Zum Hauptinhalt springen

Analyse: Situation der österreichischen Kirche

Von Heiner Boberski

Politik

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 19 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Österreichs Bischöfe melden sich als gesellschaftliche Kraft zurück. Nach den Turbulenzen in der Diözese St. Pölten, die das Scheitern des von Bischof Kurt Krenn am deutlichsten verkörperten Kirchenkurses bestätigten, hat sich die kritische Situation der österreichischen Kirche beruhigt. Kardinal Christoph Schönborn wurde auf der Pressekonferenz zur Herbsttagung der Bischofskonferenz kaum mehr auf Vergangenes angesprochen.

Was wieder interessiert, sind Aussagen der Kirche im Dialog mit der Öffentlichkeit: Wie äußern sich die Bischöfe zu bestimmten Materien wie Fortpflanzungsmedizin oder Homosexualität? Wollen sie das Wort "Gott" in der neuen Verfassung? Was tun sie für die von ihnen unterstützte "Allianz für den Sonntag"?

Bestimmte Zahlen müssten bei den Exzellenzen die Alarmglocken läuten lassen: Die Kirchgänger haben innerhalb weniger Jahrzehnte von über zwei Millionen auf unter 900.000 abgenommen, die Priesterseminaristen haben sich, wie Kardinal Schönborn selbst vermerkte, "auf niedrigem Niveau stabilisiert". Die Kirchenaustritte sind dafür - von Spitzen in Krisenzeiten wie dem heurigen Sommer ganz abgesehen - auf hohem Niveau stabil. Beim sonntäglichen Messbesuch geht es jedenfalls ans Eingemachte. Wer da des öfteren fehlt, verliert die Kirchenbindung. Im Kampf um den freien Sonntag in der Verfassung sind die Bischöfe nicht allein. Auch die Sozialpartner, insbesondere die Arbeitnehmervertreter, bekennen sich dazu. Aber am religiösen Fundament des Sonntags müssen vor allem die Kirchen bauen. Laut Schönborn, der sich dabei auf den Pastoraltheologen Paul Zulehner beruft, steigt der Messbesuch in den Hauptstädten Europas, vor allem in Paris, wieder an. "Wien kommt", hofft der Erzbischof der Bundeshauptstadt, aber dafür gibt es zahlenmäßig wenig Belege.

Dass die Kirche "in Zahlen" zurückgegangen sei, bestreitet Schönborn nicht, dafür meint er, sie habe "an Tiefe und Intensität" gewonnen. Den "Megatrend Religion" konstatieren Religionssoziologen schon seit Jahren, er wirkt sich aber sehr individuell und kaum in einem Aufblühen der großen Kirchen aus.

Im Hinblick auf die Frage "Gott in der Verfassung" verriet Schönborn, dass man Texte dafür "in der Schublade" habe, aber erst abwarte, ob überhaupt eine Präambel beschlossen werde. Sollte es eine geben, würden sich die Kirchen - auf ökumenischer Basis - zu Wort melden. Nicht die schlechteste Taktik.