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Angela Merkels Weg ins Kanzleramt

Von WZ Online

Europaarchiv

Angela Merkel ist am Ziel. Fünf Jahre nachdem die heute 51-Jährige als erste Frau zur CDU-Vorsitzenden gewählt worden war, wird sie als erste Frau Deutschland führen. Weiblich, ostdeutsch und auch noch Späteinsteigerin in die Politik: Merkel würde mit der Kanzlerschaft die wohl ungewöhnlichste politische Karriere in der jüngeren deutschen Geschichte krönen.

Die Pfarrerstochter aus Templin in Brandenburg war Physikerin, ehe sie mit 35 in die Politik ging, zunächst als "Mädchen für alles" im Demokratischen Aufbruch während der Wende in der DDR. Sie wurde nach ein paar Monaten stellvertretende Regierungssprecherin. Mit 36 wurde sie Ministerin, das "Küken" in Helmut Kohls Kabinett. Nicht jeder der Kabinettskollegen nahm sie anfangs richtig ernst.

Als die CDU in die Opposition musste, wurde sie 1998 mit 44 Jahren Generalsekretärin, als erste Frau, als erste aus dem Osten. Während der Spendenkrise scharte sich die Partei um sie, weil sie als erste in der Führung die Abnabelung von Kohl verlangte und anders als der damalige Parteichef Wolfgang Schäuble unbelastet war.

Schon ihre Wahl zur Vorsitzenden im Jahr 2000 grenzte an ein politisches Wunder. Merkel, die in zweiter Ehe verheiratet und kinderlos ist, Protestantin noch dazu, passte nie zum Bild der "alten" CDU, dieser männer- und westdominierten Partei mit katholischen und konservativen Wurzeln. Und schon gar nicht entsprach sie den Erwartungen der "bayerischen Schwester" CSU. Merkel, die Außenseiterin, musste sich durchsetzen. Und dabei musste sie sich alles, was zum politischen Handwerk gehört, im Schnellkurs aneignen. Als Nachteil empfand sie, über keine Hausmacht zu verfügen.

Wie wird Merkel Deutschland führen? "Ich bin ein Mensch, der zutiefst überzeugt ist, dass menschliches Leben evolutionär geht, das heißt, dass wir uns immer verändern und verändern müssen. Ich finde Veränderungen nichts Schreckliches", sagte die Naturwissenschaftlerin kürzlich. Sie wollte einen harten Reformkurs fahren. Der Erkenntnis, dass Deutschland in vielen Feldern das Schlusslicht ist, sollte die konsequente Therapie folgen. Nun muss sie einen Mittelweg finden.

Besonderheiten

Herkunft: Merkel wurde zwar in Hamburg geboren. Doch weil ihr Vater eine Pfarrstelle in Brandenburg übernahm, kam sie schon im Baby-Alter in die DDR. Aufgewachsen ist sie in Templin. Sie ist damit die erste Ostdeutsche im Amt des Bundeskanzlers.

Ihre Vorgänger stammten alle aus dem Westen und lebten in ihrer Jugend in Städten. Konrad Adenauer stammte aus Köln, Helmut Schmidt aus Hamburg. Ludwig Erhard aus Fürth, Helmut Kohl aus Ludwigshafen, Willy Brandt aus Lübeck, Kurt Georg Kiesinger aus Ebingen. Nur Gerhard Schröder wuchs in einem kleineren Ort als Merkel auf.

Beruf: Dr. rer. nat. Merkel ist die erste Naturwissenschaftlerin auf den Sessel des bundesdeutschen Regierungschefs. 1978 bis 1990 arbeitete sie als Physikerin. Ihre Vorgänger waren in der Mehrzahl Juristen oder Wirtschaftswissenschaftler. Adenauer war seit 1901 Jurist, auch Schröder arbeitete zunächst als Rechtsanwalt.

Erhard und Schmidt waren Volkswirte, Kohl war Historiker. Brandt konnte wegen seiner Emigration in der NS-Zeit kein reguläres Studium absolvieren und arbeitete im Exil als Journalist.

Alter: Merkel wurde am 17. Juli 1954. Mit ihren 51 Jahren ist sue auch die jüngste Kanzlerin - ein paar Monate jünger als Kohl, der mit 52 Kanzler wurde. Im Vergleich zu Adenauer, der mit 73 Jahren Kanzler wurde, war auch Schröder in einem jugendlichen Alter, als er mit 54 Jahren ins Kanzleramt einzog.