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"Amerika fürchtet sich vor Europa"

Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

Politik

Washingons Angst vor einer neuen wirtschaftlichen Katastrophe.


Berkeley. Der Mann gibt sich so vornehm wie distinguiert; die Aura der Koryphäe, die nur den Mund aufmacht, wenn sie etwas zu sagen hat, verkommt trotzdem nie zur Pose. Vielleicht liegt es daran, dass Harold James gebürtiger Brite ist, mit US-Staatsbürgerschaft zwar, aber die zurückhaltende, vorsichtige Art, mit der er die Weltenläufe deutet, unterscheidet ihn angenehm von vielen anderen Unterhaltungskünstlern, die an den Hochschulen zwischen Ost- und Westküste die akademischen Flure wesen.

James’ Spezialgebiete - Wirtschaftsgeschichte und Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg - machen den hochausgezeichneten Wissenschafter und Autor (unter anderem Helmut Schmidt Preis für Wirtschaftsgeschichte 2004, Ludwig Erhard Preis 2005) dieser Tage zum gefragten Gesprächspartner.

Die Wiener Zeitung sprach mit Harold James im Rahmen einer jüngst von der Austrian Marshall Fund Foundation (http://www.marshallplan.at/) in Zusammenarbeit mit der kalifornischen Universität Berkeley ausgerichteten Konferenz zum Thema Euro-Krise: "The Future of the Euro: Lessons from History".

"Wiener Zeitung": Professor James, wenn man dieser Tage amerikanischen Wirtschaftswissenschaftern und -historikern zuhört, bekommt man den Eindruck, dass viele Schwierigkeiten mit der Einordnung der Euro-Krise haben. Motto: "Unser Land ist so groß und wir haben das mit dem Dollar hingekriegt. Warum habt ihr Europäer so viel Probleme mit dem Euro?" Woran liegt diese seltsame Wahrnehmung?Harold James: Das liegt daran, dass die Menschen in den USA eine sehr altmodische Sicht pflegen was die Einheit von Staat und Währung angeht. Und dann sind da noch die unterschiedlichen Philosophien, die hinter der Idee des Dollars und der des Euro stehen. Der Dollar dient bis heute als Machtinstrument nach innen wie nach außen - eine Währung, die seit ihrer Einführung immer zugunsten des Staatsnutzens manipuliert werden konnte. Die Europäer dagegen haben sich für ein "Soft Power"-Modell entschieden: die Idee hinter dem Euro war vor allem die, Preisstabilität nach innen zu garantieren. Was beide Kontinente seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2008 eint, ist, dass sich hier wie dort die Erwartungen an die Zentralbanken verändert haben. Seitdem erwarten die Menschen, dass sich die Zentralbanken wieder ganz altmodisch verhalten, in dem Sinn, dass sie aktiv dazu beitragen sollen die Wirtschaft anzukurbeln.

Wie interessiert sind die USA an einem gesundem Euro?

Amerika fürchtet sich davor, dass Europa wieder zum Ausgangspunkt einer globalen wirtschaftlichen Katastrophe wird. Die Kombination Euro-Krise plus Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in Asien machen die USA heute extrem nervös - in diesem Licht ist auch der Druck zu verstehen, den die Vertreter der US-Regierung in Brüssel ausüben. Amerika ist wirtschaftlich von China und den anderen aufstrebenden Märkten in Asien ebenso abhängig wie von Europa - und wenn es plötzlich auf beiden Seiten Probleme gibt, fallen die Reaktionen aus Washington entsprechend aus. Die US-Amerikaner haben deshalb ein großes Interesse daran, dass der Euro funktioniert - in dem Sinn, dass er Stabilität im interkontinentalen Handel gewährleistet.

Inwiefern schlägt sich diese Sichtweise in der Behandlung der Euro-Krise durch die US-Medien wieder? Zuletzt wurde - in den Boulevardmedien wie in vielen ansonsten seriösen Nachrichtensendungen in TV und Hörfunk - etwa die Zypern-Krise in einer Art dramatisiert, dass man hätte glauben können das Ende der EU sei gekommen.

