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Andrej Kurkow

Von Piotr Dobrowolski

Reflexionen

- Wiener Zeitung: Andrej Kurkow, Sie gehören zu den bekanntesten Schriftstellern der Ukraine und werden trotzdem im Westen meist über Politik statt über Literatur befragt. Stört Sie das? | Andrej Kurkow: Man kann damit leben. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, dass ich im Westen offenbar der Cheferklärer für die ukrainische Politik bin.


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- Die aktuelle politische Krise in der Ukraine hat einen überraschenden Eindruck hinterlassen: Wiktor Juschtschenko, der Hoffnungsträger des Westens, wirkt heute schwächer denn je.

Ja. Sogar in der Westukraine, die politisch sehr bewusst ist, geht inzwischen keiner mehr für ihn auf die Straße. Das liegt aber an Juschtschenko selbst. Er war in den letzten zwei Jahren sehr passiv. Er hat sich zu einer ukrainischen "Queen" stilisiert - und nur noch repräsentiert. Und wenn er doch einmal öffentlich sprach, dann fast immer nur von der Vergangenheit, vom großen Hunger der dreißiger Jahre, von der Sowjetbesatzung, kaum aber von der Gegenwart. So hat er die Unterstützung der Menschen verspielt. Bei seinem Gegenspieler Janukowitsch ist das anders. In der Ost-ukraine, wo er seine Basis hat, herrscht viel mehr Ordnung, eine militärisch-kriminelle Ordnung vielleicht, aber dort fällt man nicht einfach so vom Chef ab.

- Ist Juschtschenko also doch der schlechtere Politiker?

Er ist überhaupt kein Politiker, er ist ein Romantiker. Juschtschenko träumt von einer großen ukrainischen Nation, ihm sind die tragischen Ereignisse aus der ukrainischen Nationalgeschichte wichtiger als die Gegenwart des Landes. Deshalb sagt er auch oft etwas, das großen Schaden anrichtet. So hat er unlängst ein Museum zum Gedenken an die sowjetische Besatzung der Ukraine gefordert. Doch in der Ukraine haben noch dreißig bis vierzig Prozent der Leute positive nostalgische Gefühle für die UdSSR, fast alle älteren Männer haben als sowjetische Soldaten gegen Hitler gekämpft. Die Idee, ein Museum zum Gedenken an die sowjetischen Okkupation zu errichten, musste daher die ukrainische Gesellschaft spalten. Es ist überhaupt so, dass Juschtschenko mit dem, was er sagt, die Bevölkerung inzwischen weit stärker spaltet als Janukowitsch.

- Der ja eine beträchtliche Wandlung durchgemacht hat.

In der Tat: Seit 2004 hat der früher moskautreue Janukowitsch amerikanische Berater - und hat sehr viel dazugelernt. Er spielt wirklich eine sehr positive Rolle, weil er die Teilung der Ukraine zu überwinden versucht, viel mehr als Juschtschenko. Generell muss man aber ohnehin sagen, dass die Spaltung der Ukraine in einen proeuropäischen Westen und einen russlandtreuen Osten vor allem in den Köpfen der Politiker existiert. Zwischen den Menschen gibt es keinen Hass.

- Als Reisender erlebt man die beiden Landesteile aber doch sehr unterschiedlich.

Natürlich gibt es unterschiedliche Identitäten, unterschiedliche Lebensweisen. Die Westukraine war rund vierzig Jahre sowjetisch, die Ostukraine siebzig. Das prägt natürlich. Und es stimmt schon: Die Ostukrainer trinken viel Wodka, dafür trinken aber die Westukrainer schon zum Frühstück Cognac. Doch abseits von solchen Klischees geht es um etwas anderes: Die Leute aus dem Osten sind darüber verbittert, dass ihr Image so schlecht ist, so dass die "Westler" denken, im Osten gebe es nur Banditen, Mafiosi und Kriminelle.

- Außerdem gibt es noch das Bild vom rückständigen Ostukrainer, der für eine Flasche Bier alles tut, was man ihm anschafft.

