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An der Klagemauer

Von Marina Delcheva

Politik

Am Zaun des Erstaufnahmezentrums in Traiskirchen trifft Verzweiflung auf Hoffnung. | Ein junger Flüchtling über den Alltag im Lager und ein Röntgenbild, das über das Schicksal seiner Familie entscheidet.


Traiskirchen. Die Plätze am Zaun im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen sind dieser Tage sehr begehrt. "Sind Sie Helfer? Haben Sie Sachen?" Eine Gruppe junger Männer versammelt sich am Zaun. Neben Ihnen sind Zelte aufgeschlagen. Hierher bringen freiwillige Helfer Kleidung, Schlafsäcke und Essen und reichen es den Flüchtlingen über den Zaun.

Ein paar Meter weiter läuft ein junger, zierlicher Mann hastig aus dem Innenhof des Lagers in Richtung Mauer. Von der Ferne wirkt er wie ein Kind. "Helfen Sie?", fragt er in sehr gutem Englisch und lächelt hoffnungsvoll. Nein, wir schreiben nur. "Wissen Sie, die am Zaun bekommen immer die ganzen Sachen, die die Helfer bringen, und behalten sie für sich. Sie geben nichts weiter. Und wir weiter hinten bekommen nichts", klagt er.

Der junge Mann heißt Reza. Er komme aus Afghanistan und sei 15 Jahre alt, sagt er. Er und zwei afghanische Familien schlafen im inneren Teil des Hofes nahe der Heimmauer, wo es etwas windstiller ist. "Wegen der Kinder und so." Aber so weit kommen die Hilfspakete vom Zaum meistens nicht.

"Dein Reich komme"

Mehr als 4500 Menschen hausen derzeit im Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen. Zwei Drittel davon unter freiem Himmel. Im Innenhof sind Planen, Decken und Zelte provisorisch aufgeschlagen. Eine Frau zieht ihr Baby auf einer Plane an. Ein Mann versucht unter einer Decke seine Hose anzuziehen, ohne dabei in Unterhose gesehen zu werden. An manchen Stellen am Zaun riecht es nach Urin und überall fliegen Plastiksackerl umher.

"Wir dürfen nicht ins Haus", erzählt Reza. Die Stimmung sei auch unter den Flüchtlingen angespannt. Man gerate wegen der begehrten Zaunplätze immer aneinander. Ab und zu werde gestohlen. Vor zwei Tagen habe ein Mann versucht, seinem Freund, der neben Reza schlief, das Essen zu stehlen. Aber Reza habe laut geschrien und den Dieb verscheucht. Vor dem Eingang verteilen drei Frauen mittleren Alters Bibeln. Eine davon drückt einer Frau mit Kopftuch eine in die Hand. "Dein Reich komme, dein Wille geschehe", steht auf einem Flyer.

So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen, sagt Frau S., die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Die Situation sei nicht nur für die Flüchtlinge schlimm, sondern für ganz Traiskirchen: der Dreck auf den Straßen, der Lärm, die Streitereien unter den Flüchtlingen. "Es ist schwierig. Das sind ja arme Leute, die meisten benehmen sich auch gut. Viel schlimmer sind diese sogenannten Gutmenschen. Warum nimmt keiner von denen jemanden bei sich auf, wenn sie helfen wollen?", fragt sie.

Die humanitäre Krise im Nahen Osten und zahlreiche Bürgerkriege haben Millionen Menschen vertrieben. Mehr als 60 Millionen sind laut dem Flüchtlingskommissariat der UNO auf der Flucht. So viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. 80.000 davon werden heuer voraussichtlich nach Österreich kommen, schätzt das Innenministerium. Allein in den ersten fünf Monaten des Jahres waren es so viele wie im gesamten letzten Jahr nicht.

"David gegen Goliath"

Hier, im Vorhof von Traiskirchen, zeigt sich die Unterbringungsproblematik in Österreich von ihrer hässlichsten Seite. Seit Jahren fordert Traiskirchens Bürgermeister Andreas Babler (SPÖ) eine Entlastung des Lagers, das eigentlich für 400 Flüchtlinge gedacht war, und eine bessere rechtliche Regelung der Unterbringung. "Ich bin mir schon wie David gegen Goliath vorgekommen in diesem politischen Machtkampf zwischen Bund und Ländern", sagt Babler zur "Wiener Zeitung".

Er begrüße deshalb die geplante Verfassungsänderung der Regierung, wonach der Bund künftig selbst Asylquartiere errichten kann. "Hoffentlich können wir dann endlich dieses Massenlager abdrehen. Mit 400 bis 500 Menschen kommen wir bestens zurecht, das ist überhaupt kein Problem", sagt der Bürgermeister der 17.000-Seelen-Gemeinde im Bezirk Baden bei Wien.

