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Angst vor dem fatalen Fehler

Von Klaus Huhold

Politik

Wenn eine Seite auch nur einmal überreagiert, kann dies einen Flächenbrand auslösen.


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Pjöngjang/Wien. Sehr viel mehr Eskalation geht nicht mehr. Zumindest verbal. Wenn Nordkorea seine Drohungen fortsetze, werde diesen mit "Feuer, Wut und Macht, wie die Welt es so noch nicht gesehen hat" begegnet, sagte Donald Trump am Mittwoch. Dass sich ein US-Präsident derart äußert, ist schon lange her. Von einem "Regen der Zerstörung aus der Luft, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat", hatte am 6. August 1945 der damalige Präsident Harry Truman gesprochen, als er den Abwurf der Atombombe auf Hiroshima verkündete. Trumps Verbalausbruch war die Meldung vorausgegangen, dass Nordkorea laut Geheimdiensten einen Atomsprengkopf entwickelt hat, der klein genug für den Einsatz in seinen Interkontinentalraketen ist - was das Bedrohungsszenario noch einmal steigert.

Nordkoreas Antwort kam prompt und war heftig. Die Streitkräfte zögen einen Angriff auf Guam - einen militärischen Vorposten der USA, auf dem diese Truppen stationiert haben - "ernsthaft in Erwägung", verkündet die amtliche Nachrichtenagentur KCNA. Sobald Staatschef Kim Jong-un dies befehle, würde das Militär die 3500 Kilometer von Nordkorea entfernte Pazifikinsel angreifen. Dass die Nordkoreaner ein konkretes Ziel eines möglichen Angriffes nennen und mit einem Erstschlag drohen - auch das gibt dem Konflikt eine neue Qualität.

Ist damit die Kriegsgefahr noch einmal gestiegen? Auf den Börsen schlägt sich schon eine derartige Furcht nieder. Deshalb haben Investoren am Mittwoch Aktien in großem Stil verkauft. Sie griffen stattdessen bei als sicher geltenden Anlagen wie Gold oder dem Schweizer Franken zu. Weltweit gingen Börsen ins Minus.

Allerdings: Es kamen aus den USA auch andere Signale. Demokratische und republikanische Politiker kritisierten Trump wegen seines verbalen Wutausbrauchs. Und Außenminister Rex Tillerson meinte gar, dass man sich trotz der speziellen Rhetorik keine Sorgen machen müsse.

Druck auf China

Dass sich die USA die militärische Option offenhalten, gehört seit Trumps Amtsantritt zu ihrer Politik. Das hat auch strategische Gründe: Erstens wollen die USA damit Nordkorea, das bereits Atombomben getestet hat und dessen Raketen eine immer größere Reichweite besitzen, zu Verhandlungen zwingen. Zweitens soll damit der Druck auf China erhöht werden, stärker gegen das kommunistische Nachbarland vorzugehen. Zumindest zweiteres geht auf. Der UN-Sicherheitsrat hat kürzlich verschärfte Sanktionen gegen Nordkorea beschlossen, und Peking hat angekündigt, diese voll mitzutragen.

Den US-Militärs ist bewusst, welche fatale Folgen ein Krieg auf der koreanischen Halbinsel hätte: Nicht nur könnte die Zahl der Toten in die Millionen gehen, auch würde er wohl eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise auslösen. "Die USA wissen, dass die militärische die schlechteste aller Optionen ist", sagt der "Wiener Zeitung" Patrick Köllner vom GIGA, einem deutschen Forschungsinstitut.

Nordkorea wiederum ließ am Mittwoch einen zu lebenslanger Haft verurteilten kanadischen Pastor frei. Man weiß noch nicht, in welchem Gesundheitszustand sich dieser befindet (der US-Student Otto Warmbier starb nach seiner Freilassung), aber wenn der Pastor gesund ist, kann dies als versöhnliche Geste interpretiert werden.

Generell ist Nordkorea - bei aller Rhetorik - an keinem Krieg interessiert, bei dem es auf lange Sicht unterlegen ist. Der US-Feind sieht seine Atomwaffen vielmehr als Absicherung an, um nicht, wie etwa der Irak unter Saddam Hussein, von den USA angegriffen zu werden. "Den Nordkoreanern ist klar: Wenn sie militärisch massiv aktiv werden, dann bedeutet das das Ende für das Regime und das Land", betont Köllner, der am GIGA das Institut für Asien-Studien leitet.

Gefährliche Unberechenbarkeit

"Man könnte sich einen Militärschlag der Nordkoreaner nur vorstellen, wenn man dort glaubt, dass ein militärischer Angriff der USA unmittelbar bevorsteht", sagt Köllner.

Genau hier liegt die Gefahr: Dass die Nordkoreaner etwa Truppen-Aufstockungen der USA in der Region oder eine US-Militärübung als Vorbereitung auf einen Angriff interpretieren und diesem zuvorkommen wollen.

Aber auch bei den USA weiß man nicht, wie sie auf die permanenten Nadelstiche der Nordkoreaner reagieren. Vielleicht verspekuliert sich Kim und leitet mit der Aufrüstung genau sein Ende ein - weil die USA mit einem Militärschlag dem zuvorkommen wollen, dass Nordkorea US-Städte atomar angreifen kann. Wobei freilich denkbar ist, dass die Nordkoreaner mit ihrem Waffenprogramm noch gar nicht so weit sind, wie es die USA vermuten.

Nordkorea habe sich schon in der Vergangenheit bewusst als unberechenbar präsentiert, erklärt Köllner, unter Trump würden nun auch die USA so agieren. "Dadurch wächst die Gefahr von Fehlinterpretationen auf einer der beiden Seiten."

Auch wenn beide Seiten prinzipiell keinen Krieg wollen - ein einziger fataler Fehler kann in diesem Konflikt einen verheerenden Flächenbrand auslösen.