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Am Rand des "global village"

Von Christine Penker

Politik

Am Beginn des neuen Jahrtausends sind Begriffe wie "Globalisierung" und "Informationszeitalter" in aller Munde. Sollten wir also wirklich in einem "global village" leben, so stellt sich natürlich auch die Frage, wo die Länder der so genannten "Dritten Welt" in diesem Dorf liegen. Am Beispiel Afrika - mit dem Schwerpunkt Tansania - lassen sich Sachlage und mögliche Verbesserungsmaßnahmen gut veranschaulichen.


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Laut internationalen Investoren ist Tansania eines der wirtschaftlich besonders risikoreichen Länder Afrikas. Die Gründe dafür liegen zum Teil in häufigen politischen Krisen. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Bildung der Bevölkerung: Armut, schlechte Infrastruktur und wenige Schulen und Universitäten erschweren den Zugang zu weiterführender und akademischer Ausbildung.

Dies könnte zumindest zum Teil verbessert werden, wenn man auch in Afrika neue Kommunikationstechnologien anwenden würde. Dadurch könnte ein Studium auch für diejenigen ermöglicht werden, denen es bisher aus Zeitmangel oder durch zu große Entfernungen verwehrt geblieben ist. Überdies wären Studierende so besser auf eine berufliche Zukunft im Informationszeitalter vorbereitet. Auch ein wertvolles Netzwerk zwischen Universitäten, Forschungsstätten und Industrie könnte entstehen.

Besonders alarmierend ist in Tansania die zunehmende Not in den ländlichen Gebieten. Armut, unzureichende Transport- und Kommunikationsinfrastruktur und das lückenhafte soziale Netz führen zu starken Migrationstendenzen zu den Ballungszentren. Ein wesentlicher Beitrag zur Stabilisierung der Lage wäre eine grundlegende Verbesserung der Wirtschaft im ländlichen Bereich.

Doch auch in den urbanen Zentren sollte einiges geschehen. "Informal Cooked Food Vending" - der Verkauf von Lebensmitteln auf der Straße - ist für viele Familien der einzige Weg, der Armut zu entkommen, die in der Stadt oft viel grausamer ausgeprägt ist. In dieser Branche dominieren vorwiegend junge Mütter, die zwar ausgezeichnet kochen, aber über kein wirtschaftliches Know-How verfügen. Kostenlose Lehrgänge, die eine Einführung in Management und rechtliche Belange bieten, wären für diese Lebensmittelverkäufer eine große Hilfe.

Die Beispiele zeigen, dass in Tansania noch sehr viel Basisarbeit geleistet werden muss, um das Land international konkurrenzfähig zu machen. Verwunderlich ist es daher, dass im Rahmen der Vollversammlung der Vereinten Nationen in New York mit dem Schwerpunktthema "Globalisierung", die Situation Tansania sehr positiv bewertet wurde. Die Maßnahmen zur "good governance" seien ausreichend getroffen worden, hieß es seitens der Industrieländer.

Die Sachlage beweist aber, dass noch viele weitere "Maßnahmen" getroffen werden müssten. Die Industrieländer sollten beginnen, ihren technischen Fortschritt mit den Entwicklungsländern zu teilen, um ihnen den Zugang zum globalen Handel zu ermöglichen.

Auch die Etablierung eines neuen, fairen internationalen Gesetzes, das der "Dritten Welt" den notwendigen Raum für ihre Entwicklung lässt, wäre erforderlich. Eine globale Agenda mit allgemeinen Maßnahmen gegen Armut und ungerechte wirtschaftliche Regelungen könnte gleiche Rechte für alle realisieren.

Die Globalisierung trägt ihren Namen unverdient, wenn Länder nicht am Weltmarkt teilhaben können, weil ihnen die Grundlagen dafür verwehrt bleiben. Die internationale Gemeinschaft zeigt Einsatz für Menschenrechte, ist aber nicht bereit, wirtschaftliche Probleme, in denen meist die Gründe für Menschenrechtsverletzungen liegen, zu diskutieren.

Erfolg im Kampf gegen die Armut und das Erreichen anderer Ziele, um Tansania und andere Länder konkurrenzfähig zu machen, sind natürlich auch von der Integrität der Regierung und anderer Institutionen abhängig. Korruption auf allen Ebenen stellt im Fall von Tansania nach wie vor eines der größten Probleme dar. Es bleibt zu hoffen, dass sich dies durch eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage beheben ließe. Hilfe von Außen ist jedenfalls die Grundvoraussetzung für eine Verbesserung der Situation. Denn auch hier bewahrheitet sich leider wieder einmal Brechts Sprichwort "Zuerst kommt das Fressen und dann die Moral".