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Andreas Treichl: Der Abgang des Entertainers

Von Bernd Vasari

Wirtschaft

Geldadel, findiger Bankmanager, Opernball-Society: Kein anderer Bankmanager polarisierte in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark wie Andreas Treichl. Ende des Monats tritt er als Generaldirektor der Ersten Bank ab.


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Ein Wirtschaftsforum im Hochsommer. Die Luft im Raum steht. Es ist Mittagszeit. Nach vier Podiumsdiskussionen sind die Zuhörer erschöpft, in Gedanken längst bei Hühnchen und Penne, die ihnen später serviert werden. Doch noch haben sie es nicht geschafft, eine Diskussionsrunde gibt es noch. Auftritt Andreas Treichl: Mit federndem Gang betritt der Banker die Bühne. Als der Moderator ihn vorstellt, lächelt er gütig. Treichl weiß um seinen Status. Bestbezahlter Banker Österreichs, Mitglied der Opernball-High-Society, bekannt für seine locker sitzenden Sprüche. Das zieht. Auch dieses Mal.

Gekonnt bezirzt er das müde Publikum. Immer wieder wirft er den Zuhörern spitzbübische Blicke zu, während er gegen Bundespolitiker austeilt, die in der ersten Reihe sitzen. Dann wird er ernsthaft. Staatsmännisch trägt er vor, was sich alles ändern muss: Weniger Regulierung, weniger Steuern, mehr Mut zum Risiko, mehr Bildung. Jeden Satz beendet er mit einem kurzen dumpfen Laut, der das Gesagte bestätigt. Als wolle er sagen: Hab ich nicht recht? Ja, ich hab recht, ich kenne mich aus.

Treichl fühlt sich wohl auf der Bühne, er gefällt sich in seiner Rolle. Einer Rolle, in der er auf dem schmalen Grat zwischen Welterklärer und Besserwisser tänzelt. Kein einziger Zuschauer wird bis zur Mittagspause den Raum verlassen und auch später, bei Hühnchen und Penne, wird Treichl im Mittelpunkt stehen. "Man sollte ihn immer vor der Mittagspause buchen", scherzt der schwedische Bankenkollege Marcus Wallenberg über die Entertainer-Qualitäten von Treichl. Auch an den anderen Stehtischen ist Treichl das Gesprächsthema Nummer eins.

Im Rampenlicht zu stehen, sich zu inszenieren, stets für Gesprächsthemen zu sorgen, darin verstand sich Andreas Treichl 22 Jahre lang als Generaldirektor der Ersten Bank. Er gehörte in dieser Zeit zu den schillerndsten Persönlichkeiten der österreichischen Wirtschaft, einer Persönlichkeit, die fortwährend polarisierte. In zwei Wochen wird er sein Amt zurücklegen und an seinen Nachfolger Bernhard Spalt übergeben. Ein Blick hinter die Kulissen des Andreas Treichl.

Mit ÖVP-Politikern Andreas Khol, Leopold Maderthaner und Wilhelm Molterer.
© HOPI

Als begnadeten Motivator, der die Energien von Mitarbeitern zu bündeln und zu leiten versteht, beschreibt ihn sein Vater, Heinrich Treichl, in seiner Autobiografie. Schon in seiner Jugend sei sein Sohn ein Anführer gewesen, im Schottengymnasium - wo er 1970 maturierte -, im Chor und bei den Ministranten in der Kirche. Auch die Auseinandersetzung scheute er von klein auf nicht. Nach einem Streit mit seiner Kinderfrau Tetta sagte er beim abendlichen Tischgebet im Alter von 4 Jahren: "... und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen, die Tetta ist blöd, Amen."

Was sich in der feinen Gesellschaft gehört

Andreas Treichl fiel auf die - finanzielle - Butterseite des Lebens. Er wuchs in einem Wiener Stadtpalais in der Landstraßer Salmgasse auf, lernte, was sich in der feinen Gesellschaft gehört - und was nicht: Gutes Benehmen und Demut gegenüber sozial Schwachen gehörte dazu.

