Zum Hauptinhalt springen

Am Rande des Dritten Weltkriegs

Von Rolf Steininger

Wissen

Mit dem Mauerbau im August 1961 trieb die permanente Krise um West-Berlin ihrem Höhepunkt zu.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 7 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Berlin, August 1961: Zwischen den Sektoren entsteht sehr schnell die Mauer.
© Steininger/Univ. Innsbruck

Am 10. November 1958 kündigte Nikita Chruschtschow im Moskauer Sportpalast die Aufkündigung des Potsdamer Abkommens an. Er drohte damit, dass die Sowjetunion einen Friedensvertrag mit der DDR abschließen werde. Die Westmächte würden dann ihre Rechte verlieren und müssten mit der DDR Verträge über ihren Zugang nach Berlin aushandeln. West-Berlin, das "große Loch inmitten der Republik" - so SED-Chef Walter Ulbricht - würde gestopft, das "Geschwür am Körper Europas" - so Chruschtschow - beseitigt werden.

Am 27. November 1958 legten die Sowjets nach und überreichten den drei Westmächten eine gleichlautende Note, in der sie die Umwandlung West-Berlins in eine selbstständige politische Einheit forderten - und das innerhalb der nächsten sechs Monate. Sollte bis dahin keine Lösung erreicht sein, würden sie einseitig handeln und alle Kompetenzen der DDR übertragen. Diesem Ultimatum ließen sie am 10. Jänner 1959 den Entwurf eines Friedensvertrages mit Deutschland folgen, der auf einer Gipfelkonferenz beraten werden sollte.

Die Antwort der USA

Präsident Eisenhower war unter keinen Umständen bereit, der sowjetischen Erpressung nachzugeben. Unterstützt wurde er dabei von seinen Militärs, die noch weiter als er gehen wollten. Als Verteidigungsminister Neil McElroy die Möglichkeit eines Präventivschlages andeutete, warnte Eisenhower: "Wenn wir uns einmal entschlossen haben, militärische Gewalt anzuwenden, dann sind dieser Gewalt keine Grenzen gesetzt. Dies ist eine Tatsache, über die wir uns im klaren sein müssen." Bei einem Atomkrieg würden mindestens 76 Millionen Amerikaner sterben, aber man könne dennoch keiner Erpressung nachgeben.

Am 16. Februar 1959 schlugen die Westmächte den Sowjets für den Sommer - nach Ablauf des sowjetischen Ultimatums - eine Viermächte-Außenministerkonferenz in Genf vor. Moskau stimmte zu, die Konferenz fand statt - und endete am 5. August ohne Ergebnis. Allerdings war das sowjetische Ultimatum vom Tisch, und die Großmächte begannen sich zu arrangieren: Chruschtschow wurde zu einem Besuch in die USA eingeladen. Wenig später einigte man sich auf eine Gipfelkonferenz in Paris für Mai 1960.

Dazu sollte es dann allerdings nicht kommen. Am 1. Mai 1960, 15 Tage vor der geplanten Konferenz der "Großen Vier" - Eisenhower, Chruschtschow, Großbritanniens Macmillan und Frankreichs de Gaulle - wurde bei Swertlowsk ein amerikanisches Spionageflugzeug vom Typ U-2 abgeschossen und der Pilot Francis Powers gefangengenommen.

Chruschtschow, dem bekannt war, dass die USA seit 1956 Flüge dieser Art durchführten, nahm diesen Zwischenfall zum Anlass, die Konferenz platzen zu lassen. Er kam zwar nach Paris, forderte aber noch vor Beginn der Konferenz von Eisenhower eine öffentliche Entschuldigung, die dieser verweigerte.

Über Chruschtschows Motive kann immer noch nur spekuliert werden. Der entscheidende Grund war offensichtlich seine Erkenntnis, dass er in der Berlin-Frage angesichts der Haltung des Westens - insbesondere der USA, aber auch Frankreichs - nicht das erreichen würde, was er sich möglicherweise erhofft hatte. Auf der Rückreise von Paris gab er in Ost-Berlin zu erkennen, dass er auf ein erneutes Gipfeltreffen in sechs bis acht Monaten hoffte: "Die Sache geht uns nicht aus den Augen; warten wir noch, dann wird sie besser heranreifen." Er setzte jetzt auf Eisenhowers Nachfolger, der im November gewählt wurde - und John F. Kennedy hieß.

Auf amerikanischer Seite erkannte der elder statesman und ehemalige Außenminister Dean Acheson, dass es Chruschtschow bei dem ganzen Unternehmen um mehr ging als "nur" um Berlin und die DDR, nämlich genau um das, was der Kremlchef am 31. März 1961 gegenüber Ulbricht deutlich machte: Würde man Kennedy den Friedensvertrag mit der DDR "abringen, reißen wir die NATO in Stücke, denn die deutsche Frage zementiert die NATO".

