Zum Hauptinhalt springen

Am Rand des Abgrunds

Von Reinhard Mutz

Wissen

Am 13. August 1961 wurde die Berliner Mauer errichtet.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 12 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Verdient ein Bauwerk der Moderne monströs genannt zu werden, dann die Mauer in Berlin. Die Menschenleben, die sie kostete, und die Gewalt, die sie verkörperte, haben in konkreter Weise Schuld begründet. Das ist die eine Ebene der Betrachtung. Es gibt aber auch eine zweite, abstraktere. Hier verschmilzt Stadtgeschichte mit Weltpolitik, in der Berlin jahrzehntelang ein einzigartiger Part zufiel. Auf dieser Ebene erscheint der Mauerbau als kühl kalkulierter Schachzug in einem Poker, dessen Regelwerk selbst der Inbegriff des Monströsen war. Hätte das Scheitern gewaltfreier Konfliktaustragung doch unverzüglich apokalyptische Formen des Kriegführens heraufbeschworen.

Tauziehen um die Stadt

Warum gerade Berlin? Weil das Tauziehen um die Stadt an Zählebigkeit alles übertraf, was sonst zwischen West und Ost strittig war. Ähnlich dramatisch verlief nur die kubanische Raketenkrise vom Herbst 1962, aber sie konnte viel schneller unter Kontrolle gebracht werden. In Europa erreichte kein anderer Streitherd dieselbe Brisanz. Zweimal entbrannten Weltkrisen um Berlin. Die Sommermonate 1948 und 1961 registriert die Zeitgeschichte als aufreizendes Muskelspiel, als Gestik des Drohens und Einschüchterns, als Nervenkrieg bis dicht an den Schießkrieg. Es waren Lehrstücke sicherheitspolitischer Interessenwahrung in der Ära des Kalten Krieges.

Ausgelöst hat die Berlinkrisen beide Male die Sowjetunion mit frontalen Attacken auf den Status der Stadt. Im Jahr 1948 war es die Blockade, die Unterbrechung der Verkehrswege zwischen den westlichen Besatzungszonen Deutschlands und den Westsektoren Berlins, zehn Jahre später das sogenannte Chruschtschow-Ultimatum, die Ankündigung, Westberlin zu einer "entmilitarisierten Freien Stadt" zu machen. Das hieß lapidar: Amerikaner, Engländer, Franzosen hätten die Stadt zu verlassen, bei Nichtbefolgen drohe der unfriedliche Hinauswurf. Die rüde Art des Vorgehens ist der östlichen Vormacht als Ausdruck systembedingter Aggressivität ausgelegt worden. Aber diese Erklärung übersieht, dass sich die sowjetische und die westliche Berlinpolitik an Unnachgiebigkeit kaum nachstanden. Jede Seite verfolgte Interessen, die sie als existentiell für ihre Sicherheit und deshalb als nicht kompromissfähig erachtete.

Das gespaltene Europa

In der ersten Krise, drei Jahre nach Kriegsende, ging es um die endgültigen Einflussgrenzen in Europa. Die Spaltung des Kontinents war schon vollzogen. Nun begannen die Siegermächte, den Teil Europas, der ihrer faktischen Kontrolle bereits unterstand, auch institutionell an sich zu binden. Darüber geriet die Sowjetunion ins Hintertreffen: Die Westalliierten machten sich an die Gründung der Bundesrepublik. Drei statt vier Besatzungszonen zusammenzufügen, zu dritt statt zu viert darüber zu entscheiden, widersprach aber allem, was man vorher gemeinsam unterschrieben hatte. Der entstehende westdeutsche Teilstaat, soviel war absehbar, würde die Zahl der Gegner der Sowjetunion vermehren. Sie benutzte den Hebel Berlin, um die ihr nachteilige Entwicklung zu behindern und möglichst abzuwenden.

Zehn Jahre später hatte sich die europäische Szenerie gewandelt. Die Blockbildung war abgeschlossen, die Absicherung der Besitzstände zum neuen Inhalt des Ost-West-Konflikts geworden. Deutschland, zweigeteilt, stand wieder unter Waffen und unter dem Patronat der Führungsmächte der beiden verfeindeten Allianzen. Zwischen ihnen schwelte der Subkonflikt um Berlin. Die Bundesrepublik betrachtete ihren verletzlichen Außenposten als Prüfstein für die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Bindung an Europa. Die USA sahen darin den Kitt zwischen Bonn und der NATO. Beiden galt die westliche Teilstadt als unaufgebbar.

