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Am Ende des Tages fressen die Schlauen die Schnellen

Von Erika Bettstein

Wirtschaft

Vergangene Woche präsentierten Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und Staatssekretär Franz Morak im Wiener Hotel Marriott die von ihnen initiierte Internet-Plattform "IT4career.at", die einen innovativen Marktplatz für Jobs, Weiterbildung und Unternehmens-Start-Ups im IT-Sektor bietet. Gründungspartner von IT4career sind Alcatel Austria, Telekom Austria, Wifi Wien, die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ), das Gründer-Service Österreich, der Internet-Karriereratgeber und -Jobanbieter Career.at sowie das New-Media Marketing-Unternehmen Activeagent.


"Anscheinend stehen heute zu wenig Talente zur Verfügung, um die anstehenden Probleme im Bereich Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zu lösen", konstatiert Internet-Unternehmer Johannes Zeitelberger von der e-motions-group. Zu oft werde bei der Personalsuche vergessen, "dass es sich um lebende Menschen handelt" und nicht um virtuelle Software-Beherrscher.

Angesichts der neuen Herausforderungen im IKT-Sektor liege es an den Unternehmern, "die Mitarbeiter angstfrei zu machen". Menschliche Potenziale müssen frei gesetzt werden, ist Zeitelberger überzeugt: Erfolgreich sei jener Unternehmer, der seine MitarbeiterInnen nach dem Motto "Mach das, was Du gut kannst" einsetze. Zur effizienten Nutzung von Human Ressources rät er zum Einsatz professioneller Coaches. Denn, so Zeitelberger: "Am Ende des Tages fressen die Schlauen die Schnellen". Dabei dürfe sich die Wirtschaft nicht zurück lehnen und auf die Politik warten, diese könne aber "helfen": "Bildung braucht Wettbewerb und Marktorientierung", sendet Zeitelberger sein Signal in Richtung Bildungspolitik.

Niemandem "das Hirn wegnehmen"

"Jeder Unternehmer weiß, dass kurzfristige Lösungen die schlechtesten sind", erteilt Zeitelberger "Green Cards" für IKT-Spezialisten ein Absage: "Was soll das bringen, unseren Nachbarn aus den mittel- und osteuropäischen Ländern das Hirn weg zu nehmen", fragt er provokant. "Wenn es überhaupt gelänge, jemanden her zu locken", so würden solche Abwerbungen kontraproduktiv wirken, strebe man einen raschen Aufholprozess und EU-Beitritt dieser Länder an, um wirtschaftlich von der Osterweiterung profitieren zu können, unterstreicht auch der Bundeskanzler.

"Politik kann Mut machen"

"Politik kann Mut machen zur persönlichen Initiative", sagt Schüssel, "gute Politik führt vom Negativen weg und entwickelt den Möglichkeitssinn". New Economy und Internet seien Instrumente, die klug und richtig eingesetzt sein wollen. Die gemeinsame Aufgabe müsse "in der Entwicklung der Brain-Power im eigenen Land" liegen. "Österreich kann Weltklasse im IKT-Bereich werden, das Know-how ist vorhanden", betonte der Bundeskanzler - und verwies auf die Qualität der österreichischen Universitäten und Fachhochschulen. "Halb Europa" beziehe heute etwa aus Graz Know-how in Sachen Electronic-Cards, die - wie die österreichische "Bürger-Card" - bald in praktisch allen europäischen Ländern zum Einsatz kommen - "mit absolut faszinierenden Möglichkeiten und mehr Bequemlichkeit für die Bürger und der Chance, in ein absolutes Kostensenkungsthema hineinzugehen", so der Bundeskanzler. Vor fünf Jahren hätten nur 2% der heimischen Haushalte über einen Internet-Anschluss verfügt, heute wären es über 20%: "2,5 Millionen Österreicher sind im Web, über 120.000 Menschen sind im IKT-Sektor beschäftigt und Nachfrage besteht".

