Zum Hauptinhalt springen

Angewandte Provinzialität: Der Fall Sloterdijk

Von Ruth Pauli

Wissen

Philosophie-Posse an der Universität für Angewandte Kunst. | Wien. Eine Provinzposse der besonderen Art spielt sich derzeit rund um die Neubesetzung der Philosophie-Professur an der Universität für Angewandte Kunst ab.


Mit Rudolf Burger hatte die Kunsthochschule bis vor einem Jahr Österreichs führenden Philosophen als Professor. Die Chance, mit einem ganz anderen Philosophiestar wieder sämtliche Universitäten zu überstrahlen, verbaut man sich gerade selbst: Peter Sloterdijk, von Angewandte-Rektor Gerald Bast für die Vakanz als Gastprofessor geholt, hatte sich beworben, wurde aber von der Berufungskommission nicht auserkoren.

Offensichtlich war sogar der Kommission selbst klar, dass eine einfache Ablehnung Sloterdijks schwer zu argumentieren wäre. Schließlich ist er ein weltbekannter, in 27 Sprachen übersetzter Philosoph, ein brillanten Rhetoriker, dessen griffigen Formulierungen die Diskussion der brennendsten Themen von Genetik bis Wirtschaftskrise mitprägten und der über eigene Fernsehsendungen sogar einem nichtakademischen Publikum bekannt ist. Also verständigte man sich auf eine zweite Runde Bewerbungsvorträge, bei der noch zwei der vorher aussortierten Bewerber ihre Chance erhalten sollen.

Schließlich hatte in der ersten Runde die gender-relevante Kandidatin gefehlt (worin Rektor Bast aber keineswegs den Grund für die "Ergänzung" sieht). Die Entscheidung soll nun im Juni fallen.

"Wann werden Sie Zeit für uns haben?

Der Kleinkrieg um Sloterdijk läuft vielschichtig. Schon im Vorfeld wurde die Gastprofessur als ein "unzulässiges Prädjudiz" durch den Rektor gedeutet, die es zu torpedieren galt. Dann wurde gezielt lanciert, Sloterdijk habe an der Konkurrenz-Akademie der Bildenden Künste, wo er seit 1993 gelehrt hatte, über zehn Jahre keine Prüfung abgenommen und sich nicht um die Studenten gekümmert - was sein Assistent Andreas Findeisen mit Zahlen widerlegen kann

Die Gerüchte-Saat fiel bei den über die Berufung mitentscheidenden Studenten auf fruchtbaren Boden. Als bei den sechs Bewerbungsvorträgen alle bis auf Sloterdijk Enttäuschung auslösten, entlarvten sie unabsichtlich den heimischen Wissenschaftsbetrieb: "Sie schreiben ja jedes Jahr ein Buch. Wann werden Sie da für uns Zeit haben?"

Die Zeit-Frage wurde auch von Professoren-Seite hochgekocht. Denn Sloterdijk ist nach wie vor Rektor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe und würde daher nicht die ganze Woche über in Wien sein - und das scheint einer Professorenschaft, deren Stars häufig durch Abwesenheit zu glänzen, ausgerechnet im Fall Sloterdijk nicht in Ordnung. Skurril erscheint der Ausweg, der sich abzeichnet: Man beruft jemanden anderen und bietet Sloterdijk eine Honorarprofessur an. Da soll er dann gratis lehren und auch noch seine Reisekosten selbst berappen.

Für Rudolf Burger ist die ganze Farce unverständlich. "Auf der Kunsthochschule lehrt man Philosophie, weil sich die Künstler im Gefolge von 68 als die Weltdeuter gerieren. Dafür muss man ihnen Denken beibringen. Und dafür ist Sloterdijk interessant, weil er kein akademischer Flohknacker und Stubenhocker ist, sondern belesen ist, intellektuelles Charisma hat und Faszinosum ausstrahlt. Und er hat pädagogisches Eros. Er wäre ideal."