Für die DDR und ihre Schutzmacht hingegen bildete sie einen mehr als unbequemen Fremdkörper - freier, offener, wohlhabender, deshalb anziehend für die Menschen im Sozialismus. Jährlich verließ die Einwohnerzahl einer mittleren Großstadt - Rostock oder Erfurt - die DDR, über zweieinhalb Millionen Menschen seit der Staatsgründung, rund 15 Prozent der Bevölkerung, zur Hälfte jünger als 25 Jahre. Sie gingen über Westberlin. Wie dieses Schlupfloch zu stopfen sei, war in Wahrheit das Thema der zweiten Berlinkrise, wenn man es auch nur hinter vorgehaltener Hand so aussprach.

Die Luftbrücke

Als 1948 die sowjetische Militärverwaltung die Baufälligkeit der Elbbrücken bei Magdeburg zum Vorwand der Berlin-Blockade nahm, trat der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Deutschland, General Lucius D. Clay, für die "Instandbesetzung" der Autobahn ein. Technische Probleme seien technisch lösbar, also könnten amerikanische Pioniere den Schaden reparieren. Dass er selbst nicht mit einem reibungslosen Verlauf der Aktion rechnete, zeigte sein Vorschlag, dem Bautrupp Geleitschutz beizugeben, in Regimentsstärke mit Infanterie- und Panzerabwehrwaffen.

Darüber gerieten sich Clay und sein Präsident in die Haare. Unter Hinweis auf die Kriegsgefahr und die mangelnde Vorbereitung der USA auf einen globalen Konflikt lehnte Harry S. Truman Clays Plan ab. Er bevorzugte die aufwendigere, aber weniger riskante Demonstration technischer Leistungsfähigkeit: Man überflog das Hindernis und versorgte die Millionenstadt aus der Luft, volle zehn Monate lang.

Zugleich ließ er acht Staffeln B 29-Bomber über den Atlantik verlegen. Maschinen dieses Typs hatten 1945 die Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki geflogen. Nun reichte von den neuen Stützpunkten aus ihr Einsatzradius über die gesamte europäische Sowjetunion. Die Botschaft war überdeutlich. Seinem Tagebuch vertraute Truman an: "Forrestal, Bradley, Vandenberg berichteten mir von Basen, von Bomben auf Moskau, auf Leningrad u.s.w. Ich habe das schreckliche Gefühl, dass wir einem Krieg sehr nahe sind."

Mochte 1948 die nukleare Unverwundbarkeit der Vereinigten Staaten noch als Trumpfkarte gelten, so war dieser amerikanische Vorteil während der zweiten Berlinkrise dahin. Ende der fünfziger Jahre entstand das sogenannte atomare Patt. Von da an verfügte die Sowjetunion zusätzlich zu ihren Atomwaffen auch über Trägermittel interkontinentaler Reichweite. Das sowjetische konventionelle Übergewicht in Europa wurde nicht länger in Schach gehalten von den strategischen Kernwaffen der USA, sondern diese nun ihrerseits durch jene der UdSSR. Formal herrschte Waffengleichheit, aber es war die Gleichheit gelähmter Riesen. Nur verbal bestanden noch Spielräume, und es entwickelte sich ein Dialog des lautstarken Bluffs.

Druck und Gegendruck

Anfang Juni 1961 bedeuteten sich die Führer der beiden Supermächte bei ihrem Treffen in Wien unverblümt die Bereitschaft zum Krieg gegeneinander. Drohgebärde folgte auf Drohgebärde. Zwei denkwürdige Fernsehansprachen glichen sich bis in die rhetorischen Figuren. Kennedy am 25. Juli: "Wir wollen den Kampf nicht, aber wir haben schon gekämpft." Chruschtschow am 7. August: "Wir wollen keinen Krieg, aber unser Volk fürchtet sich nicht vor Prüfungen."