Sein Vater, mächtiger Generaldirektor der Creditanstalt, verkehrte mit den oberen Zehntausend. Von Bundeskanzler Bruno Kreisky über den milliardenschweren US-Banker David Rockefeller bis hin zu Musical-Großmeister und Stardirigent Leonard Bernstein spannt sich der Bogen. Das Verhältnis zum strengen Vater ist jedoch schwierig. "Wir durften nicht Papi zu ihm sagen", erinnert sich Andreas Treichl. Zeit seines Lebens wird er versuchen, aus dem langen Schatten seines Vaters zu treten.

Eingebildet und arrogant sei sein Vater gewesen, erinnert sich der Sohn. Das von ihm zur Schau gestellte Vermögen lehnt er ab. Ebenso die zur Schau getragenen berühmte Seite der Familiengeschichte. "Dieses ewige Gerede von den Ferstels und Thorschs geht mir auf die Nerven", sagte er einmal - Ringstraßenarchitekt Heinrich von Ferstel ist sein Ur-Urgroßvater, Eduard Thorsch, ebenfalls Ur-Urgroßvater leitete das größte Bankhaus Österreich-Ungarns.

"Wir heißen Treichl. Und die Treichls waren Bauern. Und ich bin ein Treichl." Er bezieht sich damit auf die andere, auf die bäuerliche Seite des Familienstammbaums aus Salzburg. Immer wieder wird er darauf Bezug nehmen. Etwa - wenn er im Gegensatz zu seinem Vater - Fehler zugibt. "Ich habe etwas vergogelt", sagt Andreas Treichl dann im bodenständigsten Salzburger-Dialekt.

In seinen jungen Jahren orientiert er sich an der feinsinnigen Mutter, schreibt Gedichte, lernt Klavier und Saxofon spielen - eine Gabe, die ihm später in seinem Berufsleben noch nützen wird. Seine Mutter ist dagegen, dass ihr Sohn Banker wird. Sie sah in ihm einen Schauspieler. Nach der Matura studierte Andreas Treichl Volkswirtschaft an der Uni Wien (1971-1975). Dann hatte er genug von "diesem grauenhaften pompösem Gehabe" in der Salmgasse. Er verlässt Wien und will Dirigent werden.

Doch der Schatten des weltweit vernetzten Vaters folgt ihm. Einer seiner Freunde bringt den Sohn von der Idee ab. "Es ist besser, ein mittelmäßiger Banker zu sein, als ein mittelmäßiger Dirigent." Das rät ihm niemand geringerer als Leonard Bernstein, wie Andreas Treichl mit gespieltem Understatement gerne erzählt.

"Die Bankenkarriere war nicht vorgezeichnet", wird er in späteren Jahren immer wieder betonen. Auch, wenn es einmal mehr die Kontakte des Vaters waren, die ihn zu Trainingsprogrammen bei großen US-amerikanischen Banken wie Citibank (1976), Morgan Stanley (1976) und Brown Brothers Harriman (1977) verhelfen und schließlich einen Job in der New Yorker Kreditabteilung der Chase Manhattan Bank (1977) von David Rockefeller verschaffen. Und am Ende doch den vorgezeichneten Weg des Vaters einschlug und Banker in sechster Generation wurde.

Es gab aber einen Vorsatz, an den sich Andreas Treichl eisern hielt. Solange sein Vater nicht in Pension geht, wird er nicht zur gleichen Zeit in Österreich als Banker arbeiten. Außer einem kurzen Gastspiel in der Politik, als er 1978 den Wien-Wahlkampf von ÖVP-Politiker Erhard Busek leitet, bleibt Treichl im Ausland. Für die Chase Manhattan Bank arbeitet er auch in Brüssel und in Athen.

Vater bezeichnet Erste als "Zwutschkerlfirma"

Zwei Jahre nach der Pensionierung des Vaters kehrt er 1983 nach Wien zurück. Er wechselt als Bereichsleiter für Großkunden zur Ersten Bank der österreichischen Sparkassen. Und damit zu jener Bank, die sein Vater abschätzig "Zwuschtkerlfirma" nannte. Heinrich Treichl sieht einen Standesunterschied zu "seiner" höherstehenden, elitären Creditanstalt, den er in der Autobiografie ausführt: "Die Mitarbeiter in der Creditanstalt waren bürgerliche Menschen, alle ihres Ranges bewusst, der sie über die Mitarbeiter der auf die einfachsten Transaktionen beschränkten Sparkassen oder Raiffeisenbanken emporhob", schreibt er. "Hochqualifizierte Spezialisten, die als Berater der Behörden, Dozenten, Buchautoren auftraten."

Drei Jahre später wechselt Andreas Treichl wieder zur Chase Manhattan Bank, bleibt aber in Wien. Er übernimmt den Vorstandsvorsitz der Österreich-Tochter für sieben Jahre. Dann soll die Wiener Niederlassung mit ihren 60 Mitarbeitern jedoch verkauft werden. Die französische Bank Credit Lyonnais macht ein unwiderstehliches Angebot und übernimmt den Standort. Treichl darf bleiben.

Während dieser Zeit ist er auch politisch tätig. Von 1991 bis 1997 ist er ÖVP-Finanzreferent - einmal mehr - unter Erhard Busek, damals Parteichef. Sein Auftrag: Die Entschuldung der Partei. Treichl erfüllt den Auftrag und saniert die Partei, doch zum Schrecken alter Parteimitglieder verscherbelt er dafür die altehrwürdige Zentrale der Partei neben der Staatsoper, das Palais Todesco. Nun wusste man auch in der ÖVP, dass Treichl mit pompösem Gehabe nichts anfangen kann. Der Großindustrielle und ehemalige Parteichef Josef Taus sagte darauf resignierend: "Damit wird die ÖVP zu einer Mittelpartei."

Busek ist jedoch begeistert und stellt Treichl 1994 als Kandidat für den Nationalrat auf. Sogar als Finanzminister war er im Gespräch. Doch dann holt ihn der Aufsichtsratsvorsitzende der Ersten, Herbert Schimetschek, in den Vorstand der Bank, wo er für das Kommerzkundengeschäft und die Auslandsfilialen zuständig wurde. Seinen sicheren Platz als ÖVP-Kandidat für die Wahl gibt er auf.

In der Ersten wird Treichl mit wenig Begeisterung empfangen. Der Betriebsrat begrüßt ihn mit: "Sie haben eine Quetschn mit 60 Mitarbeitern geführt. Was wollen Sie hier, Sie haben ja keine Erfahrung." Er wird als Sohn von Heinrich Treichl belächelt und wenig ernst genommen.

Andreas Treichl lässt sich nicht einschüchtern, verschafft sich in kurzer Zeit Anerkennung und wird drei Jahre später sogar Generaldirektor. Der Vater versteht die Welt nicht mehr, weil sein Sohn nun der von ihm verachteten Konkurrenzbank vorsteht. In der Branche schenkt man Andreas Treichl wenig Beachtung.

Doch mehr als 20 Jahre Erfahrung im internationalen Bankgeschäft, taktisches Geschick und sein musikalisches Können ebnen ihm einen steilen Aufstieg nach oben. Von Anfang an fährt er seine eigenwillige Linie als Querdenker und Entertainer. Bei einem seiner ersten Auftritte vor Investoren setzt er sich ans Klavier und spielt eine Mozart-Sonate. Ein ungewöhnlicher Auftritt in der für gewöhnlich monotonen Bankenwelt. Der Auftritt hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Ein Bankdirektor, der vor seinen Investoren Klavier spielt, das war neu.

Das große Fressen

Andreas Treichl strotzt vor Selbstvertrauen, hat keine Angst etwas zu "vergogeln", nimmt volles Risiko und verändert die Erste in atemberaubenden Tempo von einer lokalen Sparkasse in Wien zum größten Finanzdienstleister in Mitteleuropa.

Noch im selben Jahr seines Antritts als Generaldirektor fusioniert er die Erste mit der GiroCredit und formt "den schlagkräftigsten privaten Bankkonzern des Landes", wie er damals sagt. Mit der Übernahme erfolgt auch der Börsengang, der damals größte, den es bis dahin am Wiener Handelsplatz gab. Treichl ist nichts heilig, er setzt gegen heftige interne Widerstände durch, dass der seit Beginn 1819 bestehende 100-prozentige Eigentümerverein zu einem Minderheiten-Aktionär wird.

