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Andreas Altmann

Von Irene Prugger

Reflexionen
"Ich will so weltwach und neugierig sein wie möglich . . .": Andreas Altmann in Vietnam.
© privat

Andreas Altmann über sein neues Buch, "Gebrauchsanweisung für die Welt", seine Kritik am Pauschaltourismus, seinen Ekel vor "Exotik" - und was ihm Freude und Fassungslosigkeit beschert.


"Wiener Zeitung": Herr Altmann, "Gebrauchsanweisung für die Welt" - das ist hoch angesetzt. Fühlen Sie sich überall auf der Welt zu Hause?

Andreas Altmann: Auf irgendeinem Flughafen las ich einmal den Spot: "Be local worldwide", frei übersetzt: Sei überall daheim! Ich mochte den Werbespruch. Ich mag gern Welt-Mann sein und ich mag es nicht, in der Fremde als verdruckstes Männchen aufzutreten. Da ich nur einmal auf Erden bin, will ich das bisschen Zeit nutzen und so weltwach und neugierig und (an)teilnehmend wie möglich "da" sein. Ob ich mich gleich überall "zu Hause" fühle, ich zweifle. Vieles bleibt auch fremd, verschlossen, befremdlich. Wer braucht eine Gebrauchsanweisung für die Welt? Viel-Reisende? Wenig Reisende? Unbeholfene? Naivlinge? Neugierige?

Sie sagen es selbst: Neugierige. Denn sie plagt die einzige Gier, die sich gut anhört, die einzige, die glitzert, die stachelt, die wie die Haut einer/eines Geliebten die Lebensgeister in Aufregung versetzt.

Passt das Buch im Regal zur Sparte Ratgeberliteratur?

Ah, ich höre die Ironie in der Frage. Auf die ich eiskalt antworte: "Ja!", genauer: "Ja, auch!" Denn mir als Leser (der ich ebenfalls bin) soll ja alles Gelesene auch "Rat geben", mir beim Leben helfen, mit all seinen Anwürfen und Zumutungen.

Gebrauchsanweisung für die Welt" klingt souverän, aber auch konsumorientiert. Setzen Sie inhaltlich mit Ihrem Buch dem Geschäft mit oberflächlichem Tourismus eine Alternative entgegen?

Ich setze nichts dagegen, ich bin viel giftiger: Ich gieße Hohnkübel auf jene, die sich - sagen wir, über der Costa Brava - in Heeresstärke über einem Sandstrand abwerfen lassen. Und anschließend vier Wochen lang ihre in den Himmel ragenden Plauzen rösten. Dazwischen dreimal pro Tag in ihr Hotel, die einschlägigen Betonwarzen, tippeln und sich mästen. Bis sie eines Nachmittags als Trockenfleisch im Liegestuhl hängen und ein heißer Geysir aus ihrer Wampe zischt. Das waren dann die "schönsten Wochen" des Jahres.

Ist Ihre Weltsicht trotzdem auch für Pauschalreisende gültig? Sie sind ja der radikal subjektiven Reiseberichterstattung treu geblieben. Ihre Erfahrungsberichte sind die eines routinierten, unabhängigen Globetrotters mit viel Zeit zum Reisen.

Aua, uff, nein, ich bin kein Globetrottel (sic!), nein, ganz furchtbar die Vorstellung. Gleich sehe ich den fingernageldreckigen Backpacker vor mir, der - Sie sagen es ja - "viel Zeit" hat. Tausend Mal nein. Ich bin ein von hundert Stoppuhren gejagter Reporter, der den "thrill" sucht, das Innige, die Aufregung, den schnellen Herzschlag. Ich bin auch nicht unabhängig, sondern Sklave meiner mich rastlos antreibenden Verleger. Gut so, denn das Beschauliche macht mich krank und am Herz-Bewegenden gesunde ich.

Sie beschreiben in Ihrem Buch aus fast allen Erdteilen einen magischen Moment. Worin liegt für Sie der Zauber eines unvergesslichen Reise-Augenblicks? Gehört Exotik mit dazu?

Ich muss schon wieder zu meinen Schmerzpillen greifen. Himmel, nein, "Exotik" ist das dümmliche Wort auf allen Reiseprospekten. Es gehört längst auf die "Schwarze Liste" der unaussprechlichen Gemeinplätze. Was soll das sein? Wilde, die mit Baströckchen Hula Hoop tanzen? Nackte auf dem Großglockner? Einarmige beim Reckaufschwung? Ich weiß nicht, was "Zauber" ist, ich kann ihn nur wahrnehmen. Er kann still sein und mir via Glückswellen das Herz überschwemmen, er kann bombastisch daherkommen und mich mit Freude und Fassungslosigkeit erledigen. Denn ich weiß von keinem anderen Objekt im Weltall, das mehr magische Blicke und Gefühle erlaubt als die Erde.

Dennoch berichten Sie hauptsächlich von Begegnungen mit Menschen und machen nicht viel Aufheben um Landschaften, Tierwelt, Botanik. Sind Sie kein Naturliebhaber?

Nijet, denn ich liebe - wer nicht? - die Natur. Ich meine, solange sie noch da ist und die Wachstumsnarren sie noch nicht abgeschafft haben. Aber richtig: Ich schreibe eher verhalten darüber, weil ich nicht über etwas berichten will, was in hunderttausend anderen Büchern bereits abgenudelt wurde. Deshalb sind so viele Reisebücher zum Weinen fad. Landschaften, Flora und Fauna, steht alles schon im Megabyte-Format bei Google. Ich will etwas erzählen, was überrascht. Und was überrascht mehr als (fremde) Männer und (fremde) Frauen?

Andreas Altmann

"Ich weiß nicht,

was ,Zauber‘ ist,

ich kann ihn nur

wahrnehmen."