Eine Flasche Bier ist viel zu wenig, für die rührt niemand auch nur einen Finger. Richtig ist aber, dass Janukowitsch seine Leute mit Bussen zu den Demonstrationen nach Kiew hat bringen lassen und den Demonstranten 20 Euro pro Tag zahlte. Die orange Prinzessin Julia Timoschenko hat das allerdings auch gemacht - sie zahlte bloß etwas weniger. Anders als während der orangen Revolution, gab es diesmal jedoch kaum Leute, die aus Überzeugung auf die Straße gingen.

- Vielleicht, weil der Unterschied zwischen Juschtschenko und Janukowitsch nicht mehr so groß ist wie früher?

Das stimmt. Die beiden vertreten zwar unterschiedliche Interessensgruppen, aber sie setzen beide auf Europa. Gerade die Oligarchen im Osten, die Janukowitsch vertritt, sind sehr an einer Annäherung der Ukraine an Europa interessiert. Denn vor Russland haben sie Angst. Was auch klar ist: Wenn Herr Deripaska in die Ukraine kommt, dann kauft er alles auf, und unsere Oligarchen sind auf einen Schlag arm wie Kirchenmäuse. Da ist ihnen die sanfte europäische Kapitalismus-Variante lieber. Wir haben heute eine ganz andere Situation als 2004, als Janukowitsch der Kandidat des Kreml war und seine Plakate während des Wahlkampfs auch in Moskau hingen, so dass man glauben konnte, er wolle russischer Präsident werden. Obwohl das ja vielleicht gar keine schlechte Idee gewesen wäre.

- Als wir kurz nach der orangen Revolution 2004 miteinander sprachen, sagten Sie, dass der Pinguin Mischa aus Ihrem Buch "Picknick auf dem Eis" auch als Symbol für die von Mafia und Korruption bedrohte Ukraine gelesen werden kann. Auf die Frage, was der Pinguin tun solle, antworteten sie damals: Der Pinguin muss warten. Auch wenn Sie die Pinguin-Geschichte inzwischen zu Ende geschrieben haben, trotzdem die Frage: Was muss der Pinguin heute tun? Weiter warten?

Nein, nicht weiter warten! Der Pinguin muss jetzt das Leben genießen und die Politik einfach ignorieren. Denn in Wirklichkeit sind Politik und Alltag in der Ukraine inzwischen zwei getrennte Welten. Außerdem sehen wir, dass die Ukraine ohnehin am besten funktioniert, wenn es keine Regierung gibt. Im letzten Sommer gab es drei Monate lang keine Regierung - und die Wirtschaftszahlen waren fantastisch! Jetzt ist es wieder so. Natürlich, wenn der politische Machtkampf zu lange dauert, kann das negative Auswirkungen haben, aber bis jetzt ist davon nichts zu spüren.

- In Ihrem jüngsten Roman, "Die letzte Liebe des Präsidenten", geht es um Bunin, einen fiktiven zwielichtigen ukrainischen Präsidenten, der zum Spielball seiner Berater wird und mit dem man trotzdem Mitleid haben muss. Ist Juschtschenko inzwischen wie Bunin, ein unentschiedener, gelähmter Politiker?

Ja, genau!

- Sollte man also auch mit Juschtschenko Mitleid haben?

Auf jeden Fall, Mitleid ist das Wichtigste im Leben. Zumal Juschtschenko ja letztlich stets das Opfer war, nie ein Held. Selbst zur Glanzzeit der orangen Revolution war er eigentlich nur der Partner einer Heldin, der Mann an der Seite der heroischen Julia Timoschenko.

- Die Sie allerdings nicht unbedingt lieben.

Nein, denn Sie ist meiner Meinung nach die gefährlichste Person in der ukrainischen Politik. Nicht nur, weil sie sehr radikal ist, sondern, weil sie eine Gefangene ihrer fanatischen Kampfeslust ist. Sie kann nicht anders. Kampf ist für sie stets wichtiger als Arbeit. Auf Dauer kann das nicht gut gehen.

- Wechseln wir von Kiew nach Österreich, wo Sie gerade eine Lesetournee absolviert haben. Wie gerne mögen sie das Land? Ihr Schriftstellerkollege Jurij Andruchowytsch hat sich neulich sehr enttäuscht über Österreich geäußert: es sei kalt, gefühllos, habe nichts mehr vom Charme der alten Donaumonarchie.

