Zum Hauptinhalt springen

Am Kreuzpunkt der Kulturen

Von Brigitte Breth

Reflexionen

Die Stadt Görz liegt sowohl in Italien als auch in Slowenien und trägt auf der einen Seite den Namen Gorizia, auf der anderen heißt sie Nova Gorica. Seit 2004 ist die Grenze zwischen beiden Stadtteilen wieder offen und passierbar.


Zur Spurensuche in die altösterreichische Provinz Görz-Gradisca führt die Wocheinerbahn traditionsreich an das gewünschte Reiseziel, den Hauptbahnhof von Görz. Gebaut wurde diese spektakuläre Gebirgsbahn vom österreichischen Staat, als zweite Verbindung Wien-Triest, alternativ zur privaten Südbahn via Laibach - zum wichtigsten Hafen Mitteleuropas. Um wirtschaftlich die mittleren und nördlichen Städte an Triest anzubinden, entstand ein Netz von Alpenbahnen - die Transalpina. Die Eröffnung der Strecke von Jesenice/Aßling bis Görz und weiter bis Triest - 133 aufwändige Kilometer in fünfjähriger Bauzeit - feierte offiziell Erzherzog Franz Ferdinand am 19. Juli 1906. In Erinnerung an diesen Tag bemerkte der Thronfolger zweifelnd: "Es war sehr schön und fröhlich in Görz - wer kann wissen, ob mich nicht in Triest ein irredentistisches Bömberli erwartet?"

Gorizia: Der Palazzo Lantieri mit dem "Wiener Tor".
© Foto: Breth

Die neue Wocheinerbahn brachte Wirtschaft und Fremdenverkehr umgehend in Schwung: Internationale Schnellzüge aus Paris, Berlin und Prag nutzten die ideale Nord-Süd-Verbindung, Reisende konnten die Schönheit der Landschaft in eigenen Panorama- Waggons bewundern.

Ebenfalls im Jahre 1906 eröffnete im bildhübschen k.u.k. Kurort Bled das edle "Hotel Triglav" gleich gegenüber dem Bahnhof. Stolz wird noch heute berichtet, dass Franz Ferdinand bei seinem Aufenthalt mit der Küche sehr zufrieden war. Das geschmackvoll renovierte Haus, mit Seeblick und regionalem Restaurant, ist derzeit die wohl beste Adresse im slowenischen Bled.

In Gegenzug erreichten die begehrten frischen Früchte des Südens - Kirschen aus Cormons(!) - die Hauptstädte im Landesinneren der Donaumonarchie nun in der sensationellen Lieferzeit innert eines Tages.

Der imperiale Görzer Bahnhof mag an Bedeutung verloren haben, der Bau des Wiener Architekten Robert Seelig im Sezession-Stil wird aber als kulturelles Erbe gepflegt. Auf dem friedlichen Vorplatz davor erscheint es schier unglaublich, dass gerade hier seit 1947 der Eiserne Vorhang Gorizia teilte. An die Wiedervereinigung der Stadt im Haus Europa 2004 erinnert eine schlichte, in den Boden eingefügte graue Scheibe mit den Jahreszahlen der Trennung.

Für ein tieferes Verständnis der Vergangenheit empfiehlt sich ein Besuch im "Museum der Grenze" im Bahnhofsgebäude. Ein Rundgang mit Kurator Borut Koloini ist eine ideale Lektion über die Bedeutung der schmerzvollen Kriegswirren für die Menschen in der Region.

Das Gebiet von Gorizia, Görz auf Deutsch, war seit jeher eine Mischung aus romanischer, slawischer und germanischer Kultur.

Die mächtigen Grafen von Görz herrschten ab 1117 über ein vielfältiges Territorium: Von den Alpen im Norden mit dem gesamten Soča-Tal bis in den Golf von Triest, westlich über die Hügel der Brda und des Collio bis in die Lagune von Grado, im Osten über das Wippach-Tal und den Karst bis vor Laibach. Das Haus Habsburg mit Maximilian I. wird 1500 der Universalerbe der görzischen Dynastie nach dem Tod des Grafen Leonhard. Als Teil des Österreichischen Küstenlandes verblieb die "Gefürstete Grafschaft Görz" mit kurzen Unterbrechungen bis 1918 unter den Schwingen des Doppeladlers.

