Zum Hauptinhalt springen

Angst vor dem Imam

Von Georg Friesenbichler

Politik

Nach dem Mord an dem niederländischen Filmemacher Theo van Gogh wächst in Europa die Angst vor einer muslimischen "Parallelgesellschaft" zu dem von westlichen Werten geprägten Staat, in der extremistische Ansichten gedeihen. Für Österreich halten Migrationsforscher diese Gefahr für übertrieben, warnen aber gleichzeitig davor, dass es auch hierzulande ähnliche Tendenzen geben kann, wenn man nicht gegensteuert.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 19 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Auch Deutschland wurde aufgeschreckt: Ein Fernsehbericht zeigte, wie ein islamischer Prediger in einer Moschee seinem vor allem türkischstämmigen Publikum kundtat, "die Deutschen" würden wegen ihrer Ungläubigkeit "in der Hölle brennen". Außerdem würden sie stinken, weil sie sich nicht unter den Achseln rasieren. Seitdem wird in unserem Nachbarland nicht nur heftig darüber debattiert, ob Imame künftig auf Deutsch predigen sollen und in welcher Form der Islam-Unterricht zu erfolgen hat, sondern auch darüber, ob die Integration der Minderheiten generell gescheitert ist. Zwangs-Ehen, mangelnde Deutschkenntnisse und die Schaffung einer eigenen Infrastruktur werden als Belege dafür angeführt, dass parallel zur deutschen Gesellschaft eine eigene, abgeschottete Gemeinschaft existiert.

Deutschland: Sprache lernen, Gesetze beachten

Innenminister Otto Schily forderte dazu auf, das Entstehen neuer und die Verfestigung bestehender Parallelgesellschaften zu verhindern. Kanzler Gerhard Schröder warnte am Wochenende im gleichen Sinn vor einem "Kampf der Kulturen". Er rief - im inhaltlichen Gleichklang sowohl mit den Christdemokraten als auch mit den Grünen - die Migranten dazu auf, deutsch zu lernen und sich an die gesetzgeberischen Regeln zu halten. Überdies trat Schröder für ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst, etwa an den Schulen, ein. Auf dem CSU-Parteitag am Wochenende war in einem Antrag, in dem die Assimilierung der Migranten gefordert wurde, wieder von dem umstrittenen Begriff der "Leitkultur" die Rede, der im Jahr 2000 noch heftige Kontroversen auslöste.

Österreich: Keine geschlossenen Strukturen

Der österreichische Migrationsexperte Bernhard Perchinig vom Institut für europäische Integrationsforschung an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften hält die deutsche Debatte allerdings für "ein bisschen hochgespielt" und vermutet einen Zusammenhang mit der Diskussion um den EU-Beitritt der Türkei. Auch sein deutscher Forscherkollege Klaus J. Bade von der Universität Osnabrück nennt das Wort von der Parallelgesellschaft einen "bei weitem ungeklärten Schreckensbegriff". Bis auf wenige Ausnahmen, etwa in Teilen Berlins, gebe es in deutschen Städten gar keine ethnische Homogenität.

Ähnlich analysiert Barbara Herzog, Kollegin von Perchinig am ÖAW-Institut, die Situation in Österreich: Unter den laut Volkszählung 2001 rund 340.000 Moslems, 96.000 davon österreichische Staatsbürger, sei eine in sich geschlossene Struktur nicht vorhanden. Parallelgesellschaft hält sie also für "übertrieben", weist aber auch den wachsenden Frust bei Einwanderern hin, der durch Versäumnisse der Integrationspolitik, insbesondere bei der rechtlichen Lage, ausgelöst wurde. Viele sehen die Versprechungen der westlichen Demokratie, dass jeder entsprechend seiner Leistung eine Chance erhält, nicht erfüllt. Mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten, auch in der zweiten Generation, würden aber dazu führen, dass sich die Betroffenen "anderen Orientierungsmustern zuwenden".

An den Rand Gedrängte werden empfänglicher

Perchinig assistiert, dass sich wie anderswo ebenso in Österreich vor allem die türkische Unterschicht zunehmend ethnisch definiert. Die Jugendlichen, auch aus der zweiten und dritten Migrantengeneration, scheiden früher aus der Schule aus, die mangelnde Bildung setzt sich in Hilfsarbeiterjobs um. Überdies, setzt Herzog hinzu, fehlen diesen Jugendlichen die "Rollenvorbilder der zweiten Generation", namentlich bei den Lehrkräften. Hier wären die Pädagogischen Akademien in der Vergangenheit bei der Ausbildung angehender Lehrer zu wenig auf die Herausforderungen eingegangen, meint die Forscherin.

Allerdings, ortet Perchinig auch eine erfreuliche Gegentendenz, gibt es gleichzeitig immer mehr türkisch-stämmige AHS-Besucher. Diese Mittelschicht, meint Barbara Herzog, sei allerdings noch klein. Dass es in Österreich dennoch nur "bescheidene radikal-islamische Tendenzen" gibt, sei dem traditionell entspannten Umgang mit dem moslemischen Glauben auf Ebene der staatlichen Instituionen zu verdanken: In Österreich ist der Islam als Religionsgemeinschaft anerkannt, der Religionsunterricht erfolgt in den Schulen.

Dass die jüngsten Vorgänge ein Scheitern des Konzepts der multikulturellen Gesellschaft beweisen, wie u.a. von den deutschen Unionsparteien nun behauptet wird, glaubt Herzog nicht. Sie verweist auf das Beispiel Kanada, wo die Multikulturalität durchaus funktioniere. In den Niederlanden sei demgegenüber die oft gelobte Toleranz an der Oberfläche geblieben, als Leitbild fungiere nach wie vor der protestantische, bürgerliche Weiße. Tatsächlich belegt eine Studie, dass Einwanderer in den Niederlanden stärker an den Rand gedrängt werden als etwa in Deutschland. Und die gewalttätigen Reaktionen auf den Tod van Goghs, bei denen Moscheen angezündet wurden, zeigen, wie viel Hass unter der Toleranz bisher verborgen schwelte.

Diese Selbsterkenntnis hat die Niederländer ebenso geschockt wie der Mord selbst. "Wie kann es sein, dass in Spanien, wo bei den Attentaten auf die Züge 191 Menschen starben, keine einzige Moschee angezündet wurde?", fragte sich nachdenklich der ehemalige Außenminister Max van der Stoel. Erschreckt hat die Politiker auch die Tatsache, dass in einem TV-Wettbewerb mit 300.000 Teilnehmern ausgerechnet der von einem Tierschützer ermordete Rechtspopulist Pim Fortuyn zum "bedeutendsten Niederländer" gewählt wurde. Die Gegenseite hat sich an diesem Sonntag zu Wort gemeldet - in Amsterdam demonstrierten bei einem Popkonzert 15.000 junge Niederländer und Marokkaner für ein friedliches Zusammenleben.