Nur Wahnsinnige, so pflegte Chruschtschow zu poltern, könnten eines anachronistischen Privilegs wegen den Dritten Weltkrieg riskieren. Das "anachronistische Privileg" meinte die westalliierte Anwesenheit in Berlin. Dieses Privileg, das auf originärem Siegerrecht beruhe und deshalb keines sei, so regelmäßig die amerikanische Entgegnung, verbürge die Freiheit Westberlins und werde gegebenenfalls mit hohem Mitteleinsatz verteidigt.

"Hoher Mitteleinsatz" war die diplomatische Umschreibung für die amerikanische Nukleargarantie Berlins, d.h. für die Zusicherung an die Bonner Regierung und den Westberliner Senat, ein Vorgehen gegen den Westteil der Stadt bis hin zum Einsatz von Atomwaffen zu kontern. Man übertreibt nicht, wenn man von einer zum Zerreißen gespannten Lage spricht.

Wie hätte der amerikanische Präsident reagiert, wäre es, wie von Moskau angedroht, zu einer neuerlichen Berlinblockade gekommen, diesmal einschließlich der Luftwege? Wir kennen die Antwort nicht, und es ist müßig, darüber zu spekulieren. Allerdings kannte in jenem Krisensommer 1961 auch von den Verantwortlichen im Kreml niemand die Antwort. Bestand für Washington kaum eine realistische Aussicht, die sogenannte Nukleargarantie einzulösen, dann bestand für die Sowjetunion kaum ein realistisches Wagnis, die Garantie zu missachten. Aber "kaum ein Wagnis" bedeutet nicht "überhaupt kein Wagnis", jedenfalls nicht an der Schwelle zum Atomkrieg.

Wie die Moskauer Führung das Risiko einschätzte, lässt sich zuverlässig folgern: Sie setzte die "entmilitarisierte Freie Stadt", die "selbständige politische Einheit Westberlin", die Blaupausen ihrer politischen Berlin-Offensive seit Herbst 1958, nicht einseitig ins Werk. Stattdessen gab Chruscht-schow grünes Licht für den Mauerbau. Er wählte, wie vor ihm Truman, den ungefährlicheren, aber kostspieligeren Ausweg. Denn teuer war auch die Mauer - nicht in Dollar, wie die Luftbrücke, wohl aber in der gleichfalls knappen Währung internationalen Ansehens.

Beigetragen zum glimpflichen Ausgang der Krise hat die unmissverständlich klare Markierung dessen, was die westliche Berlinposition ausmachte. Die drei Kernforderungen Kennedys - westalliierte Anwesenheit, freier Zugang, Lebensfähigkeit - bezogen sich auf Westberlin und seine Bürger, nicht auf Ostberlin und dessen Bewohner. Der Fortbestand freier Bewegungsmöglichkeiten in ganz Berlin befand sich nicht darunter. Seit Verkündung der Forderungen stand am Brandenburger Tor eine unsichtbare Warntafel. Sie trug die nach Osten weisende Aufschrift "Nukleare Schwelle". Exakt an dieser Stelle wuchs die Mauer, aber keinen Fußbreit darüber hinaus.

Die Massenvernichtungswaffen, sagt die Abschreckungstheorie, sollen von Aggressionen dadurch abhalten, dass die Wahrscheinlichkeit ihres Einsatzes unkalkulierbar ist und das Ausmaß des möglichen Schadens untragbar. Die beiden Weltkrisen um Berlin zeigen anschaulich, wie Abschreckung während der Ost-West-Konfrontation funktionierte. Jede Seite erstrebte ein Höchstmaß eigener Zielverwirklichung, zugleich bemüht, die Risikobereitschaft des Gegners auszuloten, ohne den Bogen zu überspannen.

Zurückhaltung

Je zweimal standen Washington und Moskau vor der Wahl, die Krise zu verschärfen oder Zurückhaltung zu üben. Jedesmal haben sie darauf verzichtet, ihre politischen und militärischen Optionen voll auszuschöpfen. Das gilt für Trumans Entscheidung im Juni 1948, den Landzugang nach Berlin nicht zu erzwingen, für Stalins Entscheidung im September 1948, die Versorgung der Westsektoren auf dem Luftweg nicht zu unterbrechen, für Chruschtschows Entscheidung im August 1961, die Unterstellung Westberlins unter eigene Kontrolle nicht durchzusetzen, und für Kennedys Entscheidung im selben Monat, die Sperranlagen zwischen den beiden Stadthälften nicht niederzureißen.