"Nizza von Österreich"

Aufgrund des mildesten Klimas im Kaiserreich erblüht die beschauliche Provinzstadt Görz im 19. Jahrhundert zum "Nizza von Österreich". Die Winter sind sonnig, das Seebad Grado ist nahe, es bläst keine Bora wie in Triest.

Die Adelsfamilie Lantieri aus Brescia in der Lombardei kaufte 1504 die kleine Festung Fortino am Eingang in die Stadt Görz. Der Wachturm mit Zugbrücke wird bald bekannt als "Wiener Tor" und "Porta Orientalis" nach dem Motto: Der Ausgang zum Osten öffnet in die Zukunft. Der Ausbau des Anwesens mit großzügigem Gästehaus erhält wegen seiner harmonischen Gestaltung die Namen "Schönhaus" und "Casa bella". Hohe Herrschaften mit ihrem Gefolge sind hier im Palazzo Lantieri auf ihren Kutschenfahrten durch die Länder angemessen untergebracht.

Auf ihren Missionen treffen sich in Görz Kaiser, Könige, Päpste und Künstler. Im Freskensaal sind zu Ehren für Kaiser Karl V. gestaltete Bilder von der ersten Türkenbelagerung von Wien zu bewundern. Die Galerie zum Eingang in den persischen Garten ist geschmückt mit Fresken mit geheimnisvollen Symbolen, die Alchimisten zugeschrieben werden, daneben liegt eine urige, voll funktionstüchtige Rauchküche.

Die Kapelle des Hauses ist dem Hl. Antonius gewidmet, er hatte neun Monate in Einsiedelei gelebt und anschließend ein Franziskaner-Kloster gegründet.

Carolina Lewetzow-Lantieri Piccolomini führt den prächtigen historischen Familienbesitz. Nach einer internationalen Ausbildung in Kunstgeschichte und Graphik zieht sie fünf Kinder groß und arbeitet für Sotheby’s. Nach der Öffnung der Grenzen im Jahr 2004 lädt sie Künstler der Contemporary Art in das elegante Ambiente ihrer Räumlichkeiten ein - eine spannende künstlerische Herausforderung. Gepflegte Gastlichkeit auf hohem Niveau bietet Palazzo Lantieri weiterhin in Zimmer und Suite im Piano nobile und zwei Appartements im Garten.

Nova Gorica: Bibliothek und Slowenisches Nationaltheater, erbaut vom Architekten Vojtech Ravnikar.
© Foto: Breth

Schwer umkämpft wurde Görz im Ersten Weltkrieg. Die Stadt galt mit den Bergen im Norden und Süden als strategischer Brückenkopf für die Expansionspläne der Italiener. Im Mai 1915 geriet Görz unter einjährigen Beschuss der verfeindeten Mächte Österreich-Italien und erlitt große Zerstörungen. Für den Wiederaufbau ergeht eine Einladung an den kosmopolitischen Architekten Max Fabiani. Er hatte bereits davor in Görz für die slowenische Minderheit die moderne Handelskammer entworfen.

Die Annäherung an Gorizia wirft viele Fragen auf. Fundierte Antworten findet man in der Buchhandlung "Liberia Editrace Goriziana" am Corso Verdi 67. Geschäftsgründer und Verleger Giogio Ossola Beinl, als Österreicher 1930 in der Stadt geboren, vermittelt Geschichte in Wort und Schrift sehr anschaulich.

In die slowenische Stadt Nova Gorica biegt man nach dem Bahnhof scharf links in die Erjavčeva Straße ein. Sie entstand zunächst als Vision einer völlig neuen, modernen Stadt im jungen Staat Jugoslawien. In jedem Fall ein groß angelegtes Experiment, als politisches Signal gewollt von Staatschef Tito höchstpersönlich. Für die Teilrepublik Slowenien beauftragte der Minister Matija Maček sogleich 1947 die Planung für den Aufbau einer lebenswerten Stadt auf den grünen Wiesen, hautnah an der frisch gezogenen, schroffen Grenze zu Italien und somit der Stadt Görz.