Vielleicht hat man ihm in Wien irgendwo schlechten Kaffe serviert. Nein, ich sehe keinen Grund, von Österreich enttäuscht zu sein. Aber ich kenne Jurij Andrucho-wytsch sehr gut und weiß: Er sucht stets die Vergangenheit in der Gegenwart. Er schreibt über die alten, nostalgischen österreichischen Elemente in der Ukraine, weil er die Ukraine, so wie sie heute ist, nicht mag. Doch das Österreich von heute ist nicht mehr das Österreich der Monarchie. Auch wenn bestimmte Verbindungen noch immer bestehen. Mir fällt zum Beispiel auf, dass es bei Lesungen in Österreich sehr viele Fragen gibt, die zeigen, dass die Menschen hier genau verfolgen, was in der Ukraine passiert. Ich denke schon, dass das damit zu tun hat, dass Teile der Ukraine einmal österreichisch waren.

- Laufen Lesungen in Österreich tatsächlich anders ab als in Deutschland oder der Schweiz?

Ja, deutsche Leser fragen sehr oft nach Details, sie stellen oft kühle, emotionslose Fragen und haben wenig Interesse an Geschichte. In Österreich gibt es viel mehr Wärme, auch in den Fragen, die gestellt werden. Und in der Schweiz ist es wieder anders: Die Leute sind dort zwar sehr neugierig, aber sie fragen nicht gern in der Öffentlichkeit, lieber im privaten Gespräch. Österreicher sind offener. Sie reisen physisch deutlich weniger als die Deutschen, geistig aber umso mehr.

- Wenn es etwas gibt, das Ihren Büchern gemeinsam ist, so ist es die Liebe zum Absurden. Der Erzählband "Herbstfeuer", der bald auf Deutsch erscheint, bestätigt diesen Eindruck.

Ich war dreißig, als die Ukraine unabhängig wurde. Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in der Sowjetunion verbracht. Die Sowjetunion war eindeutig das Vaterland der Absurdität. Heute ist die Ukraine die Nachfolgerin dieser Tradition. Unzählige Absurditäten unseres heutigen Lebens lassen sich als logische Folge der sowjetischen Vergangenheit verstehen - und man kann sie oft gar nicht anders als in übersteigerter, überspitzter Form beschreiben.

- Ist dieses Beschreiben eine Lust oder eine Qual für Sie?

Beides. Nach dem Roman "Die letzte Liebe des Präsidenten" wollte ich eine Liebesgeschichte ohne Politik schreiben. Ich habe achtzig Seiten geschrieben und war unzufrieden. Beim zweiten Versuch gab es nach siebzig Seiten das gleiche Resultat. Jetzt schreibe ich schon zum dritten Mal - und was kommt dabei heraus? Eine Liebesgeschichte mit sehr wenig Liebe, aber sehr viel Politik und Abenteuer. Ich bin mit dem neuen Roman jetzt zwar sehr zufrieden, dafür jedoch unzufrieden mit mir selbst, weil ich ja eigentlich eine Liebesgeschichte schreiben wollte.

- Wie erklären Sie sich, dass Abenteuer und Politik bei Ihnen immer die Oberhand gewinnen?

Wahrscheinlich bin ich krank. So wie die ganze Ukraine krank ist, krank aufgrund der übermäßigen Politisierung des Lebens. Sie müssen sich vorstellen: Vor zwei, drei Jahren konnte ich mindestens zweihundert Namen von ukrainischen Politikern auswendig! Halten Sie das für normal? Wahrscheinlich sollte ich zum Psychiater gehen. Oder wieder mehr Kinderbücher schreiben. Das würde mich eventuell heilen, Kinderbücher kommen ja ohne Politik aus. Aber immerhin komme ich bei meinem neuen Roman gut voran: Gerade vorhin beim Frühstück habe ich den Plan für die nächsten sechs Kapitel entworfen, am Nachmittag werde ich beginnen, sie auszuarbeiten.

- Sie planen Ihre Texte voraus? Manche Autoren behaupten, sie wüssten niemals im Voraus, wie ihre Geschichte weitergeht.

