"Angst hatten wir dann keine mehr"

Von Michael Schmölzer

Politik

Erleichterung und Euphorie: Erinnerungen an die Samtene Revolution und den "Spirit of 1989" in Prag und Bratislava.


Am 17. November 1989 begann das kommunistische System in der CSSR zu kippen. Seit dem Sommer war auf den Straßen Prags gegen das Regime demonstriert worden. Es war auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich, dass sich rund 18.000 Studenten vor der medizinischen Fakultät versammelten. Offiziell wurde des Studenten Jan Opletal gedacht, der 50 Jahre davor von der Gestapo ermordet worden war. Da konnten die Behörden nichts dagegen haben.

An jenem 17. November führten die Demonstranten Banner mit sich, die KP-Chef Milos Jakes in Nazi-Uniform zeigten. Sie zogen durch die menschenleere Narodni-Straße zum Wenzelsplatz. Aus den Nebenstraßen kamen Einheiten der Sonderpolizei und prügelten auf die Flüchtenden ein. Ein Student sei getötet worden, hieß es, die Opposition stellte sofort klar, dass es sich um "Fake News" handelt. Die kommunistische Parteizeitung "Rude Pravo" schrieb am Folgetag, dass die Polizei im Stadtzentrum "für Ruhe und Ordnung" gesorgt habe. Doch mit der KP-Beschaulichkeit war es längst vorbei, der Umsturz nicht mehr aufzuhalten.

Die Regimegegner - und das war mittlerweile ein großer Teil der Bevölkerung - wurden von "Radio Free Europe" und "Voice of America" über die Ereignisse informiert. An der Grenze zu Österreich spielte der ORF mit der Prag-Korrespondentin Barbara Coudenhove-Kalergi eine große Rolle. Auch die "Wiener Zeitung" berichtete am 18. November 1989 auf Seite eins, dass zehntausende Studenten den Sturz der reformunwilligen KP gefordert hätten.

Am 20. November waren 250.000 Menschen auf der Straße, man organisierte sich via Mundpropaganda und Festnetz-Telefon. Die Protestwelle griff auf Teplice, Brünn und Bratislava über und erreichte schließlich fast alle Provinzstädte. Rund eineinhalb Millionen Menschen schlossen sich der Samtenen Revolution an, die verzweifelten Bemühungen der KP zu retten, was zu retten ist, waren spätestens zu diesem Zeitpunkt zum Scheitern verurteilt.

Eine Mischung aus Angst, Erleichterung und Euphorie, von Siegesgewissheit und einem einzigartigen Gefühl der Solidarität sei es gewesen, die damals auf den Straßen geherrscht habe, erinnern sich Menschen, die damals mit dabei waren.

Geheimpolizei war überall

Philipp Ther ist heute in Wien Professor für Osteuropäische Geschichte. Zur Zeit der Wende war er 22 Jahre alt und Student in Prag, wie er im Rahmen einer Veranstaltung im Institut für die Wissenschaften vom Menschen erzählt. Zu Beginn des Aufstandes sei die Angst noch groß gewesen, auf die Straße zu gehen: "Alles war voll mit Geheimpolizei und mit Militär", so Ther. Und es sei nicht klar gewesen, "ob das Regime nicht doch die chinesische oder rumänische Lösung wählt" - also zu Mitteln gewaltsamer Repression greift.

Tatsächlich war die Polizeigewalt in Prag am 17. November beträchtlich. Doch als am 20. November Hunderttausende auf die Straße gingen, "war keine Angst mehr vorhanden", so Ther, der sich an einen "wunderbarer Moment von Partymachen, der Freiheit und der Freude" erinnert. Der heutige Uni-Professor verweist auch darauf, dass die im Sterben begriffenen KP-Diktaturen kein Monopol auf extreme Polizeigewalt hatten. "Das hat es auch in Westdeutschland gegeben, wenn man an die Demonstrationen gegen das AKW Wackersdorf denkt." Einer befreundeten Journalistin sei damals von den Beamten der Beckenknochen gebrochen worden.

"Alle hatten das Gefühl, dass wir nicht gestoppt werden können." Zeitzeuge Zitny. 
© Michael Schmölzer

Was dem Historiker aber besonders in Erinnerung geblieben ist, ist die Solidarität in den Tagen der Wende und den Monaten danach. Chefs seien ganz selbstverständlich mit ihren Angestellten essen gegangen und hätten ihre Freizeit mit ihnen verbracht. Das vorherrschende Gefühl von Konkurrenz, Neid und Missgunst hat Ther als Student und freiberuflicher Journalist in Deutschland erlebt, nicht aber im Prag jener Tage. Die Einkehr der "Normalität" ab 1990, das beginnende Hickhack der Parteien habe diesen Zustand schrittweise zunichtegemacht.

