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"Angst führt zu Radikalisierung"

Von Nedad Memic

Politik
Werden Jugendliche isoliert, verlieren sie schnell die Orientierung.
© Jenis

Die Radikalisierung von Jugendlichen ist spätestens seit den Anschlägen von Nizza und München ein brennendes Problem. Der Verein Wiener Jugendzentren versucht, radikale Ideologien bei Jugendlichen früh zu erkennen.


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Wien. Bilder von Gewalttätigkeit junger Menschen rückten in diesem Sommer wieder in den Vordergrund. Die Anschläge in Nizza, Würzburg oder München vom letzten Juli: Alle von Jugendlichen verübt, die vorher keine oder geringe Anzeichen von Radikalisierung zeigten, sehr wohl aber Ausgrenzung, Zurückweisung oder Ausschluss erfahren haben. "Ob sich bei einem Jugendlichen eine radikale Meinung bildet, hängt oft mit einem biografischen Bruch zusammen", sagt Werner Prinzjakowitsch.

Der pädagogische Bereichsleiter im Verein Wiener Jugendzentren hat eine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Wiener Jugendlichen und beschäftigt sich auch verstärkt mit dem Thema Radikalisierung. Die Wiener Jugendzentren sind mit 40 Standorten der größte Anbieter im Bereich der Jugendarbeit in Wien. Wie man dort unermüdlich betont, liegt der Schwerpunkt der Maßnahmen dieser Institution auf offener Jugendarbeit. Gerade bei dieser Form der Jugendarbeit kann man erste Anzeichen radikaler Meinungen und Ideologien schon relativ früh erkennen.

Niederschwellig und freiwillig

"Die Wiener Jugendzentren sind Orte, in denen wir mit den Jugendlichen zuerst eine Atmosphäre schaffen, in der sich unterschiedliche Gruppen wohlfühlen und Spaß haben können. Die Besuche unserer Zentren beruhen auf Freiwilligkeit, unsere Jugendbetreuer sind eine Art alternative Erwachsene - weder Eltern noch Lehrer -, die in keinem hierarchischen Verhältnis zu den Jugendlichen stehen", sagt Prinzjakowitsch und erklärt damit die Grundsätze der offenen Jugendarbeit.

Die Prinzipien der offenen Jugendarbeit, die vor allem auf einem niedrigschwelligen Zugang, der Freiwilligkeit der Teilnahme sowie auf Transparenz und Vertraulichkeit beruht, haben laut Prinzjakowitsch eine essenzielle Rolle bei der Extremismusprävention. Die offene Jugendarbeit folgt außerdem dem Prinzip des parteilichen Mandats. Durch dieses Prinzip werden Jugendliche als gleichberechtigter Teil des Sozialraums und der Gesamtgesellschaft gesehen. Sie werden einfach so akzeptiert, wie sie sind.

"Das Jugendalter ist die Zeit, in der man nach Orientierung und Perspektive sucht. Dabei spielt auch das sogenannte Spirituelle eine große Rolle im Leben der Jugendlichen, das heißt, die Suche nach dem Sinn des Lebens. Da kann auch die Religion bei vielen wesentlich mitspielen", so Prinzjakowitsch.

Der gleichen Meinung ist auch David Schwarz, Leiter des Jugendzentrums Großfeldsiedlung: "Religion und Ideologie können bei vielen Jugendlichen zu einer Stütze werden, gerade in dem Alter, in dem sie viel experimentieren und sich selbst suchen. Heutzutage ist es für Jugendliche noch schwieriger, Orientierung zu finden und Wertschätzung zu erleben", so der erfahrene Jugendarbeiter.

Schlechte Ausbildungs- und Jobchancen sowie eine soziale Ausgrenzung können immer häufiger ein Auslöser für radikale Ansichten und das abwertende Verhalten anderen gegenüber sein. "Auch hier in Österreich, in dem vieles gut läuft, haben junge Menschen bei der Auswahl ihrer Ausbildung oder bei der Jobsuche oft keine Sicherheit, was ihre Ängste nur verstärkt", sagt Schwarz.