Dass ich nun Kapitel vorskizziere, zeigt, dass ich mich schon dem Schluss nähere. Denn zu Beginn weiß auch ich fast gar nichts. Rund siebzig Prozent des Textes schreibe ich ohne Plan. Die Geschichte existiert zwar in meinem Kopf, aber ich bin immer wieder überrascht, wie sie sich entwickelt. Bei dem jetzigen Roman bin ich inzwischen so weit, dass ich mich nicht mehr überraschen lassen will - weil er dann noch viel dicker würde als geplant. Deshalb die Vorentwürfe. Wie er ausgeht, weiß ich aber trotzdem nicht. Ich weiß nur, dass ich drei Handlungsstränge habe und die irgendwie zusammenbringen muss.

- Wie viel von der Handlung wussten Sie, als Sie "Die letzte Liebe des Präsidenten" zu schreiben begannen?

Tja, was wusste ich da? Nicht viel. Ich kannte die sowjetische Vergangenheit des Helden, weil viele kleine Details aus meinem eigenen Leben darin stecken. Ich kannte seine Psyche, ich wusste, wie er über das Leben und die Welt denkt. Und ich wusste Bescheid über die Beziehungen zwischen Politikern, die ich in diesem Buch darstellen wollte. Aber sehr viele Episoden, wie zum Beispiel die 400-Jahre-Jubiläumsfeier der Romanow-Dynastie in einem Eisloch, entstanden ganz spontan während der Arbeit. Auch die Liebesgeschichte entwickelte sich erst beim Schreiben.

- Eine Frage abseits der Literatur: Sie sprechen elf Sprachen, darunter Japanisch. Für jemanden, der in der Sowjetunion aufwuchs, ist das doch eher ungewöhnlich.

Das hat alles mit Kakteen begonnen. Ich hatte als Kind eine Sammlung von 1500 Kakteen - und um sie auseinander zu halten, habe ich alle ihre lateinischen Namen auswendig gelernt. Das war ein gutes Gedächtnistraining. Später war Fremdsprachenlernen eine Möglichkeit, mit fremden Kulturen Kontakt aufzunehmen, ausländische Bücher zu lesen. In der Sowjetunion, wo man nicht frei reisen konnte, war das eine Art Kompensation.

- Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade Fremdsprachen lernen, Bücher schreiben oder ukrainische Politik kommentieren?

Ich spiele mit meinen Kindern, züchte Erdäpfel und Karotten, pflege meine Obstbäume, lese am Kamin, trinke Single-Malt-Whisky. Kurz: Ich mache das, was auch der Pinguin tun soll, ich genieße das Leben.

Zu rPerson

Andrej Kurkow zählt neben Jurij Andruchowytsch und Oksana Sabuschko zu den prominentesten Vertretern der zeitgenössischen ukrainischen Literatur. Den Durchbruch beim deutschsprachigen Publikum schaffte er 1999 mit dem Roman "Picknick auf dem Eis" (Diogenes Verlag), in dem der Pinguin Mischa eine entscheidende Rolle spielt.

Während der orangen Revolution von 2004 hat sich Kurkow - wie die meisten ukrainischen Intellektuellen - auf der Seite von Präsident Wiktor Juschtschenko engagiert. Kurkow war damals als unermüdlicher Kommentator für westliche Medien tätig. Heute ist er Mitglied im "Ukrainischen Forum", einer halbpolischen Organisation, die sich um den Dialog zwischen den Anhängern von Präsident Juschtschenko und Premier Janukowitsch bemüht.

Andrej Kurkow, der 1961 in St. Petersburg auf die Welt kam, schreibt auf Russisch, versteht sich aber als Ukrainer. Nach einem Fremdsprachenstudium in Kiew arbeitete er während seines Militärdienstes als Gefängniswärter in Odessa, später wurde er Kameramann, Drehbuchautor und Schriftsteller. Nach seinen Drehbüchern entstanden siebzehn Filme. Neben Erzählungen hat Kurkow bis jetzt fünf Romane und mehrere Kinderbücher veröffentlicht. 2001 wurde er in der Ukraine zum "Mann des Jahres" und zum "Schriftsteller des Jahres" gewählt. Die Zeitschrift "Lire" zählte Kurkow 2005 zu den 50 wichtigsten Autoren der Welt.

Im Herbst dieses Jahres wird bei Diogenes Kurkows neuer Erzählband, "Herbstfeuer", erscheinen.