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Ambivalenter Auftritt

Von Gerald Schmickl

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Aus Sicht des TV-Konsumenten war es ein toller Fußballabend, der am Mittwoch in Belfast geboten wurde, auch wenn er jedem patriotischen Fan natürlich das Herz brach: viele Tore, jede Menge Emotionen, Spannung bis zuletzt. Das Ausgleichstor der Nordiren in buchstäblich letzter Sekunde heizte die Stimmung noch einmal kräftig an - und verschaffte Hans Krankl einen seiner unvergleichlichen Studio-Auftritte. Die nur mühsam gezügelte Wut (auf den Schiedsrichter und die Nordiren), durchsetzt mit demonstrativem Stolz (auf die eigene Mannschaft) und offenkundigem Trotz (gegen die Tabelle und die darin dokumentierten Minichancen in der WM-Qualifikation) ergaben einen hochexplosiven Gefühlsmix, den der Teamchef rhetorisch gerade noch in den Grenzen der Grammatik hielt.

Diese Reaktionen machen Krankl aber sympathisch, weil sie authentisch wirken. Da kann sich einer nur schwer beherrschen - und man versteht warum. Im Gegensatz zu Herbert Prohaska, der sich als "ORF-Chefanalytiker" schon ein bisschen sehr reserviert und abgeklärt gibt - und ein Unglück wie den Ausgleich scheinbar ungerührt hinnimmt, verkörpert Krankl die ungebändigte Kraft der Ambivalenz.

Einerseits möchte er am liebsten "Leckt mich!" schreien und irgendwen würgen, andererseits geht das vor laufender Kamera ja doch nicht, also drückt er es nur körpersprachlich aus, während er es sich verbal irgendwie verbeißt. Vermutlich bleiben Krankls Auftritte nach den Spielen länger in Erinnerung, als diese selbst.