Aus genau dem Grund war an ein amerikanisches Nachgeben nach wie vor nicht zu denken, wie US-Botschafter Thompson dann Chruschtschow am 24. Mai in Moskau unmissverständlich klarmachte: "Wir werden auf Gewalt mit Gewalt reagieren." Wir wissen inzwischen, dass es zwei Tage darauf zu einer denkwürdigen Sitzung des Präsidiums der KPdSU kam und was dort diskutiert wurde. Chruschtschow nannte Kennedy da einen "Hurensohn" (umgekehrt nannte Kennedy Chruschtschow intern einen "Bastard und Hurensohn") und analysierte die Gefahrenlage folgendermaßen:

"Am gefährlichsten ist Amerika, aber Frankreich und Großbritannien werden den USA nie folgen bei der Entfesselung eines Krieges jetzt in Europa, weil die Atomwaffenexplosionen hauptsächlich auf dem Territorium West-Deutschlands, Frankreichs und Englands stattfinden werden. Das sind kluge Leute, und das kapieren sie. Daher bin ich der Ansicht, dass in dieser Sache ein Risiko liegt und dass dieses Risiko, das wir eingehen, gerechtfertigt ist. Ich würde sagen, dass es, in Prozenten ausgedrückt, zu über 95 Prozent keinen Krieg geben wird."

Wenige Tage später traf sich Chruschtschow mit Kennedy in Wien. Nach diesem Treffen am 3. und 4. Juni war er nicht mehr ganz so sicher. Am 25. Juli kündigte Kennedy nämlich ein massives Aufrüstungsprogramm an. Chruschtschow sah jetzt doch offensichtlich ein größeres Kriegsrisiko, denn es kam bekanntlich alles anders, als er in der Sitzung am 26. Mai im Politbüro lauthals verkündet hatte. Es wurde auch kein amerikanisches Flugzeug abgeschossen. Stattdessen wurde am 13. August die Mauer gebaut, das "Maximum dessen, was aus West-Berlin herauszuholen war", wie er am 6. Februar 1962 Ulbrich zu dessen Enttäuschung klarmachte.

Panzer gegen Panzer

Wenige Tage nach dem Mauerbau hatte Kennedy den "Helden der Luftbrücke", General Lucius Clay, als seinen persönlichen Vertreter nach Berlin geschickt. Der war im Übrigen der einzige hochrangige Amerikaner, der die Stacheldrahtverhaue am liebsten niederreißen hätte lassen. Das führte dazu, dass am 27. Oktober am Checkpoint Charlie 16 Stunden lang zehn amerikanische Panzer zehn sowjetischen gegenüberstanden - jeweils mit scharfer Munition. Der spätere sowjetische Botschafter in Bonn, Valentin Falin - damals im Außenministerium in Moskau tätig -, erinnerte sich, dass, hätten die Amerikaner etwas gegen die Mauer unternommen, die sowjetischen Panzer das Feuer eröffnet und damit die USA und die Sowjetunion "näher als je zuvor an den Rand des Dritten Weltkrieges gebracht hätten. Hätte das Duell der Panzer damals in Berlin begonnen - und alles sah so aus, als ob es dazu kommen würde -, dann wären die Ereignisse wahrscheinlich außer Kontrolle geraten."

Zu der geschilderten Konfrontation war es ohne das Wissen Kennedys und Chruschtschows gekommen, die beide nicht an einer Eskalation interessiert waren. Nach diesen 16 Stunden war denn auch alles vorbei. Kennedy hatte Chruschtschow eine Botschaft zukommen lassen, in der er ihn gebeten hatte, die Panzer zurückzuziehen, mit der Zusicherung, dass unmittelbar danach auch die amerikanischen Panzer zurückgezogen würden. Es war eine Botschaft, in der es um gegenseitige Zurückhaltung ging, wobei Chruschtschow den ersten Schritt tun sollte. Der stimmte dem zu, da aus seiner Sicht damit die Gefahr einer Eskalation beseitigt wurde - und zwar von ihm.

"Besser als Krieg"

Der Mauerbau beeinträchtigte im Übrigen keinerlei Interessen der Westmächte und war in jedem Fall besser als Krieg, wie Kennedy gesagt haben soll. Intern sagte er nachweislich Folgendes:

"Es ist doch einfach idiotisch, dass wir wegen eines Vertrages, der Berlin als zukünftige Hauptstadt eines wiedervereinten Deutschland vorsieht, mit der Gefahr eines Atomkrieges konfrontiert sind - wo wir doch alle wissen, dass Deutschland wahrscheinlich nie mehr wiedervereinigt wird!"

Angesichts der westlichen Untätigkeit unmittelbar nach dem Mauerbau kam es zu einer ernsten Vertrauenskrise im deutsch-amerikanischen Verhältnis.

Zwei Jahre später schienen alle Querelen vergessen. Vom 23. bis 26. Juni 1963 besuchte Kennedy die Bundesrepublik. Unvergessen sind jene Bilder von den etwa 400.000 jubelnden West-Berlinern vor dem Schöneberger Rathaus, wo Kennedy jenen Satz auf Deutsch sprach, der wohl immer mit ihm verbunden bleibt: "Ich bin ein Berliner."

Für jeden war sichtbar geworden, was US-Außenminister Dean Rusk gegenüber seinem sowjetischen Kollegen Andrej Gromyko wenig später in New York so formulierte: Berlin sei von nun an "Staatsinteresse der USA". Und das wiederum bedeutete, es würde keine Berlinkrise mehr geben. Und in der Tat: In den folgenden Jahren gab es keine Berlinkrise mehr.

Rolf Steininger, geboren 1942 in Plettenberg/Westfalen, ist Em. o. Univ.-Prof. und war von 1984 bis 2010 Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck.