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Anarchie im Kampf gegen den IS

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Analyse: Im Mittleren Osten spielt sich ein Chaos gegenseitiger Interessen ab.


Bagdad. Chaos auf den Schlachtfeldern gegen den Islamischen Staat: Russland schießt Marschflugkörper von seinen Kriegsschiffen im Kaspischen Meer Richtung Syrien. Ihre Flugroute führt über Irak-Kurdistan. Der zivile Flughafen in der Kurdenmetropole Erbil bleibt tagelang geschlossen. Gleichzeitig steigen F16-Kampfflugzeuge der Amerikaner von Erbil aus in die Luft, ebenfalls mit Kurs auf Syrien und den Nordirak. Die Israelis fliegen Aufklärungsmissionen, die Franzosen bombardieren in der irakischen Provinz Anbar und im syrischen Rakka, die Australier in Kirkuk. Zwischendurch greifen die Jordanier an, nachdem einer ihrer Piloten von den Schergen des Islamischen Staats (IS) bei lebendigem Leibe verbrannt wurde. Die Chinesen wollen ebenfalls nach der Enthauptung einer ihrer Landsleute in das Kriegsgeschehen eingreifen. Seit kurzem fliegen nun auch die Briten Luftangriffe.

Auf einem zivilen Inlandsflug nach Bagdad zieht etwa 2000 Meter unter der Maschine ein Objekt vorbei, das nicht wie ein Flugzeug aussieht. "Das ist eine Rakete", sagt jemand. Woher die Rakete stammt, wohin sie fliegt, ist nicht auszumachen. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis ein derartiges Geschoss mit einer Zivilmaschine zusammenstößt. "Hier macht doch jeder, was er will", beschreibt ein anderer Passagier den Zustand in seinem Land. Anscheinend wahllos werden Ziele bombardiert - ohne Koordination in einer Kommandozentrale. Angriffe werden durchgeführt, ohne andere davon in Kenntnis zu setzen. Jeder hat eigene Sicherheitsdienste und Informationsquellen. Absprachen finden kaum statt.

Türkei verlegt ohne Absprache Truppen in den Irak

Doch der vielen Köche in der Luft nicht genug. Auch am Boden tummelt sich so einiges. Um nur beim Irak zu bleiben, gibt es neben der rudimentären irakischen Armee und den kurdischen Peschmerga unzählige Schiitenmilizen, die vorgeben, einzig das Wohl des Landes im Sinn zu haben. In den von ihnen zurückeroberten Gebieten wird geplündert, geraubt, gekidnappt und werden sonstige kriminelle Straftaten verübt. Der Iran hat schon längst seine libanesischen Verbündeten eine Tochterorganisation gründen lassen, die Hisbollah im Irak wird von Tag zu Tag mächtiger. Teheran selbst schickt Spezialeinheiten und den Kommandeur der Al-Quds-Brigaden, Qasim Suleimani, um die Rückeroberung Tikrits im April zu befehligen. Die Amerikaner rücken mit immer mehr "Ausbildern" wieder ins Zweistromland ein. Fast 4000 sollen es inzwischen sein. Und nun also kommen auch die Türken.

Mehrere hundert türkische Soldaten sind am Wochenende in die nordirakische Region Mossul verlegt worden, genauer gesagt nach Baschika. Die Mitgliedsstaaten der gegen den IS kämpfenden Koalition seien über den Schritt informiert worden, heißt es offiziell aus türkischen Kreisen. Die Entsendung der türkischen Soldaten sei Teil von routinemäßigen Ausbildungsübungen. Um wie viele Soldaten es sich genau handelt, wurde nicht mitgeteilt. Beobachter sprechen von bis zu 1000. Aufgabe sei auch die Ausbildung kurdischer Peschmerga-Kämpfer. Die Türkei unterhält enge Beziehungen zum autonomen Kurdengebiet im Nordirak, die Kurdengruppen in Syrien werden dagegen als feindlich eingestuft. Der Irak fordert den sofortigen Abzug der türkischen Truppen. In US-Regierungskreisen heißt es, die Truppenbewegung erfolge nicht im Rahmen der von den Vereinigten Staaten geführten Anti-IS-Koalition. Auf Nachfrage der "Wiener Zeitung" bei der türkischen Botschaft in Bagdad räumt man ein, die Truppenverstärkung nicht mit Bagdad abgesprochen zu haben. Allerdings seien schon seit September türkische Soldaten im Nordirak stationiert, wovon die irakische Regierung Kenntnis hätte. Die Aufstockung sei aufgrund einer Drohung gegen die türkischen Soldaten geschehen, die schnelles Handeln erforderte.

Mittel und Zieleunterscheiden sich erheblich

Der Fall zeigt einmal mehr, wie unübersichtlich die Gemengelage in der Region ist. Geld, Waffenlieferungen, Militärausbilder, Luftangriffe, Soldaten: Die Mittel, mit denen ausländische Mächte in den Krieg gegen den IS eingreifen, unterscheiden sich erheblich - genau wie ihre Ziele. Der Regionalkonflikt ist zum Dritten Weltkrieg geworden. Von Anfang an dabei waren Türken, Iraner und Saudis, deren Interessen grundsätzlich verschieden sind. Die Syrienpolitik der mehrheitlich sunnitischen Türkei wird durch zwei Ziele bestimmt: der Sturz Assads und der Wille, unbedingt einen Kurdenstaat zu verhindern. Das Aufkommen des IS, der auch die Kurden und Assad schwächte, war für die Türken strategisch wertvoll. Bei der Einreise von Dschihadisten nach Syrien und bei Waffenschmuggel über die türkisch-syrische Grenze schauten sie offenbar nicht so genau hin. Ohne die Türkei wäre der IS nicht das, was er ist.

Und ohne die Saudis ebenfalls nicht. Saudi-Arabien war lange Zeit ein großer Unterstützer der Terrormiliz. Der Grund: Als Erzfeind des schiitischen Iran half die Königsdynastie aus Riad allen sunnitischen Gruppen in Syrien und dem Irak. Vor rund einem Jahr haben sich die Saudis aber entschlossen, zumindest die offizielle Unterstützung für den IS einzufrieren. Gleichwohl gibt es in dem Golfstaat, dessen radikal-wahabitische Auslegung des Islam mit der des IS vergleichbar ist, viele Sympathisanten der Miliz. Ankara und Riad sind die Verbündeten des Westens. Für Teheran hingegen ist der Machterhalt Assads das bestimmende Element für sein Engagement in Syrien. Und auch im Irak gilt es, die schiitisch dominierte Regierung nicht zu gefährden. Irgendwo im Geflecht dieser gegenläufigen Interessen ordnen sich die westlichen Staaten ein.