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Am Ende fließen immer Tränen

Von WZ-Korrespondent Fabian Köhler

Politik

Hunderte Flüchtlinge ertrinken vor der Küste von Lesbos. Es könnten noch viel mehr sein.


Molivos. Aus der Sicht Europas beginnt der Zuzug von Flüchtlingen als orangefarbenes Flimmern. Da hinten, könnte das nicht? Dort, etwas links vom Schiff der Küstenwache, unterhalb der Moschee! Dort, wo Asien ist, erheben sich an diesem Vormittag ein paar hellen Kreise aus den blauen Wellenbergen. Im Fernglas von Guyestto formen sie sich langsam zu den Konturen von Menschen. Wenig später sind ihre verzweifelten Gesichter, das Winken der Arme erkennbar. Und schließlich auch die Tränen der Flüchtlinge.

Der 29-jährige Holländer Guyestto ist einer von rund 100 Helfern auf der griechischen Insel Lesbos. Sie versuchen dafür zu sorgen, dass es Gesichter mit Freudentränen sind, die sich unten an der Küste gegen die Neoprenanzüge der Rettungsschwimmer pressen. Fast die ganze 20 Kilometer lange Küste kann man von seinem Hügel aus sehen. Vor einigen Wochen lagen an den Stränden zwischen Molivos und Skala Sikamineas noch türkische und deutsche Urlauber. Jetzt stapeln sich Berge aus Schwimmwesten im Sand, mündet die Brandung in einen Streifen aus schwarzem Gummi, das den Flüchtlingen, die aus der Türkei kommen, mal ein besseres Leben versprach. Kilometerlang. "Wohlfühlinsel zum Wohlfühlpreis" wird der Insel im Reiseprospekt beschrieben.

Lesbos als Symbol für die Flüchtlingskrise

Das Eiland ist aber längst Symbol von Europas Krise mit den Flüchtlingen geworden. Und zu einem der vielen Schauplätze für die Krise hunderttausender Flüchtlinge mit Europa. Über eine halbe Million Menschen haben in diesem Jahr die Überfahrt von der Türkei auf eine der griechischen Inseln gewagt. Im Oktober kamen über 100.000 Flüchtlinge - allein nach Lesbos. Bis zu 7000 Menschen erreichen die Strände pro Tag.

Wie viele Kinder er heute aus den Booten gehoben hat, weiß Oriol nicht mehr. Der 27-jährige Spanier ist einer der ehrenamtliche Rettungsschwimmer auf der Insel. Er sitzt in etwas, das einmal ein Hotel war. Nun ist es Einsatzzentrale von "ProActiva Open Arms". Jet Skis stehen am Kiesstrand. Männer und Frauen in Neoprenanzügen laufen durch die ehemalige Lobby.

"Eigentlich arbeiten wir als professionelle Rettungsschwimmer an den Stränden von Barcelona", erzählt Oriol. Als im September Medien voll waren mit Bildern von ertrinkenden Menschen, habe ihr Chef sie gefragt, ob sie bereit wären, auf Lesbos zu arbeiten. Ohne Bezahlung und in ihrer Urlaubszeit. "Wir haben alle ja gesagt", sagt Oriol. Hunderte Menschenleben haben allein die spanischen Rettungsschwimmer gerettet. "Vor ein paar Wochen hatten wir gleichzeitig 300 Menschen im Wasser", erinnert sich Oriol. Vier Stunden lang hätten sie mit ihren Jet Skis immer neue halb erfrorene Menschen aus dem Meer gezogen. Am nächsten Morgen lagen dennoch dutzende Leichen an den Stränden.

Mindestens 500 Menschen sind laut der "International Organisation of Migration" vor der Küste von Lesbos in diesem Jahr gestorben. Die meisten vor der Ankunft der Freiwilligen. "Früher irrten die Flüchtlinge oft stundenlang mit nassen Klamotten durch die Nacht", erzählt Mika. Am anderen Ende der Küste steht die 25-jährige Holländerin hinter einem Tisch mit Marmeladenbrot, Wasserflaschen und Falafel-Bällchen. Sie ist eine der Freiwilligen im Camp "Oxi". So heißt das größte von drei provisorischen Flüchtlingslagern. Keines der Camps wurde von lokalen Behörden genehmigt, geschweige denn betrieben. "Wir haben Oxi einfach gebaut", erzählt Mika. Die NGO "Starfish", die nun die Arbeit der 100 Freiwilligen aus zwei Dutzend Ländern koordiniert, entstand erst danach.

"Es geht ja nicht nur darum, dass sie nichts machen. Sie behindern unsere Arbeit auch noch", sagt der 22-jährige Jasper aus Flensburg, der seit drei Tagen ehrenamtlich bei Starfish mitmacht. Wochenlang bemühten sich das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR und das Internationale Rote Kreuz um die Genehmigung dafür, ein paar Zelte an der Küste aufstellen zu dürfen. Schließlich taten es Aktivisten einfach so.