Mit der Fusion legt Treichl die Richtung der Ersten fest. Er wird fortan auf das Retail-Banking, das Massenkundengeschäft, setzen. Das Geld für die Neupositionierung bekommt er aus dem Börsengang.

Als die Bank mit der Ausgabe von 11,5 Millionen Aktien auf einen Schlag 500 Millionen Euro einnimmt, belächelt ihn niemand mehr. In den folgenden Jahren folgen Kapitalerhöhungen, die noch mehr Geld in die Kassen spülen. Mit den Einnahmen expandiert die Bank in Richtung Osten. Auf pures Wachstum ausgerichtet war Treichl, egal zu welchem Preis, egal zu welchem Risiko, egal ob die Übernahme gleich Rendite abwirft oder nicht. Wichtig war ihm, den Markt der ehemaligen Ostblock-Länder zu erobern. Langfristig würden diese Banken schon wachsen, könnte Geld eingenommen werden.

Innerhalb kürzester Zeit erwirbt die Erste die ungarische Mezöbank (1997), die tschechische Ceska sporitelna (2000), die slowakische Slovenska sporitelna (2001), die kroatische Rijecka banka (2003), die ungarische Postabank (2003), die serbische Novosadska banka, die rumänische Banca Comerciala Romana - für 3,75 Milliarden Euro! (beide 2005) und die ukrainische Bank Prestige (2007).

Die Erste überholt den Börsenwert der Bank Austria, die mittlerweile Vaters übermächtige Creditanstalt geschluckt hatte, und ist damit Österreichs größte Bank.

Auch intern bleibt kein Stein auf dem anderen. Er entlässt alle 50 Bundesländerfilialen - außer Wien, Niederösterreich und Burgenland - in die "Selbständigkeit", bindet sie jedoch per Vertrag als Vertriebspartner an sich. Ein ungewöhnlicher Vorgang, der Treichl aber gelingt. "Wir wollen ein Verbund selbständiger Institute bleiben", mit regionaler Verankerung, nach außen divers, nach innen geschlossen.

Was Treichl als Einigung des Sparkassensektors feiert, ist gleichzeitig eine Demonstration seiner neugewonnen, unbeschränkten Machtfülle. Er kann auf die Sparkassen zugreifen, obwohl sie nicht der Ersten gehören.

Und das tut er auch. Er weiß zwar um die "extrem heiklen Themen", die "viele Emotionen" auslösen, befeuert sie aber. Die einzelnen Sparkasseninstitute werden "die Hosen runterlassen müssen", sagt er und verpasst ihnen ein einheitliches Controlling sowie eine gemeinsame Personaladministration, um für Transparenz zu sorgen. Weiters wird das Marketing, die Produktpalette, das Rating im Kreditmanagement und das EDV-System vereinheitlicht.

Treichl steht nun ganz oben, ihm scheint alles zu gelingen, er sucht und genießt das Rampenlicht. Er ist Österreichs bestbezahlter Bankmanager, sein Wort hat Gewicht in politischen Debatten und er wird Teil der Glamour-Welt rund um den Opernball, den seine Frau Desiree Treichl-Stürgkh organisiert. So hätte es ewig weitergehen können, wäre nicht die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 über die Banken hereingebrochen.

Die Erste, eine zockende Sparkasse?

Treichl versucht, die Krise herunterzuspielen: "Die Länder (im Osten, Anm.) stehen ja gut da, sie produzieren was." Die Krise werde daher bald vorbeiziehen, deshalb: "Wir entlassen niemanden."

Doch die Krise lässt sich nicht lange schönreden. Der Aktienkurs der Ersten fällt von 61,5 Euro (2007) auf einen historischen Minuswert von 7 Euro (Februar 2009). Um die Bank zu retten, muss Treichl den Staat um Geld bitten und erhält 2,7 Milliarden Euro.

Im Zuge der Krise wurde zudem bekannt, dass die Erste anrüchige Credit Default Swaps (CDS) im Wert von 5,2 Milliarden Euro besaß. Dabei handelt es sich um Kreditausfalls-Versicherungen, die gerne von Spekulanten gehandelt werden. Für Treichl und die Erste war der Imageschaden groß, die Erste, eine zockende Sparkasse? Die Bank stand seit ihrer Gründung für die konservative Veranlagung der Gelder kleiner Leute. Nun musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, mit dem Geld der kleinen Leute mit hohem Risiko zu spekulieren, zu riskieren, dass es verspekuliert wird.

