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Am Nasenring durch die Anstalt

Von Christian Ortner

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Christian Ortner.

Der Aufstand der Redakteure ist eine kleine Chance für den ORF. | Der braucht jetzt einen neuen Chef.


Manche Bewohner von Chefetagen verfügen bekanntlich über eine derart dicke Haut, dass ihnen der aufrechte Gang auch ohne sonderlich festes Rückgrat möglich ist.

Der Generaldirektor des ORF vermittelt den Eindruck, zu dieser Spezies zu gehören.

Vermutlich ist kein anderer Spitzenmanager über die Jahre so vielen so heftigen Demütigungen in der Öffentlichkeit ausgesetzt gewesen wie Alexander Wrabetz. Und ziemlich sicher haben nicht allzu viele Unternehmensführer so wenig Rückgrat im Umgang mit derartigen Demütigungen gezeigt wie der ORF-Generaldirektor.

Sich von der Politik erst einen persönlichen Mitarbeiter nahelegen zu lassen und diesen dann auch noch unter dem Einfluss ebenjener Politik wieder fallen zu lassen - noch weniger aufrechte Haltung ist schwer vorstellbar.

Wäre der ORF ein ganz normales Unternehmen, könnte man es getrost Wrabetz überlassen, sich von der Politik am Nasenring über die Bühne ziehen zu lassen, zum Vergnügen des johlenden Publikums - oder eben auch nicht.

Doch der ORF produziert eben nicht Schrauben, Furniere oder Leiterplatten, sondern (unter anderem) Meinung, und zwar politisch relevante Meinung. Deshalb ist die Frage, ob der Chef dieser öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt über ausreichend Haltung verfügt, nicht eine seiner privaten Befindlichkeit oder der seiner Untergebenen, sondern eine politisch relevante Angelegenheit.

Leider hat Alexander Wrabetz nicht nur durch sein Handling der Causa Büroleiter bewiesen, dass er da erhebliche Defizite hat.

Er würde dem ORF einen Dienst erweisen, zöge er daraus die Konsequenzen.

Denn es liegt in der Natur der öffentlich-rechtlichen Anstalt ORF, dass sie stets den Begehrlichkeiten der Politik ausgesetzt sein wird. Und weil die Politik als Quasi-Eigentümer ja auch entscheidet, wer dort Karriere macht und wer nicht, wird sie im Normalfall ganz gute Argumente haben, ihre jeweiligen Begehrlichkeiten durchzusetzen; völlig unabhängig davon, welche Parteien gerade regieren.

Wirkliche Unabhängigkeit kann im ORF daher immer nur gegen das Interesse der Politik zustande kommen. Entgegen dem ganzen Wortgeklingle von der geheiligten Unabhängigkeit der Berichterstattung gibt es die im wirklichen ORF- Leben nur, wenn sie erkämpft wird.

Führbar ist dieser Kampf naturgemäß nur, wenn der Mann an der Spitze der Anstalt über ausreichend Courage verfügt, nicht ausschließlich treuer Diener seiner politischen Herren zu sein.

So wirklich funktioniert hat das im ORF erst einmal: in der ersten Amtszeit Gerd Bachers, gleich nach dem Rundfunk-Volksbegehren. Erstens, weil Bacher Bacher war, und zweitens, weil der Erfolg des Volksbegehrens für einen unabhängigen Rundfunk den Parteien für ein paar Jahre in den Knochen saß.

Der kleine Erfolg der ORF-Redakteure im Kampf gegen die Begehrlichkeit der Parteien könnte einen ähnlichen Schwung geben.

Was fehlt, ist ein ORF-Chef von der Statur Bachers.

ortner@wienerzeitung.at