Durch die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen sollen nun möglichst bald die Flüchtlinge auf andere Quartiere aufgeteilt werden und so das überfüllte Lager entlasten. Ab kommender Woche ist auch ein Aufnahmestopp über Traiskirchen verhängt. Spätestens dann müssen sich Bund, Länder und Gemeinden überlegen, wohin mit den Flüchtlingen.

Zurück zu Reza. Er steht jetzt in einer Nebenstraße des Lagers neben Luis Reniers Kombi. Renier ist einer dieser freiwilligen Helfer, die bei manchen Traiskirchnern unbeliebt sind. Im Kofferraum sind Sackerl mit Obst und Gemüse. "Luis ist so nett. Er hat mir ein Zelt geschenkt. Letzte Woche haben wir sogar zusammen Fußball gespielt. Das war schön!", erzählt der 15-jährige Bub später. "Naja, man tut was man kann", sagt Renier.

Dass Reza tatsächlich 15 ist, glauben die Behörden nicht. Ein erster Test, ein Blick auf seine Zähe, sei nicht eindeutig gewesen, erzählt er. Am Freitagnachmittag muss er deswegen zum Röntgen. Ein Innenblick auf seinen Unterarm soll feststellen, ob der junge Flüchtling mit dem roten Pickel am Kinn, der allein nach Österreich kam, tatsächlich minderjährig ist. "Das mit dem Test ist reine Glückssache, haben mir andere Flüchtlinge erzählt", sagt er. Ein 16-Jähriger soll vor wenigen Wochen auf über 18 geschätzt worden sein. Dafür habe sich ein 25-Jähriger für 16 ausgegeben und sei damit durchgekommen.

"Ich bin wirklich 15!", sagt Reza. Ob ihm die Behörden glauben, entscheidet über das Schicksal seiner Familie in Afghanistan. Nur als minderjähriger Flüchtling dürfe er seine Mutter und seine zwei kleinen Schwestern nach Österreich holen. Sein Vater ist bei einem Bombenanschlag vor zwei Jahren gestorben. Vor drei Monaten sei Reza nach Europa aufgebrochen. "Plötzlich war ich das Familienoberhaupt - und meine Mama hat entschieden, mich nach Europa zu schicken", erzählt er. Sie habe einen Acker verkauft, den die Familie noch vom Großvater besaß, um die Schlepper zu bezahlen.

3000 Euro hat die dreimonatige Reise gekostet. Reza habe einen Schlepperrabatt bekommen, sozusagen, weil er so gut Englisch sprechen kann und auf einzelnen Stationen immer wieder übersetzt habe. "Im Ort, in dem ich geboren wurde, waren viele Amerikaner, und in der Schule hatten wir viel Englisch", erzählt er.

"Ich mache mir solche Sorgen um meine Familie. Ich muss mich doch um sie kümmern. Ich weiß nicht, ob es ihnen gut geht", sagt er. Seine Stimme bricht, sein Kinn zittert. Ein paar Tränen landen im Ärmel. Irgendwo in der Türkei sei ihm das Handy mit der Nummer der Nachbarn gestohlen worden. Ein neues konnte er am Zaun noch nicht ergattern.

Misstrauen auf beiden Seiten

"Wir spüren, dass uns viele Leute hier nicht mögen. Das ist schon okay, das ist ja ihr Zuhause, und wir sind wirklich viele. Ich versuche, außer mit den Helfern, mit niemandem zu sprechen. Ich will nicht provozieren", sagt Reza.

"Gehören Sie zu diesen ÖH-Demonstranten? Dann rede ich nicht mit Ihnen", sagt Hermann Adlitzer. "Nein." "Ehrlich gesagt, es war noch nie so schlimm wie heute. Fast 5000 sind für den kleinen Ort zu viel", sagt der 75-jährige Traiskirchner, der hier geboren und aufgewachsen ist. Die Ungarn-Krise, die Bosnien-Krise - alles habe man gut überstanden und den Leuten geholfen. Aber das Lager fülle sich immer mehr und mehr, und die Spannungen im Ort steigen.

"Ich habe eher etwas gegen diese Goodwill-Menschen. Sie kommen her, demonstrieren, versprechen den Flüchtlingen mehr, als sie halten können und gehen wieder. Wir bleiben", sagt er. Ein paar hundert Flüchtlinge könne der Ort problemlos bewältigen, wie auch schon früher. "Und wenn man sich über die Zustände beklagt, ist man gleich ein Faschist", sagt er. Das sei nicht fair.

Reza muss wieder zurück ins Heim, zur Minderjährigen-Untersuchung. "Eines verstehe ich nicht: Warum lasst ihr uns nicht weiterziehen, wenn wir zu viele für euer Land sind? Warum nehmt ihr unsere Fingerabdrücke und behaltet uns da? Wenn es hier nicht geht, versuchen wir unser Glück woanders."