Viele Einschränkungen für freiwillige Helfer

Eine Gruppe freiwilliger griechischer Rettungsschwimmer darf nur auf dem Land retten. Die Küstenwache erlaubt ihnen nicht, aufs Meer hinaus zu fahren. Ein dringend benötigter Krankenwagen aus Schottland darf nicht benutzt werden, weil die Behörden den nötigen Antrag noch nicht bearbeitet haben. Bewohner der Insel, die Flüchtlinge in ihren Autos mitnehmen, mussten bis vor kurzem mit hohen Geldstrafen rechnen.

Vor einem großen Eingangstor sitzt ein grauer Mittvierziger im weißen Mietwagen. Bob arbeitet für die britische Hilfsorganisation Oxfam. Früher hätten Taxifahrer den Flüchtlingen bis zu 700 Euro abgeknöpft, erzählt er. "Jetzt bringen Freiwillige sie in Bussen zu uns." Zwei dieser Freiwilligen sitzen auf Bobs Rückbank. Dahinter stapeln sich Kisten mit Fladenbrot und Plastikschachteln mit Reis und Rosinen im Kofferraum. "Wir wechseln uns mit ‚Save The Children‘ ab. Heute sind wir mit der Essensverteilung dran", sagt Bob.

Eigentlich wird Camp Moria von griechischen Behörden und der EU verwaltet. Eigentlich, wie so vieles auf Lesbos. In der Praxis funktioniert auch hier nichts ohne die Arbeit von Freiwilligen und Hilfsorganisationen. Bis zu 2000 Menschen werden pro Tag durch das Camp geschleust, das sich hinter meterhohen Metallzäunen und Stacheldraht erstreckt. Bis zu 4000 Flüchtlinge leben gleichzeitig in dem Lager, das eigentlich für 400 gedacht war.

Wer Glück hat, ergattert einen der Plätze im Fertig-Container aus grauem Kunststoff. Die meisten haben Pech. In den angrenzenden Olivenhainen wärmen sich Familien um brennenden Müll, schlafen Kinder auf Plastikplanen. Wer Hunger hat, Kleidung braucht, krank ist, steht in der Schlange vor einem der Zelte der Hilfsorganisationen: Grünhelme, Ärzte ohne Grenzen, Save The Children, UNHCR.

Eine sehr lange Warteschlange hat sich vor der Person gebildet, die von der griechischen Regierung für ihre Arbeit bezahlt wird. Manchmal warten die Flüchtlinge tagelang auf das Dokument, das ihnen erlaubt, Lesbos in Richtung Festland zu verlassen. 15 Kilometer entfernt endet eine weitere Schlange vor dem Ticketkontrolleuren des Fähranbieters.

In einer Pfütze spielen zwei Mädchen mit Streichholzschachteln ihre Flucht nach. Ein alter Mann röstet Kastanien im brennenden Müll. Ein Bus spuckt Familien aus, deren ganzes Leben nun in zwei Pappkartons passen muss. Mehr Platz lässt ihnen die Hafenbehörde nicht. Die einzigen hauptamtlich arbeitenden Griechen, die sich um die Flüchtlinge kümmern, verkaufen Vodafone-Sim-Karten.

1500 Dollar für Flüchtende,30 Euro für "Normalbürger"

Es wird dunkel, als Guyestto seinen Hügel im Norden der Insel verlässt. Der Weg hinab könnte einen guten Parcours für Off-Road-Motorräder hergeben, lägen nicht auch hier überall die orangefarbenen Schwimmwesten am Straßenrand. Acht Kilometer ist die Türkei von hier aus entfernt, sagt Google Maps. "Da kann man doch hinüberschwimmen", sagt fast jeder, der zum ersten Mal an der Küste steht. "1500 Dollar", sagt der türkische Schlepper und meint einen Platz im völlig überfüllten Gummiboot. "30 Euro", sagt der lokale Fähranbieter, meint aber keine Flüchtlinge.

Es ist längst Nacht, als der Kleinbus der norwegischen Hilfsorganisation "Drop in the Ocean" zum nächsten Einsatz fährt. Im Scheinwerferlicht erscheinen die müden Gesichter einer Gruppe Flüchtlinge am Straßenrand, die nach eigenem Bekunden aus Afghanistan stammen. Hinter der Böschung wärmen sich drei Dutzend Flüchtlinge an einem Lagerfeuer aus brennenden Schwimmwesten.

Aus der Dunkelheit des Meeres schimmert das Leuchten von Handy-Bildschirmen, stottert ein Außenbordmotor, der nie dafür gedacht war, Menschen übers Meer zu transportieren. 20 Minuten später haben die Boote 30 bis 35 dieses Tages Europa erreicht. Wieder münden die Stirnlampen der Rettungsschwimmer in panische Gesichter, sitzen Kinder in goldenen Rettungsdecken am Ufer. Und eine norwegische Helferin wischt ihre Tränen am Neoprenanzug eines Kollegen ab.