Treichl zeigt Nerven, legt sich mit der Bundesregierung an, "unsere Politiker sind zu blöd und zu feig", "weil sie von der Wirtschaft keine Ahnung haben", sagt er im Hinblick auf die immer strengeren Richtlinien für die Kreditvergabe.

"Fürchterliche Momente" seien das gewesen, sagt er heute. "Das war nicht glamourös". Viele Investments vor der Finanzkrise haben sich als Fehler herausgestellt. Darunter auch die Investition in isländische Anleihen. Es habe bis Ende 2014 gedauert, bis die Krise überwunden war. Das Geld des Staates habe die Erste aber innerhalb von drei Jahren zurückgezahlt. Mit acht Prozent Zinsen.

Treichl übersteht die Krise. Das große Fressen, die aggressive Markteroberung ist aber vorbei. Die CDS werden abgebaut, mühsam versucht er den Ruf der Ersten wiederherzustellen. Mit Erfolg. 2016 fährt die Bank erstmals wieder einen Milliardengewinn ein.

Nach der Krise widmet sich Treichl dem digitalen Umbau. In den vergangenen zehn Jahren schließt die Erste ein Viertel ihrer Filialen, baut aber gleichzeitig die digitale Bankingplattform George auf. Kunden können damit online auf ihr Konto zugreifen, aber etwa auch Anlagen erstellen.

Mit "extrem heiklen Themen", die "viele Emotionen auslösen", müssen sich auch wieder einmal seine Mitarbeiter auseinandersetzen. Er löst den fixen Sitzplatz auf, wandelt die Bürozimmer in Großraumbüros um, wo jeden Morgen ein neuer Platz gesucht werden muss. "Wir denken den gesamten Bankenbetrieb neu und fangen gleich bei uns an", sagt Treichl. Auch er setzt sich ins Großraumbüro.

Doch so sehr er Bescheidenheit einerseits vorführt, so großspurig wird die Erste andererseits zur Schau gestellt. 2016 wird das neue Hauptquartier an der Stelle des ehemaligen Südbahnhofs bezogen. Der Erste Campus sei nichts weniger als die "modernste Konzernzentrale Österreichs", die sich "der üblichen Hermetik" von Bankzentralen entziehe. Den benachbarten Hauptbahnhof der Bundeshauptstadt stellt sie in den Schatten.

Treichl schafft es, die Imagedellen aus der Wirtschaftskrise auszubügeln, er gibt wieder den Entertainer in Wirtschaftsforen und Podiumsdiskussionen, kritisiert lautstark die Wirtschaftspolitik. "Unser Steuersystem ist darauf ausgelegt, dass man so wenig wie möglich Gewinn ausweist, um so wenig wie möglich Steuern zu zahlen", sagt er. "Das hält Unternehmen jedoch davon ab, an den Kapitalmarkt zu gehen, weil dort müssten sie transparent sein." Er fordert das Ende der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), kann sich die Wiedereinführung der Erbschaftssteuer vorstellen, sofern die Einkommenssteuer gesenkt wird.

Das - heurige - Jahr seines Abschieds fällt mit dem 200-jährigen Geburtstag der Bank zusammen, der aufwendig inszeniert im Musikverein gefeiert wird. Zum Abschied fährt die Bank einmal mehr einen Milliardengewinn ein.

Treichl wechselt nun von der Spitze des Finanzinstituts in den Aufsichtsrat der Stiftung. Er will sich nun gesellschaftspolitischen Aufgaben widmen, sich um die Verlierer der Gesellschaft kümmern. Geldadel verpflichtet, das hat er einst in der Salmgasse von seinen Eltern gelernt, einen bisschen Charity, das gehört sich halt. Außerdem will er sich dafür einsetzen, dass Finanzbildung im Lehrplan verankert wird.

Und der Schatten des Vaters? Den hat er abgelegt, auch, wenn er sich noch immer an ihm misst. Gerne betont Andreas Treichl: Die Erste gibt es noch, die Creditanstalt nicht mehr.