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Am End´ weiß keiner nix

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Heuer vor 2000 Jahren verloren die Römer ein Achtel ihrer Streitkräfte in einem Gemetzel, das eine germanische Heerschar unter Arminius, dem Cherusker, an ihnen verübte.


Rom blühte unter Kaiser Augustus, dessen Reich von Ägypten bis zum Ärmelkanal und vom Kaspischen Meer bis zum Atlantik reichte. Kein Herrscher hat mehr Gebiete dem Römischen Weltreich unterworfen als er, der Gesalbte.

Nur an einem Gebiet, auf das die Römer schon lange Appetit hatten, biss er sich die Zähne aus - an Magna Germania, dem großen Germanien östlich des Rheins und nördlich der Donau. Herr Senator P. Q. Varus, ein erfahrener Militär, aber auch ein gewiefter Steuerfachmann, sollte der bereits einverleibt geglaubten Provinz Germania ordentliche römische Sitten beibringen, vor allem die gute Sitte des Steuern-und-Tribute-Zahlens. Dabei bediente er sich der Hilfe der Cherusker, eines germanischen Stammes, dessen Heerführer, ein gewisser Hermann, zwar als Geisel nach Rom kam, dort jedoch zum römischen Ritter ausgebildet wurde.

Varus durchschaute nicht das Doppelspiel seines Tischgenossen Hermann, der sich als treuer Verbündeter Roms gerierte. So wurde er von dem erbitterten Widerstand der von Arminius zusammengeschweißten Germanenstämme und von dessen List kalt erwischt. Nachdem er 20.000 seiner Soldaten in den Tod geführt und sich selbst ins Schwert gestürzt hatte, soll Kaiser Augustus im fernen Rom die verzweifelten Worte "Quintili Vare, legiones redde!" ausgerufen haben ("Varus, Varus, gib mir meine Legionen wieder!")

Dermaßen die Finger verbrannt, ließ der Römer sie endgültig von Magna Germania und begnügte sich mit den Gebieten diesseits des Limes. Die "Schlacht im Teutoburger Wald", auch Varus- oder Hermannsschlacht genannt, hat das Gesicht Europas bis heute geprägt.

Sie jährt sich also heuer zum 2000. Mal. Ihrer zu gedenken, hat sich Deutschland nicht lumpen lassen und eine archäologische Mega-Ausstellung an drei verschiedenen Orten organisiert: "Imperium - Konflikt - Mythos", in Haltern am See, Kalkriese und Detmold.

Im heutigen Haltern am See befand sich das Verwaltungs- und Militärzentrum der geplanten römischen Provinz im rechtsrheinischen Germanien. In Kalk riese wird seit 1989 das Schlachtfeld ausgegraben, auf dem römische Legionäre mit Hilfstruppen und Tross von den Germanen geschlagen wurden. Und in Detmold steht mit dem 1875 eingeweihten, 54 Meter hohen Hermannsdenkmal das imposanteste Zeugnis zum Mythos über die Varusschlacht.

Wie bitte? Kalkriese? Ja, die Wissenschaft ist sich heute weitgehend einig, dass die Schlacht eben nicht im Teutoburger Wald, sondern auf einem Feld etwa 60 km nördlich davon stattgefunden hat. Denn dort häufen sich die Funde römischer Hinterlassenschaften, nach denen man im Teutoburger Wald immer noch vergeblich sucht.

Inzwischen hat man selbst den Namen "Teutoburger Wald" als Fehlübersetzung aus dem Lateinischen entlarvt. Der antike Historiker Tacitus schreibt von "teutoburgiensis saltu". Also dachte man an eine Burg der Teutonen, was jedoch zweifelhaft ist. Außerdem könnte "burgus" auch "Turm" heißen. Und das lateinische Wort "saltu/saltus" steht nicht nur für "Waldgebirge", sondern auch für "Schlucht" oder "Gebiet". Und das völlig ignorierte Wortende -ensis bedeutet "Langschwert".

Doch der Clou kommt noch: Im Mai dieses Jahres machte ein Sensationsfund die Runde: Am Fuße des Harzgebirges fanden Archäologen etwa 800 römische und germanische Objekte. Und dies beweist, dass sich die Römer keineswegs nach der verlorenen Varusschlacht hinter den Limes zurückgezogen haben. Am End´ weiß keiner nix...