Maria Sykorova war im November 1989 einfache Angestellte bei einem staatlichen Baukonzern in Bratislava. Sie erinnert sich noch gut an die Jubelstimmung dieser Tage: Im Zentrum der Stadt sei eine Bühne aufgebaut gewesen, ein Redner nach dem anderen habe sich mit der Revolution solidarisch erklärt. Alles sei damals sehr spontan und ungeplant verlaufen. Angst? Die habe sie in dieser Zeit sehr wohl gehabt, gibt sie zu. Vor allem, weil ihr Ehemann, damals ein evangelischer Regimegegner, stets große Risiken eingegangen sei. So habe Sykorovas Mann den gemeinsamen Kindern Lieder der damaligen Protest-Ikone Karel Kryl vorgespielt - ein riskantes Unterfangen, das Sanktionen hätte nach sich ziehen können.

"Patschenkino" statt Umsturz

Wobei Sykorova darauf hinweist, dass die Demontage des Kommunismus in Bratislava schrittweise erfolgt sei. Sie erinnert an die "Kerzendemonstration", die am 25. März 1988 in der KP für Verunsicherung sorgte. Tausende katholische Regimegegner demonstrierten in Bratislava, friedlich und mit Kerzen in der Hand. Der Protest wurde von der Polizei brutal niedergeschlagen. Wobei das Regime nicht nur auf die Macht der Polizeiknüppel vertraute, wie sich Sykorova erinnert. So wurde etwa das Fernsehprogramm von der kommunistischen Führung eiligst geändert und ein damals ungemein populärer Spielfilm gezeigt, um die Menschen von der Straße wegzubringen und an die TV-Geräte zu fesseln.

Milan Zitny war in Bratislava von Beginn an am Umsturz beteiligt. Der Künstler - der schon zu KP-Zeiten für das Theater arbeitete und Liedertexte schrieb - war zum Zeitpunkt der Revolution dem studentischen Milieu verhaftet, wie er im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" erzählt. Wobei die Ereignisse schon am 16. November ihren Lauf nahmen: "Das war ein Donnerstag und 100 bis 200 Studenten haben sich getroffen und sind quer durch Bratislava gegangen. Die Parole war: ,Wir wollen Freiheit!‘"

Die Wiener Zeitung am 21. November 1989.
© WZ

Anders als in Prag sei die Veranstaltung nicht von der Sonderpolizei gewaltsam unterbunden worden. "Angst hatten wir keine", sagt Zitny. "Plötzlich ist der erste Sekretär der KP Bratislava gekommen und wollte ein Gespräch. Spontan und in der Öffentlichkeit." Trotzdem sei es zu diesem Zeitpunkt völlig unklar gewesen, wie sich die Sache entwickelt.

Am 17. November sollte es eine große Kundgebung in Bratislava geben, die wurde aber von den Behörden verboten. Rund 400 Studenten versammelten sich trotzdem im Hof der Universität. "Niemand von uns hat gewusst, dass zeitgleich in Prag eine Kundgebung niedergeknüppelt worden ist", sagt Zitny. Davon habe man erst am Folgetag per Telefonanruf erfahren.

"Alle waren wir Arbeiter"

Man habe sich wieder getroffen und eine Petition verfasst. Dann nahmen die Dinge im slowakischen Teil der CSSR unaufhaltsam ihren Lauf. "Die Revolution hat sich in der Slowakei ausgebreitet wie ein Feuer. Sehr spontan und sehr rasch", sagt Zitny. "Wir sind durch die Slowakei gereist und haben die Videoaufnahmen von der Polizeigewalt gegen die Studenten in Prag verbreitet."

Am 27. November wurde zum Generalstreik aufgerufen, "an diesem Tag war dem Regime klar, dass das Spiel vorbei ist. Wir haben mit einer Stimme gesprochen, es gab keine Spaltungen und Fraktionen. Alle waren damals Arbeiter, auch die Intellektuellen." Und es habe zahllose Hilfs- und Solidaraktionen gegeben. "Alle hatten das Gefühl, dass wir nicht gestoppt werden können. Alles lief ohne Gewalt, aber sehr konsequent." Mit Zugeständnissen und kleinen Reformen wollte man sich nicht mehr zufriedengeben. "Festival, Party, Euphorie - es war alles zusammen." Diese Stimmung habe nicht lange angehalten, so Zitny. "Das gab es nur ein paar Tage, maximal Wochen. Dann war Schluss."