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Analyse der Austritte aus der Katholischen Kirche

Von Heiner Boberski

Politik

Der erste Schock der Katholischen Kirche über das Anwachsen der Austrittszahlen ist vorbei. Nüchterne innerkirchliche Diagnostiker sind sich weitgehend einig: 20.000 bis 30.000 Austritte pro Jahr waren auch gegen Ende der Ära von Kardinal Franz König "normal", sie beruhen offenkundig auf dem großen weltanschaulichen Klimawandel. Schlagen aber die Zacken der katholischen Fieberkurve besonders deutlich nach oben aus - 2004 erstmals über 50.000 Austritte -, so sind "hausgemachte" Probleme dafür verantwortlich: falsche Personalentscheidungen, schlechte Kommunikation, mangelhafte Präsentation der Leistungen, Versagen beim Kontakt mit den Menschen.

Die allgemeinen Veränderungen der religiösen Großwetterlage lassen sich sicher nicht von heute auf morgen bewältigen - auch vom ORF erwartet im Zeitalter des freien Medienmarktes mit Zugang zu dutzenden öffentlich-rechtlichen und privaten Programmen aus dem In- und Ausland niemand, dass er Einschaltquoten wie vor zehn oder zwanzig Jahren aufweist. Die christliche Botschaft, ob in katholischer, evangelischer oder orthodoxer Variante, wird auch bei nahezu optimaler Präsentation nicht die gesamte Konkurrenz im Supermarkt der Sinnangebote verdrängen können. Aber die Frage ist berechtigt, ob eine solche optimale Präsentation überhaupt in Reichweite liegt.

Glaubensfragen sind Vertrauensfragen, Vertrauensfragen sind am besten bei glaubwürdigen Personen aufgehoben. In der Katholischen Kirche liegt aber die Entscheidung über das Führungspersonal ebenso wie jene über die richtige Interpretation der Lehre nach wie vor ausschließlich in Rom.

Erstickt nicht der Vatikan oft Bemühungen von Ortskirchen, bei Bischofsernennungen mitzureden und Lehrsätze mit dem praktischen Leben in Einklang zu bringen (zuletzt in Spanien, als die dortige Bischofskonferenz bereit schien, Kondome im Fall von Aids zu gestatten)?