Die Berichterstattung hierzulande liegt, so übertrieben sie manchmal daherkommt, in einem Punkt richtig: dem, dass es ein vitales strategisches Interesse der USA an einem wirtschaftlichen gesunden Europa gibt. Natürlich hängt das Schicksal des Euro nicht an dem von Zypern oder Griechenland. Aber es hängt an Spanien, Italien oder Frankreich. Insofern ist die Angst vor einem Dominoeffekt in den USA genauso verbreitet wie in Europa. Nach der Währungskrise Anfang der Neunzigerjahre wurde die wichtigste europäische Achse, die deutsch-französische, auf neue Beine gestellt. Heute ist diese Achse wichtiger denn je. Aber der Zustand, in dem sich heute Frankreich befindet, bereitet mir persönlich die größten Sorgen. Deutschland hat Baden-Württenberg und Bayern, Spanien hat Katalonien, Italien hat seinen Norden, Österreich steht wirtschaftlich gut da. Ebenso die Schweiz, die nicht einmal EU-Mitglied ist - aber Frankreich hat derzeit nicht einmal eine einzige Region, die mit ihrer Wirtschaftskraft heraussticht.

Den Deutschen wird in den USA die Rolle des europäischen Zahlmeisters zugeschrieben. Sie sind ausgewiesener Deutschland-Experte. Wie soll sich das Land aus Ihrer Sicht verhalten?

Die Deutschen sollten aus ihrer eigenen Geschichte lernen. Ein großer Teil des Erfolgs des Landes seit Errichtung der Bundesrepublik 1949 liegt an der Institutionalisierung einer starken Verfassung und eines Gesetzeswerks mit klaren Vorgaben und strengen Regeln. Die Regierung von Angela Merkel ist sehr stark in dieser Tradition verankert. Aber worüber sich die Deutschen heute Gedanken machen müssen ist, wie sie diese Tradition auf Europa übertragen können.

Ist das Problem nicht, dass sich Europa nicht ausgerechnet von den Deutschen den Weg aus der Krise weisen lassen will?

Ja, und das ist aus historischen Gründen nachvollziehbar. Aber Tatsache ist nun einmal, dass es in jeder Region Europas, in der die staatlichen Institutionen schwach sind - in Süditalien, in Griechenland oder in Teilen Spaniens, um nur ein paar Beispiele zu nennen - kurz, überall dort, wo es keine klaren Regeln und Vorgaben gibt, die Probleme am größten sind.

Sie sind amerikanischer Staatsbürger, leben seit gut drei Jahrzehnten in den USA. Geboren und aufgewachsen sind Sie aber in Großbritannien. Was denken Sie über das Verhalten der Regierung von David Cameron in der Euro-Krise?

Im Gegensatz zu den USA gibt es in Großbritannien tatsächlich Kräfte, die den Euro scheitern sehen wollen und manche davon sitzen auf der Regierungsbank. Das hat auf der einen Seite viel damit zu tun, dass zahlreiche Angehörige der britischen Eliten die USA für das bessere gesellschaftliche Modell halten.Andererseits ist Großbritannien seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland, das von dieser Tatsache enorm profitiert hat - was aber von großen Teilen der Bevölkerung nicht so gesehen wird. Die Anti-Europa-Stimmung in Großbritannien speist sich meiner Meinung nach weniger aus Angst vor der Macht Brüssels als aus allgemeinen Ressentiments gegenüber Zuwanderern.

Harold James, Jahrgang 1956, lehrt seit über einem Vierteljahrhundert Geschichte und Internationale Politik an der amerikanischen Universität Princeton, New Jersey. Selber ein Absolvent der elitären englischen Uni Cambridge, hatte der mit einer Politikwissenschafterin verheiratete Vater dreier Kinder schon immer beide Seiten des Atlantiks fest im Blick.