jahre alt und selbständiger Friseur. "Wir Schwarzen sind nicht nur hier in Florida, sondern in den ganzen USA nach wie vor entrechtet. Dies ist das Land der reichen Weißen und es funktioniert für reiche Weiße." Benton hat ein einnehmendes Lachen, er ist ein fröhlicher Mensch, auch wenn er zwischen zwanzig leeren Tischen auf der oberen Etage des Jacksonville Landing sitzt und die hoffnungslose Situation vieler Schwarzer beschreibt. Er verweist darauf, dass das gegenwärtige Kabinett die reichste Regierung der Welt zusammenbringt, mehr als die Hälfte der Kabinettsmitglieder besitzt über 10 Millionen Dollar. "Mein Kandidat wäre Ralph Nader. Er hat realistischere politische Vorstellungen, aber natürlich werde ich Kerry wählen." Dieses Mal, so sagt er weiter, "wird es schwierig einen Wahlbetrug hier in Florida zu organisieren, schließlich schaut die ganze Welt zu." Er stockt, lacht von neuem und fügt an, "aber wenn sie wollen, können sie das wohl wieder hinbekommen. Dafür sorgen schon die elektronischen Wahlmaschinen." Nachdem bekannt geworden war, dass der elektronische Wahlvorgang sehr leicht manipulierbar ist, die einzelnen Stimmen kaum nachgezählt werden können und die Softwareprogramme von einer Firma erarbeitet wurden, die Millionen in die Wahlkampagne von Präsident Bush leitete, entscheiden sich mehr und mehr Menschen in Florida für eine Briefwahl. Auch Tony Benton wird das tun, "ich habe immer gewählt und werde es auch immer tun. Aber mir ist klar, dass meine Stimme keinen Einfluss auf das Wahlergebnis hat. Die Regierung wird damit verfahren, wie es ihr gefällt."

Ganz ähnlich kommentiert die Musikerin Ani Difranco die bevorstehenden Wahlen. "Wir haben ein faschistisches Regime an der Macht. Ich habe mit mir gekämpft um meine Begriffe zu klären, aber zu dieser Regierung fällt mir nichts anderes ein." Ani Difranco wuchs in Buffalo, New York auf und ist innerhalb progressiver Kreise eine weithin bekannte Musikerin.

Jacksonville ist ihre erste Rast auf einer Tour durch die östlichen Swing-States, "viele Linke, viele Progressive wählen gar nicht, darum geht es uns", sagt sie. Und, sie glaubt an die Demokratie, glaubt an kollektive Entscheidungsprozesse und die Macht der Menge. "Ich bin eine Patriotin, ich will um diese Demokratie kämpfen!" Sie weiß auch, dass der demokratische Kandidat nicht das System ändern wird, "aber für viele Menschen in den Todeszellen, für Frauen, die abtreiben wollen, für Menschen in den Sozialfürsorgen oder der Armee markiert Gore den entscheidenden Unterschied." Heißt der Kandidat nicht Kerry? Sie bricht in ein raumfüllendes Gelächter aus, ihr zierlicher Körper schüttelt sich. "Ach richtig. Der Andere eben, nicht Bush!"

Wer erfahren will, wie sich das konservative Mehrheitsgefühl geriert, kann David Snyder treffen. Snyder ist mit 61 Jahren Besitzer einer kleinen Baufirma. Er koordiniert gegenwärtig Arbeiten auf drei Baustellen, mit der sich die Stadt für den Superbowl aufbürstet. Sein weißes Haar ist ordentlich gestutzt, genau wie sein weißer Seemansbart. Er trägt kurze, hellbeige Hosen und ein blassblaues Polohemd. Alles an ihm wirkt gepflegt. "George W. Bush ist ein hervorragender Präsident. Er hat Stärke und Durchsetzungskraft. Und er ist kein Bürokrat aus Washington." Snyder hat drei Töchter, zwei sind schon verheiratet und haben Kinder. Die Älteste ist siebenundzwanzig. Über Snyders Gürtel staut sich ein gewaltiger Bauch, den er hinter dem Lenkrad einer unförmigen, geländegängigen Limousine unterbringt. Das sogenannte "Sports Utility Vehicle" verbraucht knapp dreißig Liter Sprit auf hundert Kilometer. Snyder hat zwei von diesen Autos, er hat ein Wochenendhaus, ein Motorboot und für den Rasen hinter seinem Haus braucht er einen kleinen Trecker. Im Leben von David Snyder ist viel Platz, um über die zu schimpfen, die am unteren Ende der sozialen Hierarchie leben müssen. "Drogensüchtig sind die und faul," sagt er. Der Liberalismus habe das Land auf seine Knie gezwungen, vom rechten Weg abgebracht, damit müsse Schluss sein. Snyder ruft Gott zum Zeugen, wenn die Rede auf Homosexualität kommt, "abartig" sei das. Einen gerechten Krieg fechte man im Irak, "und natürlich müssen wir unsere Ölversorgung sichern." Mit seiner jüngsten Tochter hat er Probleme, "sie will Ralph Nader wählen." Aus seinem Mund klingt das wie eine persönliche Beleidigung. Er rückt auf seinem Autositz zurück, als müsse er Distanz schaffen.

Am Abend wird Ani Difranco zum Abschluss des Konzerts ein Gedicht vortragen. Es fängt mit einer Liebeserklärung an: "Ich liebe mein Land, damit meine ich, dass ich mit Freude bei allen jenen Menschen entlang der Geschichte in der Schuld stehe, die die Regierung bekämpften, damit sie das Richtige tue." Während des Konzerts im Florida Theater, einem wunderbaren US-amerikanischen Art Deco Gebäude von 1926, stehen zwei der mehrheitlich jungen Mädchen in den Sitzreihen und wollen tanzen. Auf die drängenden Ordner hören sie nicht, von hinten brüllt sie eine Altersgenossin an: "Ich habe nicht fünfunddreißig Dollar gezahlt, um eure Rücken zu sehen." Die beiden tanzten tapfer noch ein halbes Lied weiter, auch sie sind allein.