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Am Prager Bahnhof ist Endstation

Von Marketa Kutilova, Prag

Europaarchiv

Prag wird immer mehr zur letzten Zuflucht für obdachlose Kinder aus ganz Tschechien und den anderen Staaten Mittel- und Osteuropas. Vor allem während der Sommermonate steigt die Zahl der heimlosen Buben und Mädchen sprunghaft an: Mittlerweile dürften bereits mehr als 2.000 "Schmetterlinge", wie die Vagabundierenden von vielen Pragern genannt werden, auf den Straßen der Hauptstadt leben. Viele enden auf dem Kinderstrich rund um den Prager Hauptbahnhof. Und die "Kundschaft" reist wegen des günstigen Preisniveaus vornehmlich aus Deutschland und Österreich an.


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Manche der in Prag herumstreunenden Minderjährigen wissen nicht wohin, nachdem sie aus diversen Heimen und Erziehungsanstalten ausgerissen sind, mache fühlen sich allein gelassen, weil sich ihre Eltern nicht um sie kümmern. Und manchen ist einfach während der Ferien langweilig, deshalb kommen sie nach Prag um nach "Abenteuern" Ausschau zu halten. Das sind allerdings die wenigsten.

40 Prozent wurden zuvor sexuell missbraucht, zwei Drittel kommen aus aus desolaten Familien. Ein Fünftel der Prager Straßenkinder sind Ausländer aus der Slowakei, der Ukraine, Rumänien oder Bulgarien. Unter den Straßenkindern, die aus Tschechien kommen, finden sich überproportional viele aus Roma-Familien.

Die exakte Zahl der Kinder auf den Prager Straßen ist nicht eruierbar. Die Behörden gehen aber von etwa 2000 jungen Menschen aus. Der Chef des Prager Polizeidistrikts Nummer 1, Jiri Sellner, erklärt, warum es keine gesicherten Daten geben kann: "Die sind wie eine Fata Morgana. Sie machen sich bemerkbar und dann verschwinden sie plötzlich." Das einzige, was Sellner mit Sicherheit sagen kann: "Die Zahl der vagabundieren Minderjährigen in Prag ist ansteigend."

Die Prager Polizei hat bereits spezielle Einsatzkommandos aufgestellt, die die obdachlosen Kinder von den öffentlichen Plätzen im Zentrum wegbekommen soll. "Aber unsere Einheiten können nur in der Nacht einschreiten. Unter Tags können wir gar nichts unternehmen, weil es für die Kinder nicht verboten ist, ihre Zeit auf der Straße totzuschlagen", erklärt Polizist Sellner. "In der Nacht können wir die identifizieren, die unter 15 Jahre alt sind. Die bringen wir dann auf die Polizeistation und versuchen ihre Eltern zu finden. Wenn keine Erziehungsberechtigten auffindbar sind, bringen wir die Kinder auf Erkennungsstellen. Soweit der Beitrag der Polizei zur Lösung des Problems.

"Hotel Sternenhimmel"

Die meisten bereits im Kindesalter Obdachlosen leben im unmittelbaren Umkreis eines der großen Prager Bahnhöfe. Sie schlafen in leeren Waggons, verlassenen alten Häusern, im Kanalsystem oder auf Parkbänken - was im einschlägigen Jargon Übernachten im "Hotel Sternenhimmel" genannt wird. Manchmal haben sie Glück und können sich für die eine oder andere Nacht ein Hostel leisten oder sie kommen in einem billigen Asyl unter. Das Geld dafür stammt zumeist aus Diebstählen, Einbrüchen, Drogenhandel.

Der Großteil der Straßenkinder prostituiert sich. Vor allem männliche Minderjährige, von Eingeweihten "Schmetterlinge" genannt, bieten sich am Hauptbahnhof, den anderen Bahnhöfen oder in den Parks an. Ein beliebter Ort zur Anbahnung eines Geschäfts ist das Bahnhofscafé "Fantova kavarna". Dort ist es nach allgemeiner Aussage schon nichts Besonderes mehr, wenn ein Achtjähriger Reisende anspricht. Der Preis ist niedrig, er beträgt zwischen einigen hundert bis maximal 2000 Kronen. Die niedrigen Kosten locken Sextouristen aus dem Ausland, speziell aus Österreich und Deutschland an.

Die Kinder "profitieren" zweifach: Sie bekommen Geld und manchmal eine Nacht in einem Hotelzimmer. Aber das Geld reicht meist nicht lange. Zwei Drittel der Stricher sind drogensüchtig, die anderen verjubeln das Geld in Klubs oder stecken es in Spielautomaten. Prager Sozialarbeiter bekommen täglich zu sehen, wie gefährlich diese Art des Gelderwerbs ist: "Viele der Kinder und Jugendlichen sind HIV-positiv, manche sind schon daran gestorben", weiß etwa Pavel Vycichlo. Diejenigen, die außerdem drogenabhängig sind, riskieren zusätzlich eine Hepatitis B oder C-Infektion. Und das AIDS-Risiko steigt.