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"Angst vor China nicht rational"

Von Eva Pfisterer

Wirtschaft
Helmut Sohmen: "China ist verblüfft über das Versagen der politischen Elite in Europa."

"Man merkt auch seitens Chinas Regierender eine vorsichtige Öffnung."


"Wiener Zeitung": Europa scheint auf einem Scheideweg zu sein. Der Wachstumsknick in der Eurozone verschärft jetzt auch noch die Schuldenkrise. In einer schweren Schuldenkrise und am rand einer Rezession - sehen Sie als gefragter Berater von Regierungen einen Ausweg?

Helmut Sohmen: Europa muss harte Entscheidungen treffen. Lösungen gehen nicht ohne Schmerzen. Ohne politische Union, ohne gemeinsame fiskalische Regelungen, also ohne zentrale Finanzgebarung, wird es die EU nicht mehr lange geben. Die letzten zwei Jahre wurden schon verschlampt. Chinas Regierung ist verblüfft über das Versagen der politischen Eliten in Europa.

Sie sehen also den Euro selbst in Gefahr?

Das hängt davon ab, ob Italien zu retten ist. Das Wichtigste ist jetzt eine starke politische Führung, eine Regierung von Experten in Griechenland und Italien.

Der Nobelpreisträger Paul Krugman sagt jetzt, die EZB soll jetzt so viele italienische Staatsanleihen wie möglich kaufen, denn ein Zusammenbruch wäre noch viel schlimmer - in Gefahr müsse man auch Regeln brechen und die Inflation sei beherrschbar.

Ich gebe Krugman recht: Um Schlimmeres zu verhindern ist es besser, die Europäische Zentralbank fungiert als "lender of last resort". Sonst werden die Leute das Geld abziehen. Dann werden nicht nur die Banken, sondern auch die Wirtschaft, weil sie keine Kredite mehr bekommen wird, zusammenbrechen.

China beobachtet sehr besorgt, was in Europa passiert...

Die Chinesen haben ein großes Interesse an einem starken Euro, da sie ihre Devisen auch in Euro veranlagen wollen. Außerdem sehen die Chinesen Europa auch als größten Absatzmarkt und Handelspartner.

China hat ja auch schon griechische und portugiesische Staatsanleihen gekauft. Hängt - übertrieben gesagt - Europas Rettung an China?

Die Chinesen könnten viel mehr in Europa investieren. Sie sind jedoch vorsichtig, solange das Risiko groß ist.

Die Angst, die immer wieder vor dem Ausverkauf Europas an China geschürt wird, ist also übertrieben?

Diese Angst vor China ist nicht rational. Es gibt viel mehr Investitionen der USA und Europa in China als umgekehrt. Wenn die Chinesen investieren, dann nicht aus politischem Interesse. Ihr Ziel ist Wachstum, Wohlstand und Energieversorgung in China. Außerdem sehen die Europäer nicht, dass die Chinesen durch Direktinvestitionen im Westen liberaler werden müssen.

Die reichen Griechen haben große Teile ihres Vermögens schon außer Landes gebraucht. Auch die reichen Chinesen wollen das tun.

Die reichen Griechen leben schon lange in Monaco und London. In China wird die Emigration jedoch beschränkt bleiben. Die wirklich reichen Chinesen haben sich längst abgesichert und in Hongkong ihr Kapital veranlagt. Dort ist die Rechtssicherheit größer. Freilich, die ganz Vorsichtigen gehen nach Vancouver.

Chinas BIP ist 2010 noch um 10,3 Prozent gewachsen, heuer wird es nur ehr ein Plus von 8,4 Prozent sein. Haben Sie nicht immer gesagt, wenn die Wirtschaft nur sieben Prozent wächst, wird es einen politischen Aufstand geben?

Ich habe nur gesagt, dass sieben Prozent Wachstum in China nötig sind, um die Menschen glücklich zu machen. Vielleicht geht das auch noch mit sechs Prozent. Auch die Chinesen werden realistischer.

Wie sehen Sie die Entwicklung Chinas im Allgemeinen?

Generell positiv. Die Regierung hat sehr gut ausgebildete Leute. Sie wissen, dass die zunehmende Kluft zwischen Reich und Arm ein Problem ist - es gibt noch immer über 320 Millionen Menschen, die in Armut leben. Man will auch die Umweltverschmutzung mit mehr nachhaltiger Energie eindämmen, man braucht mehr Wohlfahrtseinrichtungen und sauberes Trinkwasser. Zwei Drittel der Chinesen haben keinen Zugriff auf sauberes Wasser. Auch die interne Migration ist ein Problem. Doch ich sehe aus eigener Erfahrung jeden Tag kleine Fortschritte. Auch die Leute werden mutiger und wehren sich - trotz Drohungen. Man merkt auch seitens der Regierenden eine vorsichtige Öffnung.

Helmut Sohmen gehört zu den erfolgreichsten Auslandsösterreichern. Er hat vor 20 Jahren von seinem chinesischen Schwiegervater eine der größten privaten Reedereien übernommen. Von den 150 großen Handelsschiffen sind die meisten Öl- und Erdgastanker. Mit bester Ausbildung in Amerika und Europa sowie unternehmerischem Geschick ist der gebürtige Linzer in den Olymp der Superreichen aufgestiegen. Der 75-jährige Sohmen zählt zu den profundesten Kennern Chinas.