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Angeknackstes Urvertrauen

Von WZ-Korrespondent Fabian Kretschmer

Politik

Die Beziehungen zwischen Südkorea und den USA leiden unter den Spannungen in der Region.


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Seoul. Nun reiht sich also auch Kim Jong Un in die Reihe jener autokratischen Machthaber ein, die vom US-Präsidenten lobende Anerkennung finden. Zuvor wurde bereits Syriens Bashar al-Assad, Ägyptens Fatih al-Sisi und dem philippinische Präsidenten Rodrigo Duterte diese fragwürdige Ehre zuteil. Donald Trump bezeichnete den nordkoreanischen Diktator in aktuellen Interviews als "kluges Köpfchen", der bereits in jungen Jahren zur Machtergreifung fähig war, und den zu treffen er sich "geehrt" fühlen würde.

Ob beabsichtigt oder nicht: der mediale Aufschrei auf Trumps Äußerungen folgte prompt. Doch es drängt sich auch ein durchaus interessanter historischer Vergleich auf: Anfang der 70er war es US-Präsident Richard Nixon, der trotz erbitterten Feindschaft zum Reich der Mitte Mao Zedong besucht hat. Dass Trump nun eine ähnliche Annäherung zu Nordkorea erreichen könnte, vielleicht zum Einfrieren des Nuklearprogramms beitragen und gar Anreize für Reformen nach chinesischem Vorbild setzen könnte, scheint das denkbar beste Szenario für die derzeit überaus konfliktbeladene Region in Ostasien.

Gleichzeitig besteht aber natürlich die Gefahr, dass das alles bloßes Wunschdenken bleibt, denn Trumps Gesprächsangebot reiht sich keinesfalls in eine auch nur ansatzweise konsistente Geopolitik ein. Ganz im Gegenteil: In den vergangenen Wochen und Monaten hat der US-Präsident vom einen Tag auf den nächsten vom zündelnden Dr. Strangelove zum versöhnlichen Salomon und wieder zurück gewechselt.

Mit seiner absoluten Unberechenbarkeit hat Trump ausgerechnet Südkorea, den jahrzehntelangen Alliierten, nachhaltig verunsichert. Allein in den letzten paar Wochen hat sich der Republikaner bereits mehr faux pas erlaubt als sein Vorgänger Barack Obama während dessen gesamter Amtszeit: In einem Interview mit dem "Wall Street Journal" vom 12. April behauptete er etwa beiläufig, Korea sei "früher ein Teil von China gewesen" - eine Aussage, die nicht nur ein diplomatisches Fettnäpfchen sondergleichen ist, sondern in ihrer Vereinfachung auch schlicht unrichtig. Vergangenen Donnerstag verkündete Trump - entgegen einer gültigen Vereinbarung -, dass Südkorea für die Kosten des Ende April installierten Raketenabwehrsystems THAAD aufkommen solle.

Der Großteil der Südkoreaner lehnt das umstrittene US-Militärsystem allerdings ab. Zum einen schützt es das Land am Han-Fluss keinesfalls vor nordkoreanischen Kurz- und Mittelstreckenraketen. Zudem beschädigt es nachhaltig die Beziehung zum wichtigsten Handelspartner China. Nur Stunden, nachdem Washington am Dienstag den Raketenschild für vollkommen einsatzbereit erklärt hat, verlangte Peking einen unmittelbaren Stopp von THAAD. "Wir werden nötige Maßnahmen einleiten, um unsere Interessen aufrecht zu halten", heißt es in einer vage formulierten Stellungnahme des chinesischen Außenministeriums. Peking wertet den Raketenschirm als Eingriff in die nationale Souveränität, zudem sieht es das militärische Gleichgewicht in der Region dadurch aus der Balance geworfen.

Ärger über Bomber

Bereits am Dienstagmorgen hatte sich die Volksrepublik verärgert über zwei Überschall-Langstreckenbombern des Typs B-1B gezeigt, die die USA als Teil einer Militärübung mit Südkorea in die Region ausgesandt haben. Nordkorea verurteilte den Flug der Langstreckenbomber in seiner üblich martialischen Rhetorik als Vorbereitung eines Nuklearschlags.

In Südkorea wird zudem bald das derzeitige Machtvakuum durch ein neues Staatsoberhaupt gefüllt werden. Das Land wählt am 9. Mai seinen nächsten Präsidenten, nachdem Park Geun-hye in Folge eines Korruptionsskandals derzeit in Untersuchungshaft sitzt. "Sollten sich die Umfragen nicht komplett irren, ist Moon Jae-in dem Wahlsieg so nahe, wie man es in freien Wahlen nur sein kann", sagt Steven Denney, Politikwissenschaftler von der Universität Toronto.

Der linksgerichtete Oppositionspolitiker steht für einen grundsätzlichen Wandel in fast allen außenpolitischen Kernpunkten im Vergleich zur konservativen Vorgängerregierung: Die Stationierung von THAAD möchte er neu überprüfen, die Beziehungen zu China verbessern und zudem Verhandlungen mit Nordkorea neu aufnehmen. "Seiner Meinung nach sollte Seoul eine autonome Nordkorea-Politik betreiben und eine führende Position dabei einnehmen, Frieden und Stabilität auf der koreanischen Halbinsel herzustellen", sagt Korea-Experte Denney: "Das kann möglicherweise zu Spannungen mit Washington führen".

Möglicherweise am stärksten das US-südkoreanische Urvertrauen angekratzt hat ausgerechnet ein US-Militär: Am Sonntag wurde Amerikas Nationaler Sicherheitsberater H. R. McMaster in einem Fernsehinterview mit Fox News gefragt, ob die US-Regierung bereit sei, bei einem möglichen Kriegsfall den Großraum Seoul zu gefährden. Statt ein klares Signal an die mehr als 25 Millionen in dem Ballungsraum lebenden Menschen zu geben - immerhin mehr als in ganz Australien -, entgegnete McMaster ambivalent: "Was der US-Präsident zuerst und vor allem im Sinn hat, ist der Schutz der Amerikaner".