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Angst bedroht das Modell toleranter Gesellschaft in den Niederlanden

Von Brian Murphy, AP

Politik

Das Attentat auf den niederländischen Filmemacher Theo van Gogh hat das Verhältnis Europas zum Islam auf eine neue Probe gestellt. "Die Moslems sagen, sie haben Angst", meint Nicolette Toering beim Gedenken für den 47-Jährigen, der am vergangenen Dienstag beim Fahrradfahren in Amsterdam erschossen wurde. "Nein, wir haben Angst!"


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Die niederländischen Behörden ermitteln jetzt, ob der 26-jährige aus Marokko stammende Hauptverdächtige allein gehandelt hat oder ob er Verbindungen zu Kreisen islamischer Extremisten hatte. Sieben weitere Personen wurden inzwischen verhaftet. Ein Schreiben, das bei der Leiche des kritischen Filmemachers gefunden wurde, rief alle Moslems dazu auf, sich gegen die "ungläubigen Feinde" im Westen zu erheben. Zwischen Blumen und Kerzen, die zum Gedenken an den Toten auf dem Bürgersteig niedergelegt wurden, finden sich ähnlich hasserfüllte Zeilen von der anderen Seite: "Die Feinde leben unter uns."

Nach den Madrider Bombenanschlägen vom 11. März haben die Polizeibehörden der EU-Länder ihre Zusammenarbeit bei Ermittlungen gegen islamische Extremisten zwar erheblich verstärkt. Aber in europäischen Großstädten wie Amsterdam wächst das vage Gefühl, dass die militanten Flügel in der islamischen Migrantenszene an Boden gewinnen und Grundwerte der toleranten Gesellschaft wie Meinungsfreiheit in Frage stellen. "Es gibt ein allgemeines Gefühl, dass ein sozialer Zusammenstoß unvermeidlich wird", sagt Jan Rath vom Institut für Migration and Ethnologische Studien an der Universität Amsterdam. "Die Leute denken, dass sich da etwa über Jahre aufbaut und nun an die Oberfläche kommt."

Wegmarken dieses Prozesses hin zu einer drohenden Konfrontation sind die Todesdrohung gegen den britischen Schriftsteller Salman Rushdie von 1989, der Zulauf für rechtsextreme Parteien, die Ermordung des fremdenfeindlichen Politikers Pim Fortuyn 2002 in den Niederlanden und der Streit um das Kopftuchverbot für Moslems an öffentlichen Schulen.

In kaum einem anderen Land kommt die sich ändernde Einstellung zum Islam so deutlich zum Ausdruck wie in den Niederlanden. Hier bekennen sich eine Million der 16 Millionen Einwohner zum Islam. Ähnlich wie in Deutschland trafen die ersten islamischen Einwanderer nach dem Zweiten Weltkrieg ein, um sich an den Arbeiten zum Wiederaufbau zu beteiligen. Die türkischen Arbeiter integrierten sich in die niederländische Gesellschaft. In den 70er und 80er Jahren verstärkte sich dann die Zuwanderung aus Marokko und anderen nordafrikanischen Ländern.

Für die Kinder der Einwandererfamilien stellt sich die Situation heute anders dar als für ihre Eltern. Die Arbeitsplätze werden knapper, und einige Politiker versuchen, einen Zusammenhang zwischen der steigenden Kriminalität und der größer werdenden islamischen Gemeinschaft herzustellen. Im vergangenen Jahr forderte der Abgeordnete Geert Wilders ein fünfjähriges Moratorium für die Einwanderung aus der Türkei und Marokko.

Auch van Gogh habe vor den Gefahren des radikalen Islams warnen wollen, sagt der Lehrer Geert Plas, als er den Tatort aufsucht. "Vielleicht hören wir jetzt zu. Für mich ist das nicht nur ein isoliertes Ereignis. Da gibt es einen Zusammenhang zum World Trade Center und zu Madrid. Das müssen wir einfach sehen."

Das bei dem Toten gefundene Schreiben bedroht auch die Islam-Kritikerin Ayaan Hirsi Ali mit dem Tod. Die in Somalia geborene Drehbuchautorin van Goghs hält sich seitdem versteckt. "Der Jihad ist in den Niederlanden angekommen", sagt Parlamentspräsident Jozias van Aartsen.

In die Trauerbekundungen in Amsterdam mischen sich Äußerungen eines religiösen Bekennerzorns, wie er im säkularen Europa unüblich geworden ist. Passanten legten Gebetszettel und Kreuze nieder und schrieben Zeilen wie "Das ist das wahre Gesicht des Islams" oder "Wenn ihr die Welt verbessern wollt, dann fangt bei euch und eurem Glauben an."

Auch in der Moschee in der Nähe des Tatorts wird über die Bluttat gesprochen ¨- und über die Angst vor Racheakten. "Wir sind in Gefahr", sagt ein Marokkaner seinen Freunden. Ein anderer aber wirft ein: "Wir können nicht in Angst abtauchen. Dies ist doch jetzt unser Zuhause."

Während Brandanschläge auf eine Moschee und islamische Schulen gemeldet werden, sagt der 22-jährige Student Abdul Salam, er versuche immer wieder, seinen Freunden zu erklären, dass es schon seit dem achten Jahrhundert Moslems in Europa gebe. "Ich weiß nicht, was ich denken soll, wenn die Leute sagen, dass ich nicht hierhin gehöre, weil ich ein Moslem bin." Dabei spreche er noch nicht einmal Arabisch. "Ich bin hier geboren. Ich bin Europäer", bekräftigt Salam. Aber Leute wie Salam sind nur die eine Seite in einem internen Kampf innerhalb der moslemischen Gemeinschaften in Europa, sagte Akbar Ahmed, Professor für Islamwissenschaften an der Amerikanischen Universität in Washington. "Das ist nicht neu für den Islam. Es ist nur neu für Europa."