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Am Boden der Tatsachen

Von Veronika Eschbacher

Wirtschaft

Während die ukrainische Wirtschaft in einer schweren Rezession steckt, ist die Landwirtschaft einer der letzten Sektoren mit Wachstum. Aber auch hier besteht massiver Reformbedarf.


Kiew. "Die Ukrainer wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren mit jeder Menge Mythen gefüttert: Dass ein goldenes Zeitalter anbricht, wenn die Ukraine der EU beitritt, dass der Kampf gegen die Korruption gewonnen wird und dass die Landwirtschaft das Land retten wird", hieß es kürzlich in einem Kommentar in einer ukrainischen Polit-Wochenzeitung.

Freilich gibt es einige gegenteilige Anzeichen dafür, dass der dritte "Mythos", das Landwirtschaftswunder, kein Mythos, sondern Realität werden könnte. Immerhin war der Sektor neben der Rüstungsindustrie einer der letzten der tief in einer Rezession steckenden Ukraine, der im Vorjahr wuchs. 2014 rückten zudem Agrargüter an die erste Stelle der Exportgüter des Landes und überholten damit die Metallurgieexporte. Nicht zuletzt lesen sich auch Top-Platzierungen in den Ausfuhrstatistiken beeindruckend: Die Ukraine ist weltweit größter Exporteur von Sonnenblumenöl, drittgrößter Exporteur von Mais, vierter bei Gerste, sechster bei Weizen, siebenter bei Sojabohnen, achter bei Geflügelfleisch.

150 Millionen Menschen ernähre die ukrainische Landwirtschaft, wird der neue Agrarminister Oleksij Pawlenko nicht müde, zu betonen. Und es sollen mehr werden. Ungeachtet des Verlusts von Land auf der Krim und im umkämpften Osten des Landes konnte die Ukraine 2014 eine Getreide-Rekordernte von 62 Millionen Tonnen einfahren. Und geht es nach Pawlenko, sollen es im Jahr 2020 100 Millionen Tonnen sein. In den zahlreichen Broschüren zur Landwirtschaft, die der ambitionierte Minister bei jeder Gelegenheit aufschlägt, ist die potenzielle Nachfrage schwarz auf weiß vermerkt: Laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO) muss die globale Nahrungsmittelproduktion bis 2020 um 60 Prozent gesteigert werden. Das Land am Dnjepr will hier vorne mit dabei sein.

Niedrige Ernteerträge

Auch wenn die Ukraine mit einem Viertel der globalen Schwarzerde ideale Voraussetzungen mitbringt - Selbstläufer dürfte es keiner werden. Die Getreideproduktion etwa ist weiterhin hochineffizient. Wenn die Firmen bei der Qualität des Saatguts und Düngemittel bisher schon gerne sparten, so verstärkt diese Tendenz die allgemeine Wirtschaftskrise noch einmal. Der Verfall der Landeswährung Griwen verteuert etwa den Einkauf europäischen Saatguts massiv.

Zudem bemängeln Experten immer wieder, dass viele Agrarfirmen die Böden schonungslos ausbeuten würden und sich kaum auch nur an rudimentäre Saatfolge-Empfehlungen halten. Das hat Folgen: Laut einer Studie von BakerTilly liegt der Ernteertrag bei den wichtigsten Kulturen weit unter dem internationalen Schnitt. Wird bei Weizen etwa in Deutschland ein Ertrag von 74 Dezitonnen pro Hektar oder in China 50 Dezitonnen erzielt, so liegt er in der Ukraine bei 28. Auch bei Mais erzielen die USA, Argentinien oder China höhere Erträge - obwohl die Qualität der Böden kaum an die der ukrainischen heranreicht. Was die Finanzerträge betrifft, so zahlen internationale Getreidehändler rund 10 bis 15 Prozent weniger für ukrainischen Weizen oder Gerste als etwa für europäischen.

"Auch das in der Ukraine bestehende Moratorium auf den Kauf und Verkauf von Agrarland hat die Entwicklung des Sektors bislang gebremst", sagt Andreas Schwabe von Raiffeisen Research. Ängste, dass aufgrund des Fehlens eines Rechtsstaats die Stärksten sich das beste Land aneignen, seien nicht unbegründet, sagt der Analyst.

Gleichzeitig bedeutet das Moratorium für Agrarfirmen einen immensen Mehraufwand. Große Holdings müssen jährlich tausende, wenn nicht zehntausende Pachtverträge mit den Eigentümern erneuern. Immerhin verabschiedete das Parlament kürzlich ein Gesetz, dass die Mindestpachtdauer auf sieben Jahre anhebt.

Minister Pawlenko hofft nun auf Investitionen aus dem Ausland. Er zählt auf, welche ehemals notwendigen Zertifikate, die oft ohnehin nur der Füllung korrupter Beamtentaschen dienten, er bereits eingestampft hat und welche in naher Zukunft fällig sind. Auch bei den staatlichen Agrarbetrieben - von denen laut Broschüre des Ministeriums lediglich 20 Prozent Profite schreiben - stehen massive Reformen an. Im Zuge erster Überprüfungen wurde Missbrauch in Höhe von 380 Millionen Euro festgestellt.

Schwabe sieht durchaus Potenzial, dass Investoren in der Tat in die Ukraine kommen. "Die Öffnung nach Europa etwa ist positiv für den Sektor und könnte bei entsprechenden Rahmenbedingungen - darunter Rechtssicherheit und allgemeiner Sicherheit - auch ausländische Direktinvestitionen nach sich ziehen", sagt der Analyst.

Ob der Traum vom Landwirtschaftswunder in Erfüllung geht, bleibt offen. Ukragroconsulting prognostizierte diese Woche einen Rückgang etwa bei der Getreideernte von 13,7 Prozent für das heurige Jahr.