Zum "Start-up-freundlichsten Land" werden

"Wir wollen das Start-up-freundlichste Land in Europa werden", sagt Schüssel. Mit der Abschaffung der hohen Einstiegsgebühren für Jungunternehmer hätte die WKÖ bereits ein Zeichen gesetzt: "Wir haben heuer einen Gründerrekord von fast 30.000 Jungunternehmen!" Dennoch solle niemand glauben, "was Börsengurus anschaffen" - die Unternehmen der Old Economy hätten ebenso ihre Berechtigung, müssten sich aber zur Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit der Methoden der New Economy bedienen.

Die Bundesregierung habe sich im Bildungsbereich einiges vorgenommen. In den nächsten drei Jahren würden 7 Mrd. Schilling mehr für Forschung und Entwicklung ausgegeben. Mit Unterstützung der EU forciere Österreich E-Education, E-Learning, E-Government, E-Business. "Die Durchlässigkeit von Wirtschaft und Wissenschaft muss erhöht werden", betont Schüssel, auch müsse sich der Markt öffnen: "Vor kurzem haben wir die ersten Privatuniversitäten akkreditiert" - und das sei "erst der Beginn dieses Wettbewerbs".

"Das Internet ist der weltweit größte Marktplatz", sagt Staatssekretär Morak bei der Präsentation der österreichischen Initiative, die den IKT-Standort Österreich nachhaltig stärken und mehr Schlüsselarbeitskräfte bringen soll. IT4career.at habe sich zum Ziel gesetzt, einen Marktplatz für Jobs, Weiterbildungsangebote und Start-Ups im IKT-Sektor anzubieten. Angesprochen werden sollen Personen, die sich für Jobs und Ausbildungen im IKT-Bereich interessieren sowie Unternehmen, die MitarbeiterInnen und Fachkräfte aus diesem Bereich suchen.

Antwort auf New Economy

Die neue Internet-Plattform versteht sich als "zeitgemäße Antwort auf die wirtschaftlichen, bildungspolitischen und arbeitsmarktpolitischen Herausforderungen der New Economy". Arbeitgeber können auf der Plattform Jobs kostenlos ausschreiben und Interessenten können sich direkt über Internet bewerben. Zudem wird ein Überblick über Aus- und Weiterbildungsangebote gegeben. Daneben gibt es umfassende Informationen für IKT-Unternehmensgründer und direkten Zugang zu Kapitalgebern. Die Devise, die Morak ausgibt, ist: "Auf in´s Internet für Leute, die etwas werden wollen".

"Wir brauchen Qualifikationen und einen Know-How-Aufbau", sagt Rudolf Fischer von der Telekom, die als Marktführer einen großen Bedarf an Human Ressources im IKT-Sektor habe. "Unsere Branche kann auch in Zukunft nicht auf hoch qualifizierte Fachkräfte verzichten", stellt Harald Himmer von Alcatel fest: "Wir wollen die Dynamik des IKT-Ausbildungs- und Arbeitsmarktes in Österreich zielgerecht unterstützen."

Realität lebensbegleitendes Lernen

Rund 300.000 VeranstaltungsteilnehmerInnen in den österreichischen Wifis würden aufzeigen, dass "lebensbegleitendes Lernen längst Realität" geworden ist, betont Institutsleiter Michael Landertshammer: "Dabei spielen neue Formen wie etwa E-Learning eine Schlüsselrolle." Das Wifi verfüge über die notwendige Kompetenz, "Arbeitnehmer und Arbeitgeber fit für die neuen Herausforderungen zu machen". Auf rund 30.000 Beratungsgespräche pro Jahr mit Unternehmensgründern verweist Bettina Kerschbaumer vom Gründer-Service der Wirtschaftskammer.

"Kapital in den Köpfen" mobilisieren

Immer noch seien Bürokratie und Finanzierung Haupthindernisse bei Gründungen - IT4career.at biete eine Ergänzung etwa zur bestehenden Finanzierungsbörse "cash.net" des Gründer-Service. Dass es gelte, das "Kapital in den Köpfen" zu mobilisieren, betont Manfred Nürnberger von Activeagent. Und Markus Gruber von career.at erklärt: "Nur wenn Jugendliche sehen, dass hier enorme Karrierechancen und Entwicklungsmöglichkeiten auf sie warten, werden sie sich für diesen Bereich interessieren." Das Karriereportal career.at stelle für die gemeinsame Initiative gerne seine Expertise zur Verfügung.