Schönes und Stolzes

Architekt Edvard Ravnikar gewann den Wettbewerb: "Wir wollen etwas Großes machen, Schönes und Stolzes erbauen - das über die Grenze strahlt". Eine mediterrane Gartenstadt, luftig mit hoher Wohnqualität, funktionierend für alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens - so sah sein urbanistischer Plan aus.

Für diese Aufgabe war Ravnikar bestens ausgebildet. Nach seinem vierjährigen Studium in Wien studierte er bei Jože Plečnik in Ljubljana, absolvierte bis 1935 als sein herausragendster Student die Fakultät für Architektur. Mit Otto Wagners architektonischen Elementen war er also durchaus vertraut. Bei Le Corbusier in Paris verfeinerte er anschließend seine bauliche Ausdrucksweise.

Die große Wertschätzung, die Präsident Tito Vinko Glanc entgegen brachte, beförderte den Architekten direkt in die Stadtplanung für Nova Gorica hinein. Die Meisterprüfung war mit Auszeichnung bestanden: Mit der Vollendung der repräsentativen "Villa Bled" für Titos Staatsgäste trat Glanc gekonnt in die Fußstapfen seines Lehrers Jože Plečnik, bei dem er schon 1927 diplomiert hatte.

Modern und klassisch zugleich, multifunktional - als erstes Haus eröffnet 1953 das Rathaus von Vinko Glanc. Ein Bronze-Modell der revolutionären Stadtplanung ist am Bevkov-Platz zur Besichtigung aufgestellt. Tatsächlich verwirklicht konnte aber nur ein Bruchteil des ambitionierten Aufbaus werden: die Hauptstraße, das Rathaus und sechs Wohnbauanlagen, "Russische Blöcke" genannt.

Titos Prestige-Projekt schrumpfte bald auf Gemeindeebene. Die neue Stadt wuchs weiter, ökonomisch und kulturell - mit einem Industrie-Viertel, Landwirtschaft, Obst- und Weinbau in der Goriska Brda und dem Vipava-Tal. Sie erhielt eine Universität, die öffentliche France Bevk Bibliothek und das Slowenische Nationaltheater - beides ausgezeichnete Bauten von Architekt Vojtech Ravnikar aus Nova Gorica. Eine weitere Neuerung entwickelt sich zu einem Besuchermagneten: Spielcasinos mit Entertainment im amerikanischen Stil. Das Hotel-Casino "Perla" soll gar das größte in Europa sein.

Auf einem bewaldeten Hügel südlich von Nova Gorica besucht man einen Ort der Stille. Die schön renovierte Anlage besteht aus der Wallfahrtskirche "Maria Verkündigung" neben dem Franziskanerkloster Kostanjevica, beide reich an Schätzen und Geschichte. Unter dem Kirchenschiff liegt die Krypta von Charles X., der als letzter Herrscher den Titel "König von Frankreich" führte. Im idyllischen Garten blühen prächtige historische Bourbon-Rosen mehrmals im Jahr, die klostereigene Bibliothek krabec hütet eine wertvolle Sammlung von mehr als 10.000 Bänden, zurückgehend bis ins 16. Jahrhundert.

Schon zur Zeit der k. u. k. Monarchie führt ein alter Verbindungsweg durch das Vipava-Tal. Die ehemals kleinste Stadt Österreichs - Heiligenkreuz / Sveti Križ / Santa Croce - liegt, mit befestigtem Schloss gegen die Türkengefahr lang gestreckt auf einem kleinen Hügel. Für den bedeutenden Nord-Südhandel erhielt sie 1506 das Marktrecht.

Grad Kromberk in der Grajska Cesta Nr. 1 ist eine bekannte Adresse. Das Restaurant mit Ausblick auf die barocke Parkanlage zählt zu den besten in Slowenien. Das Renaissanceschloss Kromberk dient über Jahrhunderte der Familie Coronini als herrschaftlicher Landsitz. Das Museum im Haus stellt die kulturelle Vielfalt der historischen Region Görz und Gradisca zur Schau.

Brigitte Breth lebt als Autorin und Fotografin in Wien. In Reiseberichten und Fotoausstellungen richtet sie ihr Augenmerk bevorzugt auf Süd-Osteuropa.