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"Angst vor Ausländern ist absurd"

Von Stephanie Dirnbacher

Wirtschaft

Künftige Herausforderungen am Arbeitsmarkt. | Ausländische Fachkräfte machen Bogen um Österreich. | "Wiener Zeitung": Was sind die zukünftigen Herausforderungen am Arbeitsmarkt?


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Thomas Seilern-Aspang: Der konjunkturelle Abschwung. Auf der einen Seite werden die Unternehmen wieder auf Kosten achten müssen, auf der anderen Seite müssen sich die Arbeitnehmer darauf einstellen, keine größeren Gehaltssprünge zu bekommen und Schwierigkeiten bei einem Jobwechsel zu haben.

Erich Pichorner: Wenn jetzt wirklich ein Konjunkturrückgang kommt, wird das hauptsächlich unqualifizierte Kräfte treffen, aber der Facharbeitermangel und Technikermangel wird weitergehen, weil sich unsere Wirtschaft ja in Richtung Nischenplayer mit hochtechnologischen Produkten entwickelt. Das zweite ist: Man wird sich Gedanken machen müssen, wie man Ältere in Beschäftigung hält, weil die Bevölkerungspyramide enger wird. Man kann qualifizierte Kräfte mit 50 nicht auf die Straße schicken und sich dann wundern, wenn nichts nachkommt.

Es kommen auch keine Arbeitskräfte aus dem Ausland? Pichorner: Wenn wir Arbeitskräfte aus dem Ausland wollen, müssen wir sie anders behandeln. Wenn man Ängste schürt und sogar der Qualifizierte nicht mehr kommen will, weil das Klima dermaßen vergiftet ist, dann werden nur mehr diejenigen übrig bleiben, die nicht Deutsch können, maximal einen Volksschul-Abschluss haben, sich schwer tun beim Integrieren und am Arbeitsmarkt nicht wirklich brauchbar sind. Die Angst in Österreich, dass wir von ausländischen Facharbeitern überschwemmt werden, ist völlig absurd.

Werden sich die Probleme bei der Suche nach qualifizierten Mitarbeitern verschärfen? Seilern-Aspang: Ja, auch weil Osteuropa gehaltsmäßig wesentlich stärker wächst als Österreich. Die Leute bleiben dort. Früher hat man aus diesem Pool heraus rekrutieren können.

Was raten Sie Unternehmen, die Schwierigkeiten beim Recruiting haben? Seilern-Aspang: Mit Unternehmer-Branding kann man sich ganz sicher in der heutigen Zeit und in der Zukunft von den anderen abheben. Das bedeutet, dass Human Resources-Abteilungen mehr in PR hineingehen müssen. Man muss sich als attraktiver Arbeitgeber so positionieren, dass man sich um Mitarbeiter in ihrer Entwicklung kümmert. Es muss ein neuer Arbeitgeber sagen: Jemand, der von dort kommt, hat die perfekte Ausbildung und hat auch auf seinem Arbeitsplatz eine sehr gute Leistung bringen müssen.

Der konjunkturelle Abschwung wird vor allem Zeitarbeiter treffen .. . Pichorner: In Österreich nicht unbedingt, weil das Thema Zeitarbeit noch nicht dort ist, wo es hin will. Wir erwarten 120.000 Zeitarbeiter und sind jetzt bei 70.000.

Worauf baut sich diese Erwartung? Pichorner: Es gibt Studien vom Arbeitsmarktservice, die das bis 2010, 2012 prognostiziert haben.

Was kann man tun, um das Image der Zeitarbeit aufzupolieren? Pichorner: Wir versuchen, mit unseren Kunden so intensiv zusammenzuarbeiten, dass das Ganze möglichst menschlich über die Bühne geht. Der zweite Punkt ist, sich an die Gesetze zu halten. In Österreich gibt es 1400 Konzessionen für dieses Gewerbe, 20 bis 30 Prozent sind irgendwelche Glücksritter. Die machen alles kaputt.

Die Kritik ist auch, dass bei Zeitarbeit das Risiko vom Unternehmer auf den Arbeitnehmer abgewälzt wird. Pichorner: Es wird nur ein begrenztes Risiko abgewälzt. Ich weiß, dass es für den Einzelnen ein Problem ist. Aber zu sagen, ich habe nur neun Monate im Jahr einen Job, und das ist eine Schweinerei .. . Vielleicht hätte derjenige sonst gar keinen Job mehr. Auch für ältere Menschen, Langzeitarbeitslose oder Leute, die eine persönliche Krise gehabt haben, ist Zeitarbeit ein recht probates Mittel für den Wiedereinstieg.

Was wird besser werden auf dem Arbeitsmarkt? Pichorner: Ich glaube, dass es für die Frauen besser werden wird. Unternehmen können es nicht mehr leisten, dass hochqualifizierte Frauen, wenn sie schwanger werden, weg vom Fenster sind. Es muss sowohl von der Politik Aktionen geben, sprich gratis Kinderbetreuung, als auch von den Unternehmen, die sich überlegen müssen, welche Arbeitszeitmodelle und welche Rückkehrmodelle es geben kann.

Die Verweildauer in ein- und demselben Job wird immer kürzer .. . Pichorner: .. . weil es an Weiterentwicklung mangelt. Sie haben ja kein Problem, als qualifizierte Kraft einen Job zu finden.

Seilern-Aspang: Es sind auch Branchen hineingekommen, die an und für sich kurzlebig sind - wie IT und Telekom. Da wird man sehr schnell verbraucht.

Sind Arbeitgeber nicht fähig, ihre Mitarbeiter zu halten? Pichorner: Im KMU-Bereich sehe ich da schon ein Problem.

Seilern-Aspang: Das ist absolut richtig, weil man im KMU-Bereich selten jemanden findet, der für Personal verantwortlich ist.

Wo werden in fünf oder in zehn Jahren Arbeitnehmer gesucht? Pichorner: Techniker.

Seilern-Aspang: Es wird auch das Handwerk nach wie vor bleiben. Wenn man sich die Konkursstatistiken anschaut, dann gibt es sehr viele Gewerbebetriebe, die in Konkurs gehen. Man muss hier eine bessere Ausbildung anbieten, damit die nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern auch die wirtschaftlichen Zusammenhänge, damit sie überleben können.

Wie schaut die Karriere der Zukunft aus? Seilern-Aspang: Die klassischen Schritte im Karrierepfad müssen sich nicht in Zukunft halten, was auch gut ist. Es gibt Leute, die sagen, ich habe meine Karriere gemacht, ich möchte mich jetzt ein bisschen zurückziehen. Das muss auch ein Arbeitgeber akzeptieren können. Das sind Dinge, auf die man noch nicht wirklich eingestellt ist - auch Sabbaticals, wo man einmal eine Auszeit nimmt.

Wie ist die Einstellung der Arbeitgeber zu solchen Auszeiten? Seilern-Aspang: In Österreich ist man da noch sehr skeptisch.

Zu den Personen

- Erich Pichorner begann 2000 als Berater bei dem Personaldienstleister Manpower Österreich, wo er seit 2007 Geschäftsführer ist. Sein Maschinenbau- und Musikwissenschaft-Studium hat er zugunsten des Jobs aufgegeben.

- Thomas Seilern-Aspang ist Partner beim Personalberatungsunternehmen Pendl & Piswanger. Seine Tätigkeitsschwerpunkte sind neben der klassischen Personalberatung Personalmarketing und Management Audit.