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Am Computer fehlt der Name des Kandidaten

Von Gabriele Chwallek

Politik

Wieder drohen technische Pannen. | 90 Prozent stimmen elektronisch ab. | Washington. (dpa) James H. Webb könnte bei der Senatswahl in den USA am Dienstag eine Schlüsselrolle spielen. Ohne seinen Sieg im Bundesstaat Virginia haben die Demokraten keine Chance, den Republikanern die Mehrheit in der Kongresskammer abzujagen. Das Rennen gegen den Republikaner George Allen ist eines der heißesten am 7. November - aber gleich in drei Städten werden die Wähler Webbs Nachnamen nicht auf dem Computer-Bildschirm finden, auf dem sie ihre Stimme abgeben. Er wurde infolge eines Software-Fehlers abgehackt: Nur ein "James H. ,Jim" ist übrig geblieben. Die Zeit reicht nicht mehr aus, das zu ändern. Webb kann nur hoffen, dass jeder, der für ihn stimmen will, genau weiß, dass er "James" ist - auch ältere Wähler, die es ohnehin schwerer haben als die Jungen, mit den elektronischen Wahlautomaten umzugehen.


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Der Fehler in Virginia ist nur ein Beispiel von vielen - und wahrscheinlich noch eines der harmloseren. Sechs Jahre nach dem Desaster in Florida um die Stanzkarten bei der Präsidentschaftswahl, deren Ausgang schließlich vom Obersten Gericht entschieden wurde, könnten technische Probleme und andere Pannen wieder zu massiven Verzögerungen bei der Stimmenauszählung führen - und das bei der spannendsten Kongresswahl seit mehr als zehn Jahren mit Dutzenden offener Rennen.

Viele Geräte ungetestet

Ein Rekordanteil von 90 Prozent der schätzungsweise mehr als 80 Millionen Wähler wird am Dienstag mit Hilfe elektronischer Geräte votieren. Das sind Computer, bei denen die Stimme direkt durch Berühren des Bildschirmes abgegeben wird, oder Maschinen, die manuell - etwa durch Ausfüllen von Kreisen per Bleistift - abgegebene Stimmen erfassen und zählen. Ein Drittel der Wähler wird es mit Geräten zu tun haben, die noch nie bei Wahlen auf Bundesebene getestet wurden.

Bei den diesjährigen Kongress-Vorwahlen in den einzelnen Staaten gab es zahlreiche alarmierende Pannen, so auch in möglicherweise entscheidenden Wahlbezirken wie etwa Cuyahoga County in Ohio, dessen Votum 2004 George W. Bush den zweiten Präsidentschaftsgewinn sicherte. Im dortigen Bezirk mit 1,3 Millionen Wählern führte ein falsches Design der Wahlzettel dazu, dass die mit der Hand ausgefüllten Listen nicht per Scanner gelesen werden konnten. Das Ergebnis: Die Auszählung verzögerte sich um sechs Tage. Hinzu kamen vermisste Code-Karten, die den Zugang zu den Wahlmaschinen ermöglichen, falsch zugeordnete Passwörter und Fehler bei der elektronischen Speicherung der Wählerlisten: Am Ende gab es hunderte Stimmen mehr als Wahlberechtigte.

In Pottawattamie County in Iowa wurde eine Prüferin mehr als stutzig, als der elektronische Wahlautomat das Ergebnis ausspuckte: Danach hatte ein unbekannter Neuling den hoch favorisierten langjährigen Amtsinhaber vernichtend geschlagen. Es stellte sich heraus, dass die Kandidatennamen auf den Zugangskarten falsch codiert waren und damit das Votum auch falsch gelesen wurde. Zum Glück gab es neben dem elektronischen Ergebnis einen Papier-Ausdruck der Stimmen, so dass der Fehler korrigiert werden konnte. Jedoch nur 35 US-Staaten mit elektronischen Maschinen sichern sich derart ab.

Angst vor Hackern

Aber nicht nur technische Probleme und menschliches Versagen haben das Vertrauen vieler Wähler erschüttert. Computer-Wissenschaftler warnen schon seit längerem vor der Hacker-Anfälligkeit von Wahlmaschinen. Experten an der Princeton-Universität gelang es denn auch unlängst bei einem Test, die Software eines Automaten so zu manipulieren, dass Kandidaten Stimmen "gestohlen" wurden. Der Automat stammte von der Firma Diebold, einem der Hauptlieferanten von Wahlmaschinen. "Betrug ist ein realistisches Szenario", räumte kürzlich der republikanische Abgeordnete Vernon Ehlers ein.

Und zu allem Überfluss sind nun auch Spekulationen aufgekommen, dass jemand die Hände im Kongress-Spiel haben könnte, der kürzlich Präsident Bush vor der UNO als Teufel bezeichnet hat: der venezolanische Präsident und USA-Hasser Hugo Chavez. Es geht um die Firma Sequoia Voting Systems, die mindestens zwölf US-Staaten mit Wahlautomaten versorgt. Nach Medienberichten wird Sequoias Mutterunternehmen Smartmatic von Venezolanern kontrolliert und eine US-Behörde untersucht zur Zeit die Verbindungen. Im März hatten bei der Kongress-Vorwahl in Chicago (Illinois) von Sequoia gelieferte Automaten nicht funktioniert.