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Amerikanisches Dilemma

Von Reinhard Göweil

Leitartikel

Die USA würden deutlich früher als Europa aus der Krise kommen, lautete eine gängige Einschätzung. Ein Irrtum, wie sich herausstellte, besonders fatal für den Präsidenten der USA, Barack Obama, beziehungsweise seine Demokratische Partei. Die Arbeitslosigkeit ist ungewöhnlich hoch - an die zehn Prozent - und will nicht sinken.


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Denn das Wirtschaftsmodell der USA ist gescheitert, und es wird wohl lange dauern, bis sich ein neues etabliert hat. In der Vergangenheit lebten die amerikanischen Bürger auf Pump. Steigende Immobilienpreise wurden für Kredite genutzt, Banken und Kreditkartengesellschaften machten kräftig mit. Nun ist damit Schluss. Die Amerikaner haben zu sparen begonnen. Weit entfernt von mitteleuropäischen Sparquoten, aber immerhin. Statt zu konsumieren auf Teufel komm raus, wird ein Notgroschen angelegt. Und sie sind weniger mobil geworden, da sie ihre Häuser nicht verkaufen können, ohne Verluste in Kauf zu nehmen. Die US-Banken delogieren bei Zahlungsverzug recht gnadenlos, auch nicht gerade ein Ansporn für den privaten Konsum.

Und viele kleine Unternehmen tun sich nach wie vor schwer, überhaupt zu Krediten zu kommen.

Die Regierung und die Zentralbank halten mit Konjunkturprogrammen und niedrigen Zinsen dagegen. Aber wer nichts kaufen kann oder will, wird sich durch einen niedrigen Zinssatz nicht umstimmen lassen.

Viele Amerikaner sind wütend und verunsichert, die Vertreibung aus dem Schulden-Paradies tut weh. Auch dies erklärt wohl den Erfolg der "Tea Party"-Bewegung, die einfache Antworten liefert: Der Staat mischt sich zu sehr ein, Obama ist ein böser Sozialist.

Nun, das Gegenteil ist wohl richtiger: Die öffentliche Hand hat sich - trotz der enormen Summen - zu wenig eingemischt, die Reformen blieben halbherzig. Der Wahlausgang wird an diesem Dilemma nichts ändern. Wenn sich Republikaner und Demokraten danach noch unversöhnlicher gegenüberstehen, wird es eher noch schlimmer werden. Das Wirtschaftssystem der USA steht vor einem tiefen Wandel. Das ist prinzipiell gut so, denn das bisherige hat 2007 eine Finanzkrise ausgelöst, an der nicht nur die USA, sondern die ganze Welt noch einige Zeit zu knabbern haben wird. Je länger, desto schlimmer.