Die Rolle der Medien

In der Radikalisierung von jungen Menschen spielen laut beiden Experten die Medien eine Schlüsselrolle: "Es ist evident, dass das Thema Religion und religiöser Extremismus in den letzten Jahr stark zugenommen hat", weiß David Schwarz. Für Werner Prinzjakowitsch führte die Berichterstattung der letzten Jahre zu einer allgemeinen Verunsicherung und anschließenden Kränkungserfahrungen bei jungen Menschen: "In Medien wird etwa der Islam oft pauschalisiert, und das kann oft zu einer Isolierung von muslimischstämmigen Jugendlichen führen."

Was Prinzjakowitsch aber in Bezug auf die Medienarbeit für besonders gefährlich hält, ist die Schaffung eines Jugendkults um die Dschihad-Kämpfer: "Durch etliche Berichterstattungen in einheimischen Medien kam es teilweise zu einer Ikonisierung von Syrienkämpfern. Sie gaben Interviews oder wurden sogar auf Titelseiten abgebildet. All das führte zur Entwicklung einer Art Jugendkult und hatte auch Auswirkungen auf das Verhältnis von Jugendlichen zu Erwachsenen", stellt der Jugendexperte besorgt fest. Jugendliche würden bewusst nach Provokationen mit Erwachsenen suchen. Durch diese Art von Berichterstattung bekamen sie laut Prinzjakowitsch eine ideale Möglichkeit dazu.

In ihrer Arbeit mit Jugendlichen setzen Prinzjakowitsch und Schwarz in der Regel auf aktuelle Themen. "Wir versuchen, mit Jugendlichen offen über ihre persönlichen Wege zu sprechen. Dabei wollen wir nicht polarisieren, indem wir mit Warum-Fragen die abgewerteten Gruppen in den Fokus rücken. Stattdessen geht es darum, die Beweggründe und Bedürfnisse dahinter zu erarbeiten - am besten mit Was-Fragen: ‚Was hast du erlebt? Was findest du unfair?‘", erklärt David Schwarz seinen Alltag mit den Jugendgruppen, die er betreut.

Wenn es ums Thema Radikalisierung oder radikale Ideologien geht, sind laut Schwarz keine Generalisierungen zulässig, insbesondere was den familiären Hintergrund betrifft: "Wenn es um Radikalisierung geht, kann im Prinzip jede Familie von Radikalisierung betroffen sein. Aus unserer praktischen Arbeit ist keine verlässliche Regel aufzustellen, nach der die Radikalisierung von Jugendlichen auf die ideologische Ausrichtung der Familie zurückgeführt werden kann. Im Gegenteil: Viele Jugendliche suchen nach einer Abgrenzung von der Familie", sagt der Jugendarbeiter.

Oft vertreten Jugendliche radikale Ideologien, ohne davon ein näheres Wissen zu besitzen: "Einmal sagte ein Jugendlicher: ‚Alle Ungläubigen muss man töten!‘ Als ich ihm dann erklärte, dass er wahrscheinlich 70 Prozent der Gruppe, mit der er jetzt zusammen sitzt, inklusive mir töten müsste, sagte er gleich: ‚Aber nicht euch!‘."

Schnelle Erfolge nicht möglich

Ein anderer Jugendlicher trug wiederum ein T-Shirt mit dem Abbild der verurteilten beziehungsweise mutmaßlichen Kriegsverbrecher Karadzic und Mladic. Als ich ihn bat, ihre vollen Namen auszusprechen, konnte er das nicht", berichtet Werner Prinzjakowitsch und betont, dass es gerade aus diesem Grund wichtig ist, mit Jugendlichen in ethnisch und religiös heterogenen Gruppen zu arbeiten oder mit ihnen gemeinsame Ferienfahrten zu organisieren, was die Wiener Jugendzentren seit kurzem machen. Indem man solche heiklen Themen mit Jugendlichen anspricht, trägt man direkt zum Abbau von Vorurteilen ab. Der Schwerpunkt der Kritik liegt dabei nie an Jugendlichen selbst, sondern an ihren Handlungen.

Schnelle Erfolge durch die Präventionsarbeit versprechen Prinzjakowitsch und Schwarz jedoch nicht und betonen, dass es gerade dabei um etwas geht, das vor allem Zeit und Kontinuität braucht.