Am Rande des Abgrunds erwiesen sich die Luftbrücke und der Mauerbau als Notnägel gegen den Absturz. Jeder Berliner, der Zeuge dieser dramatischen Vorgänge war, wird es anstößig finden, die beiden Aktionen auch nur in einem Atemzug zu nennen: Menschen mit dem Lebensnötigsten zu versorgen und Menschen hinter Stacheldraht einzuschließen - in der Tat, dazwischen liegen Welten.

Aber die Politik der Krisenbewältigung im Nuklearzeitalter folgte nun einmal keinem moralischen Prinzip. Ihr Geschäft war die Suche nach dem rettenden Ausweg zwischen Kapitulation und Katastrophe. Der Erfolg hing davon ab, dass eine Handvoll Entscheidungsträger unter extremer Anspannung Nerven und Augenmaß bewies. Sich die Alternative vorzustellen, wäre schwärzeste Fiktion. Allerdings, so hat Henry Kissinger einmal gefragt, ist nicht auch die Verhütung des Krieges ein moralisches Prinzip?

Berlin ist wiedervereint, Europa nicht mehr gespalten. Neue Brandherde rücken den monströsen Abschreckungsfrieden von einst in ein nostalgisches Licht. Das Horrorbild des Dritten Weltkriegs, dem etliche Male die zweigeteilte Welt nur knapp entkam, verblasst. Aber auch die positiven Erfahrungen, die es ebenfalls gab, entschwinden dem Gedächtnis. Nicht erst mit dem Fall der Mauer, sondern schon zehn Jahre nach ihrem Bau nahm die Konfliktgeschichte Berlins eine unverhoffte Wendung. Im Viermächte-Abkommen von 1971 bestätigte die Sowjetunion völkerrechtlich bindend die drei amerikanischen Mindestforderungen, deren stillschweigende Respektierung 1961 genügt hatte, den direkten Zusammenstoß zu vermeiden.

Damit war der mögliche Anlass unkontrollierter Kriseneskalation politisch entschärft. Die Zeitbombe hörte auf zu ticken, die Lunte am atomaren Pulverfass erlosch. Auch die Entspannungsdiplomatie der siebziger Jahre hat die Gefahr eines Ost-West-Kriegs in Europa nie vollends bannen können, aber dass Berlin zum Auslöser würde, stand nun kaum noch zu befürchten. War während der Block-Konfrontation militärische Selbstmäßigung ein Überlebensgebot, so sitzen Waffen längst wieder lockerer. Die unerbittlichen Spielregeln der Abschreckungsdisziplin greifen nicht mehr. Heute muss Vernunft ersetzen, was gestern die Furcht vor der Apokalypse erzwang.

Eine erweiterte Fassung dieses Beitrags ist in der Juli-Ausgabe von "Le Monde Diplomatique" erschienen.Reinhard Mutz, , geboren 1938, ist Politologe. Bis 2006 war er Geschäftsführender Wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg. Bis 2008 Mitherausgeber des Jahresgutachtens der friedenswissenschaftlichen Forschungsinstitute in der Bundesrepublik.

Neue Bücher zum Thema

Hope M. Harrison: Ulbrichts Mauer. Wie die SED Moskaus Widerstand gegen den Mauerbau brach. Propyläen Verlag, Berlin 2011, 512 Seiten.
Klaus-Dietmar Henke (Hrsg.): Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung, dtv, München 2011, 607 Seiten.
Manfred Wilke: Der Weg zur Mauer. Stationen einer Teilungsgeschichte. Ch. Links Verlag, Berlin 2011, 472 Seiten.
Kai Diekmann (Hrsg): Die Mauer. Fakten. Bilder. Schicksale. Piper Verlag, München/ Zürich 2011, 203 Seiten.
Bettina Buske, Patricia Koelle (Hrsg.): Mauerstücke. Erinnerungsgeschichten. Dr. Ronald Henss Verlag, Saarbrücken 2011, 180 Seiten.